1997 – Lateinamerika und die Globalisierung

(Zeitschriften-Artikel Georg Boomgaarden, Dezember 1997)

Vor einigen Wochen nannte Klaus von Dohnanyi „Globalisierung“ das Schlagwort
der neuen Kassandra-Industrie. In Lateinamerika gibt es wie in Europa die
schwarzen und die rosa Brillen. In der Geschichte Lateinamerikas jedenfalls
hätte Kassandra ein weites Feld gehabt.

Die „Globalisierung“ begann für Lateinamerika, als Kolumbus die „Neue Welt“
betrat. Die meisten Bewohner des Kontinents ahnten nur noch nichts davon.
Lateinamerika mußte sich in seiner Geschichte immer anpassen -und es hat immer
wieder versucht, sich dieser Anpassung zu entziehen. Die Gestaltungsmacht war
woanders.

Ich habe den Eindruck, daß wir in Europa erst von Globalisierung reden, seit
wir selbst von Zwängen zur Anpassung betroffen sind, weil uns im komplexen
Weltsystem von heute die eigene Steuerungsfähigkeit verlorengeht.

Lateinamerika hat sich dem Weltmarkt geöffnet. Die Inflation ist vorerst
überwunden, der Außenhandel wächst, hohe Kapitalzuflüsse gleichen die
Handelsdefizite aus, die vor allem durch den Import von Kapitalgütern weiter
wachsen. Der Handel wächst weit stärker als die nationalen Volkswirtschaften,
die Verflechtung nimmt vor allem innerhalb Lateinamerikas und innerhalb von
Subregionen wie dem Mercosur zu. Dabei gibt es eine wachsende Sorge um
wachsende Handelsdefizite. Oft findet man noch ein Denken in Kategorien des
Ausgleichs des bilateralen Handels.

Die Globalisierung der Kapitalmärkte bedeutet für Lateinamerika, daß es
stärker an die internationalen Kapitalmärkte angekoppelt ist, als das in den
letzten fünfzig Jahren der Fall war. Besonderes Kennzeichen der
weltumspannenden Kapitalströne ist ihre Volatilität, also die Beweglichkeit,
mit der auf Signale des Marktes hin – seien es Zinsdifferenzen, seien es
Vertrauenskrisen – unvorstellbare Geldsummen bewegt werden.  Der crash in
Hongkong ließ die Börse in Sao Paulo schlagartig um 30% fallen – allerdings
waren sie seit Jahresanfang um 70% gestiegen. Brasilien mußte sich anpassen, um
die Spekulation gegen den Real zu bremsen, die nationalen Zinsen stiegen real
auf mehr als 30%. Es wird mit Wachstumsverlusten von 2-3% auf Grund dieser
Entwicklung gerechnet. Dennoch ist Lateinamerika wirtschaftlich bisher
glimpflich aus dem jüngsten Schock hervorgegangen.

Es ist festzustellen, daß alle diese Entwicklungen in einer Gutwetter-Periode
stattfinden, wo das Zinsniveau im Norden relativ stabil und nicht sehr hoch
ist. Was passiert, wenn es zu krisenhaften Entwicklungen in Nordamerika oder
Europa käme, ist nicht vorhersagbar.

Global aktive multinationale Unternehmen haben die großen Staaten
Lateinamerikas mehr und mehr in ihre Produktions- und Lieferketten einbezogen.
In Argentinien, Brasilien und Mexiko wird wieder investiert, vor allem mit dem
Ziel der Markterschließung. Die starken Volkswirtschaften der Region
diversifizieren und modernisieren sich. Allerdings werden häufig
kapitalintensive Investitionen ohne zusätzliche Arbeitsplätze getätigt, um im
Weltmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben. In einigen Ländern bleibt trotz aller
Diversifizierung eine hohe Abhängigkeit von wenigen Exportgütern aus dem
Rohstoffbereich bestehen. Die Spar- und Investitionsraten sind mit Ausnahme
Chiles niedrig, so daß Investitionen von externen Kapitalzuflüssen abhängig sind.

Information und Wissen sind die wichtigsten Produktionsfaktoren der Zukunft.
Es gibt Befürchtungen, daß Lateinamerika den Wettbewerb in Wissenschaft und
Technologie nicht bestehen kann. Kaum ein Land Lateinamerikas ist in der Lage,
ausreichende Mittel für Forschung und Wissenschaft zur Verfügung zu stellen um
Anschluß an die Industrieländer zu finden. Es ist schon bezeichnend, daß die
derzeit laufenden sehr wichtigen Investitionen in die Modernisierung der
Infrastruktur, wie Telekommunikation, Transport und Energie, durchweg mit
Technologie von auswärts arbeiten müssen.

