Weltuntergänge – zum Jahreswechsel

„Feuer wird vom Himmel fallen“ – heißt es in der Apokalypse, Leser der „Asterix“-Comics wissen, dass der gallische Stammesfürst Majestix fürchtet, dass „ihm der Himmel auf den Kopf fällt“, so wie schon Gaius Iulius Caesar in seinen comentarii über die Eroberung Galliens über den keltischen Glauben berichtet. Richard Wagner hat die germanische „Götterdämmerung“ dramatisch als Oper gestaltet, „das Weltenende steht bevor!“ – sagen Propheten aller Zeiten, vor 2000 Jahren nicht anders als heute.

Nun ist jedem von uns das Ende seiner spezifischen Welt, der Welt seiner Erfahrungen und seines Denkens beschieden, der Tod ist nun einmal unausweichlich. Aber darum geht es bei den prophezeihten Weltuntergängen nicht. Da geht es um die ganze Menschheit, um das Leben auf unserem Planeten Erde, unser Sonnensystem, unsere Galaxis, das ganze Universum. Von jedem individuellen Leben bleiben mehr oder weniger Spuren erhalten: genetisches Material codiert in unseren Nachkommen, geistiges Material in Artefakten, in schriftlich oder neuerdings elektronisch gespeicherten Medien, unser Bild in Fotos und Videos. Doch der Weltuntergang schließt den Untergang aller dieser Spuren mit ein.

Die christliche Religion lässt ihre Gläubigen hoffen, dass etwas von ihnen bleibt. Der ursprüngliche Glaube an die Auferstehung und das ewige Leben verstand dies wörtlich und durch und durch materiell. Im anthropomorphen Universum ist Platz für Himmel, Erde und Hölle – und die Menschen haben dort jeweils ihren Platz, nicht anders als auf Erden. Eine Erde als flache Scheibe passt besonders gut für diese Raumordnung.

In Zeiten, in denen naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu einem Teil unseres Bildes von der Welt geworden sind, ist das komplizierter. Geheimnisvolle Umwandlungen von materiellen in geistige Wesen lassen uns quasi in einen anderen Aggregatzustand übergehen, in dem wir die materielle Welt verlassen und in eine geistig-religiöse neue Welt eintreten, die mit der uns bekannten nicht wirklich etwas zu tun hat und deshalb auch vor Widersprüchen gegen die Wissenschaft abgeschirmt ist. Dann kann die uns umgebende materielle Welt, ja das ganze Universum, getrost untergehen, denn das „Jenseits“ ist heute auch jenseits dieses unseren Universums. Nähere Einzelheiten des Jenseits sind je nach Religion unterschiedlich gestaltet. Die Religionen kennen fast alle Autoritäten, heilige Schriften und Personen, die dazu verbindliche Erklärungen anbieten. Ich lasse die religiösen Lehren von Weltuntergängen hier aus dem Spiel. Jeder mag dazu glauben, was ihm recht ist.

Die jenseits der Physik angesiedelte Metaphysik gibt den philosophischen Gedanken jedes Einzelnen einen unendlichen Raum, in dem sich trefflich spekulieren lässt, auch über das Sein, Werden und Vergehen der Welten. Die Physik als Wissenschaft schränkt diesen Raum der Spekulation ein auf Hypothesen, die mathematisch konsistent sind und mit Beobachtungen und Experimenten in Übereinstimmung gebracht werden können. Auch dieser Raum ist sehr geräumig und lässt Platz für viele Hypothesen – was wir vorläufig als „sicheres Wissen“ akzeptieren, ist umgeben von Nichtwissen. Als „unsicheres Wissen“ bezeichne ich die Annahmen, auf die wir unser im alltägliches Handeln mit hinreichender Sicherheit stützen können, wo wir uns aber bewusst sind, dass unser Wissen dennoch lückenhaft und unsicher ist.

Nach dem Stand der heute vorherrschenden kosmologischen Theorie bestand das Universum nicht ewig, sondern entstand plötzlich und dehnt sich seitdem aus – ob ewig, das ist umstritten. Da mit dem metaphorisch als „Big Bang“ bezeichneten Akt der Entstehung auch die Zeit selbst erst entsteht, hat die Frage nach einem „vorher“ keinen Sinn. Sollte es ein „Ende der Zeiten“ geben, hat auch die Frage nach einem „nachher“ in unserer Sprache keinen Sinn. Also lasse ich auch diese Art von Weltuntergang als Ende des Universums mal aus dem Spiel.

Bleiben die physisch-materiellen Weltuntergänge durch Veränderungen innerhalb des Universums, in unserer Galaxis, in unserem Sonnensystem und natürlich hier auf unserem Planeten Erde.

Es ist bekannt, dass sich die benachbarte Andromeda-Galaxis, als sogenannter „Andromeda-Nebel“ mit dem Feldstecher am nächtlichen Himmel gut erkennbar, auf Kollisionskurs mit unserer eigenen Galaxis – unserer Milchstraße – befindet. Aber bis zu dem Crash, einer Durchdringung beider Galaxien, haben wir noch etwa vier Milliarden Jahre Zeit, vorher passiert da nichts. Immerhin, weniger als eine Ewigkeit ist das schon.