Die globale Kommunikation hat in Lateinamerika eine Entwicklung genommen, die
uns in Europa vielleicht noch bevorsteht. Das Fernsehen beherrscht die
Meinungsbildung weit mehr als in Europa, die Unterhaltung einschließ­lich des
Sports beherrscht das Fernsehen völlig. Qualität ist out, Seifenopern –
telenovelas- und billigste shows sind in. Im Übrigen ist CNN überall dabei, und
wo CNN nicht dabei ist, findet auch nichts statt.

Die Globalisierung der Kommunikation führt zu fast völliger Gleichzeitigkeit
von Geschehen und der Nachricht darüber. Die einzelnen Nachrichten – meist nur,
wenn Katastrophen oder Sensationen passieren – stoßen auf Abwesenheit
elementarsten Hintergrundwissens und können kaum richtig eingeordnet werden.

Immer wieder wird behauptet, Globalisierung ließe nur noch das neoliberale
Wirtschaftsmodell zu und führe zu Verarmung großer Bevölkerungsteile. Hier
müssen wir die empirischen Befunde sehr sorgfältig studieren. Das Beispiel
Chiles, das schon seit langem eine Politik der Marktöffnung betreibt, zeigt,
daß die Regierungen Aylwyn und Frei mit Erfolg die Armut gegenüber dem Stand
von vor zehn Jahren halbiert haben.

Inflation hat schon immer als Steuer auf Armut gewirkt, da sich die
Oberschichten den Weg in den Dollar und die Kapitalflucht offengehalten hatten.
In Brasilien und Argentinien waren die Realeinkommen gerade in der Zeit von
Hyperinflation gesunken, die Einkommen gerade auch unterer Einkommensgruppen
sind durch die Reformen erhöht worden. Wachsende Arbeitslosigkeit relativiert
wiederum diesen Befund. Die Interamerikanische Entwick­lungsbank schätzt, daß
die Reformen etwa in den letzten fünf Jahren etwa 12% mehr Wachstum gebracht
haben. Die Verteilungsspielräume sind also größer geworden, allerdings ist die
Verteilung auch Spiegel der Markt- und Machtverhältnisse und damit in vielen
Teilen Lateinamerikas eher noch ungleicher geworden. Die Veränderung des
„Akkumulationskontos“, von dem Prof.Nitsch sprach, verändert auch die
Gesellschaftsstruktur selbst.

Wie Prof.Hemmer schon bemerkte, drohen einige Länder völlig von der
Entwicklung abgehängt zu werden. Nicaragua und Haiti können selbst mit größten
Anstrengungen in absehbarer Zeit den Lebensstandard der Bevölkerung der
siebziger Jahre nicht wieder erreichen. Auch in Staaten mit hohen
Wachstumsraten wurde in vielen Fällen das Lebensniveau von vor 1980 noch nicht
wieder oder gerade erst erreicht. Globalisierung bedeutet auch, daß
exportorientiertes Wachstum nur funktionieren kann, wenn Binnenmärkte wachsen –
anderfalls wäre der Welthandel ein geschlossenes System von Nullsummenspielen,
wo jedem Gewinner auch ein Verlierer gegen­übersteht. Gerade in Lateinamerika
schreitet aber die Entwicklung der Binnenmärkte nur langsam voran, Brasilien
oder Mexiko gehören heute zu den besonders dynamischen Volkswirtschaften,
zugleich nehmen Millionen Bürger aus diesen Ländern noch gar nicht als
Konsumenten am Wirtschafts­kreislauf teil, sondern verharren in Armut. Wie Herr
Hochschildt schon dargestellt hat, verschärft sich so auch die Kluft zwischen
Verlierern und Gewinner – individuell ebenso wie regional.

Wenn Globalisierung nicht Wettbewerb auf Kosten von Leben und Gesundheit der
arbeitenden Menschen bedeuten soll, werden globale Regeln notwendig. Dafür wird
die zahnlose ILO nicht ausreichen, die WTO wird sich auf Dauer dem öffentlichen
Druck nicht entziehen können und Handel und Sozialstandards stärker verbinden
müssen. Natürlich besteht dabei die Gefahr, daß diese für Zwecke des
Protektionismus mißbraucht werden. Aber das Verhältnis der USA zu Lateinamerika
zeigt schon, in welche Richtung die Diskussion gehen wird. Hier droht
erhebliches Konfliktpotential zwischen Lateinamerika und den Industrieländern
Europas und Nordamerikas.

Seit der Rio-Konferenz über Umwelt und Entwicklung wird zwar auch in
Lateinamerika mehr darüber nachge­dacht, wie Ökonomie und Ökologie in
Übereinstimmung gebracht werden können. Aber in Lateinamerika gilt im Zweifel
immer noch der Vorrang für die Wirtschaft. Der Begriff der „nachhaltigen
Entwicklung“ bleibt vorwie­gend folgenlosen Sonntagsreden vorbehalten. Aber
Fragen des Umweltdumping und des Sozialdumping werden zunehmend auch die
handelspolitischen Diskussionen beeinflussen.

Die Beziehungen zwischen Europa und Lateinamerika sind auch von der
Globalisierung des Verbrechens betroffen: Die Drogenbosse haben vermutlich
schon den Sieg über die nationalen Behörden davongetragen, die verzweifelt dem
materiellen und personellen Vorsprung der Kartelle hinterherlaufen müssen.
Korruption bis in höchste staatliche Stellen hinein und organisierte
Kriminalität hängen eng miteinander zusammen. Übrigens gehört zu den neuen
globalisierten Sektoren auch die Wirtschaftskriminalität und die massive
Steuerhinterziehung durch internationale Schlupflöcher, die die innerstaatliche
Solidarität schweren Belastungsproben aussetzt.

Ausreichende Mittel für Umweltschutz und Armutsbekämpfung können nur
erwirtschaftet werden, wenn stabile Währungen, solides Geld und zuverlässige
Rahmenbedingungen die Wirtschaft wachsen lassen. Aber Wachstum ist kein
Selbstzweck. Wie Prof. Hauchler heute morgen völlig zu recht bemerkte, ist die
Qualität des Wachstums entscheidend. Wir müssen fragen: welche kollektiven
Leistungen werden erbracht, kann der Staat die persönliche und rechtliche
Sicherheit seiner Bürger garantieren, gibt es Gerechtigkeit der Verteilung der
Güter und Chancen, hat die Kultur ihren Stellenwert, entspricht die Lebenswelt
der Menschen der Menschenwürde ? – alles das erst macht diese Qualität aus. Das
alles erforderte aber auch eine Vision von „Entwicklung“ in Lateinamerika – die
heute weitgehend fehlt.

Samuel Huntington hat mit seiner These vom „clash of civilisations“ eine
Diskussion über die Entstehung neuer globaler Konfliktlinien entlang
kultureller Paradigmen ausgelöst. Er sieht dabei vor allem den Islam als Gegner
und hofiert dafür Lateinamerika als kulturell verwandte Region. Er scheint ein
sehr kurzes Gedächtnis zu haben: die lateinamerikanischen Militärregime der
siebziger und zum Teil noch der achtziger Jahre haben fast alles mit Füßen
getreten, was verschiedenste Kulturen unter Rechten des Menschen verstehen –
auch wenn sich diese Regime theoretisch auf „abendländische Werte“ berufen
wollten. Erst das Scheitern dieser Regime und die Rück­kehr zur Demokratie in
den meisten Ländern der Region haben den Weg zu einer wirklichen Gemeinsamkeit
im Interesse der Universalität der Menschenrechte eröffnet.

Vielleicht bekommen wir wirklich einen „clash of civilisations“ – aber ganz
anders als es sich Huntington vorstellt: auch in Lateinamerika setzt sich eine
Schicht relativ wohlhabender, hochqualifiziert ausgebildeter Menschen von der
Masse der Bevölkerung ab. Diese kosmopolitische Schicht ist es , die die
Globalisierung trägt. Diese Wissensbesitzer können sich in allen Kontinenten
perfekt bewegen – so waren lateinamerikanische IWF-Experten erfolgreich als
Berater der russischen Regierung tätig und haben -ähnlich dem europäischen Adel
im achtzehnten Jahrhundert – mehr mit der entsprechenden Schicht in anderen
Ländern gemeinsam als mit der Gesellschaft, aus der sie kommen. Zugleich suchen
viele der Benachteiligten nach neuen Führern und Ideologien, wobei in
Lateinamerika derzeit religiöse Sekten mehr Konjunktur haben als politische
Heilslehren.

Für die Legitimität des politischen und sozialen Systems bedeutet das, daß
weniger mit einem rational austragbaren Interessenkonflikt als vielmehr mit der
Gefahr ressentimentgeladener Kommunikationslosigkeit gerechnet werden muß.