Auch unser Lebensquell, die Sonne, verändert sich. Manche Sterne explodieren als Supernova. Dazu ist die Sonne zu klein. Wenn ihr Kernbrennstoff in etwas fünf Milliarden Jahren aufgebraucht ist, wird sie sich vermutlich zu einem „Roten Riesen“ aufblähen und die Erde verschlucken – wenn sie nicht schon zuvor beim Crash mit der Andromeda-Galaxis aus dem Gleichgewicht gerät. Das ist aber auch noch lange hin – bisher hat die Sonne erst die Hälfte ihrer Lebenszeit hinter sich.

Allerdings nimmt die Intensität der Sonnenstrahlung alle 120 Millionen Jahren um etwa 1% zu. Irgendwann ist diese Strahlung zu stark für Leben auf der Erde. Spätestens in 500 Millionen Jahren dürfte die Erde nur noch ein unbelebter Gesteinsbrocken sein. Das sind Zeiträume mit denen Geologen rechnen, wenn sie in die Vergangenheit der Erde schauen. Im Kambrium – also vor rund 500 Millionen Jahren – gab es bereits eine Vielfalt von Leben auf der Erde. Spuren davon sind uns als Fossilien überliefert. So viel Zeit, wie es für die Entwicklung von Einzellern zum homo sapiens brauchte, haben wir also in Zukunft nicht mehr, jedenfalls nicht in diesem Sonnensystem.

Die Weltuntergänge durch Veränderungen im Universum und unserer Sonne stehen uns sicher bevor, aber sie liegen doch in einer Ferne, die uns nicht wirklich besorgt sein lässt. Also wende ich mich als nächsten den Weltuntergängen zu, die durch plötzlich und nur schwer vorhersehbare Ereignisse im Universum eintreten könnten.

Irgendwo im Universum kann es Strahlungsausbrüche oder Schwerewellen oder dunkle Materie oder auch Antimaterie geben, die wir nicht kennen, die uns aber treffen und zu einer Katastrophe für das Leben führen kann. Das aber ist so spekulativ und eben unvorhersehbar, dass wir es als mögliches, aber doch sehr unwahrscheinliches Schicksal ansehen können, dem ich weiter nicht nachgehe.

Anders ist es mit großen Gesteinsbrocken aus dem Weltraum, die vor allem als Asteroiden unsere Sonne auf Bahnen umkreisen, die sich dann und wann mit der Erdbahn kreuzen. Es gab bereits Zusammenstöße mit einigen ziemlich großen Brocken und es wird sie vermutlich irgendwann wieder geben. Je nach Größe und Energie des Aufpralls können sie eine große Katastrophe auslösen bis hin zum Aussterben vieler Arten einschließlich des Menschen, ja bis hin zur Auslöschung von Leben auf der Erde überhaupt. Große Brocken, die das Leben auf der Erde weitgehend auslöschen würden, kann niemand abwehren.

Es spricht vieles dafür, dass ein katastrophaler Einschlag eines Asteroiden jedenfalls noch vor Ablauf der 500 Millionen Jahre eintritt, zu dem die Erde wegen des Anstiegs der Sonnenstrahlung ohnehin unbewohnbar wäre. Leider können wir nicht wissen, ob wir noch einige 100 Millionen Jahre Zeit haben – was unwahrscheinlich ist – oder weniger als ein bis zwei Jahrhunderte, was wir nicht vorhersagen können. Der Himmel würde dann sprichwörtlich auf die Erde fallen und Majestix zermalmen, die Oberfläche würde sich zuvor so aufheizen, dass Feuer vom Himmel fiele, wie es in der Apokalypse heißt. Wahrscheinlich wäre so ein Einschlag das Ende für das Leben auf unserem Planet Erde. Vielleicht entsteht danach neues Leben und eine neue Evolutionsdynamik, aber sicher nichts mit dem heutigen Zustand vergleichbares.

Schon kleinere Brocken können katastrophale Folgen haben, so wie der Meteoriteneinschlag, der wahrscheinlich vor etwa 66 Millionen Jahren die Dinosaurier aussterben ließ – oder zumindest das Aussterben beschleunigt hat. Es wird überlegt, ob kleinere, aber auch katastrophale Einschläge durch Ablenkung des Himmelskörpers verhindert werden können. Bisher wissen wir aber nicht, ob das möglich sein wird.

Das Magnetfeld der Erde ist ein wesentlicher Faktor für das Leben. Durch den van-Allen-Gürtel schützt es die Erdoberfläche vor starker kosmischer Strahlung, auch vor Strahlung von Sonnenausbrüchen. Das Magnetfeld verändert sich und hat sich bereits oft umgepolt. Dadurch gibt es zumindest zeitweise einen geringeren Schutz gegen schädliche Strahlung aus dem All. Das kann Mutationen und damit Evolution beschleunigen, aber auch Leben gefährden. Ein „Weltuntergang“ wird aber von einer Magnetfeld-Umpolung nicht erwartet.