Demokratie und Marktwirtschaft müssen sich für die Mehrheit der Bevölkerung
bewähren, die Freiheit muß täglich neu errungen werden. Wer sie als
selbstverständlich hinnimmt und in die alten Übel von Korruption und
Machtmißbrauch zurückfällt, riskiert das bereits Erreichte. Im Übrigen wäre es
eine Illusion, so zu tun, als gehe es bei der Anpassung an die Globalisierung
in erster Linie um Sachzwänge: Macht und Interessen spielen im globalen Maßstab
genauso eine wichtige Rolle wie sie schon in nationalem Maßstab gespielt haben.
Sachzwänge zur Anpassung und Machtzwänge, die nur durch klare
Interessenvertretung abwendbar sind, müssen deutlicher auseinandergehalten
werden als das vielfach geschieht. Das ist in Lateinamerika nicht anders.
Globalisierung ist ein geduldiges Wort und wird für manches verantwortlich
gemacht, was nichts anderes als Durchsetzung von sozialer Macht ist.

Die immer engere Verflechtung mit dem Rest der Welt hat die Lateinamerikaner
enger zusammenrücken lassen. Die Herausforderung der Globalisierung wird durch
Regionalisierung angenommen. Das spiegelt die Tatsache wider, daß die
Lateinamerikaner erkannt haben, daß sie nur gemeinsam und als gewichtige
Großräume eine Chance haben, ihre Positionen und Interessen bei der zunehmenden
Globalisierung durchzusetzen.

Ob die „Teilglobalisierung“ durch eine Free Trade Area of the Americas
erfolgreich sein wird, ist noch nicht abzusehen. Vorerst hat Präsident Clinton,
der dieses Ziel bis zum Jahre 2005 erreichen wollte, einen schweren Rückschlag
erlitten, als der Kongress ihm erneut die „fast-track-resolution“ versagte.
Sicher wird die US-Administration ihr Ziel weiterverfolgen, aber die Stimmung
im Kongress für eine wirkliche Marktöffnung gegenüber Lateinamerika ist eher
negativ. Das ist kein Grund für uns Europäer, die Hände in den Schoß zu legen –
es ist eine Chance für uns, die Verflechtung mit Lateinamerika noch zu
verstärken.

Die Chancen der Globalisierung liegen auf der Hand: Lateinamerika kann seine
komparativen Vorteile gegenüber den Industrieländern, auch gegenüber Asien voll
ausspielen. Es ist ein attraktiver Markt: allein das Sozialprodukt des Mercosur
übersteigt das Chinas bei weitem, weil die pro-Kopf-Einkommen bereits
wesentlich höher liegen. Das bedeutet auch eine Möglichkeit für Europa und
Deutschland, an dem Wachstum der Region teilzuhaben.

Die Risiken der Globalisierung aber erfordern eine neue Rolle des Staates, sie
machen die Wiedererfindung der Politik notwendig, die anders als früher nicht
auf Intervention in einzelne Unternehmen gerichtet sein darf, sondern den
Ordnungsrahmen herstellen muß. Die Bekämpfung von Korruption und Kriminalität,
die Überwin­dung der Armut, die Sorge für Gesundheit und Bildung, die Sicherung
der Rechtsstaatlichkeit und der Effizienz der Justiz, die Überwachung von
Spielregeln des Marktes und des Wettbewerbs einschließlich der Verhinderung von
Sozial- und Umweltdumping fordern starke, demokratisch legitimierte Staaten, in
denen sich das Recht auch gegen die Macht durchsetzten kann, nicht aber einen
Nachtwächterstaat.

Viele Lateinamerikaner leben wie schon zur Zeit des Kolumbus am Rande des
„global village“, in den favelas oder vilas miserias. Während
lateinamerikanische Universitäten an der Erforschung des Genoms teilnehmen,
während lateinamerikanische Börsen mit Dow Jones, Dax und Hang Sen jonglieren,
leben viele Latein­amerikaner noch in archaischen Gesellschaftsstrukturen und
wissen von alledem, was in der Welt vorgeht, fast nichts.

Der brasilianische Präsident Fernando Enrique Cardoso sagte genau vor einem
Monat am 11.November in einer Rede: „Die Globalisierung ist keine Option, sie
ist eine unwiderrufliche Tatsache, und deshalb können wir nicht darauf
verzichten. Wir werden nur von der Globalisierung profitieren, wenn wir in der
Lage sind sie zu verstehen und unsere Interessen zu verteidigen.“

Wir müssen auch in Europa die neuen Realitäten wahrnehmen und zu verstehen
suchen, was für die tägliche Praxis daraus folgt.