Die Atmosphäre unserer Erde einschließlich der vor Strahlung schützenden Ozonschicht hat sich erst nach und nach entwickelt. Bei der Produktion von Sauerstoff und anderen Bestandteilen der Lufthülle haben von Anfang an Lebewesen eine Rolle gespielt. Die Zusammensetzung der Atmosphäre verändert sich weiter. Ein Lebewesen – der Mensch – hat sich spätestens seit 200 Jahren erheblich an diesen Veränderungen beteiligt. Durch Ackerbau und Viehzucht, Abholzung und Industrialisierung greifen Menschen in die natürlichen Abläufe ein und verändern ihre eigene Umwelt. Das ist unbestreitbar und nachweisbar.

Wie genau menschliche Eingriffe wirken, ist Gegenstand intensiver Forschung und wie jede wissenschaftliche Erkenntnis vorläufig und mit gewissen Unsicherheiten behaftet. Dennoch haben viele der Erkenntnisse zum Wandel der Atmosphäre durch menschliche Einwirkung inzwischen einen Stand erreicht, wo von hinreichend sicherem Wissen gesprochen werden kann. Die Auswirkungen dieser Veränderungen auf das globale und lokale Klima sind sehr komplex und wiederum Gegenstand intensiver Forschung. Unser Wissen darüber ist in den letzten Jahrzehnten massiv angewachsen, aber es gibt noch Lücken, wo wir zu wenig wissen.

Die Atmosphäre in ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung ist Voraussetzung für unser Leben. Starke Abweichungen würden Leben auf dem Planeten unmöglich machen. Inwieweit kleinere Abweichungen toleriert werden können, wie weit Lebewesen sich anpassen können, darüber wissen wir sehr wenig. Wann kleinere Änderungen unsere Anpassungsfähigkeit überschreiten, wissen wir definitiv nicht, aber es ist ziemlich sicher, dass es hier einen Punkt gibt, wo die Anpassung nicht mehr ausreicht. Dabei müssten sich ja nicht nur Menschen und einzelne andere Lebewesen anpassen, sondern der ganze Kreislauf des Lebens der Tier- und Pflanzenwelt. Es steht fest, dass abrupte massive Veränderungen in der Zusammensetzung der Atmosphäre für menschliche Wesen einen „Weltuntergang“ bedeuten würden, aber auch kleine Änderungen können die Schwelle zum Untergang überschreiten.

Die durch die Industrialisierung hervorgerufenen Veränderungen sind erheblich. Am natürlichen Treibhauseffekt, der die Erde erst auf lebensfördernde Temperaturen aufheizt ist vor allem Wasserdampf beteiligt, CO²-Emissionen haben den Hauptanteil am zusätzlichen von Menschen verursachten Treibhauseffekt.

Manche fürchten, dass der Klimawandel einen von Menschen verursachten Weltuntergang einleiten könnte. Das Klima ist nur einer der vielen rückgekoppelten Gleichgewichtsprozesse auf der Erde, bei dem menschliche Einwirkungen, Veränderungen auf der Sonne und geologische, vor allem vulkanische, Prozesse zusammenwirken. Jedes Gleichgewicht schwankt und schwingt um relativ stabile Mittelwerte. Aber jenseits gewisser Triggerpunkte gerät es aus dem Rhythmus. Dann kann es zu schnellen Veränderungen kommen und das Gleichgewicht pendelt sich möglicherweise, aber nicht verlässlich, auf einem anderen Satz von Daten ein.

Für menschliches Leben, ebenso wie für Pflanzen und Tiere kann das katastrophale Auswirkungen haben, bis hin zum Untergang der uns heute vertrauten Umwelt. Im Unterschied zu anderen Szenarien von Weltuntergängen gibt es für die auf anthropogenen Ursachen beruhenden die Möglichkeit, das menschliche Handeln zu verändern, bevor eine unaufhaltsame und katastrophale Eigendynamik in Gang gesetzt wird. Das Problem bleibt, wie solche Verhaltensänderungen erreicht werden können, bevor es zu spät ist – zumal wir nicht genau wissen, wann es zu spät ist.

Vor vierzig Jahren stand ein anderes Szenario für den Weltuntergang im Mittelpunkt der Debatten: der kalte Krieg konnte jederzeit in einem nuklearen Inferno enden, der die menschliche Zivilisation ausgelöscht, oder zumindest so verändert hätte, dass unsere heutige Welt jedenfalls untergegangen wäre. In der Welt des nuklearen Schreckens war ein Weltuntergang durch Krieg nicht mehr nur lokal oder regional möglich, sondern auch global für die ganze menschliche Zivilisation. Heute ist diese Debatte von der über den Klimawandel verdrängt worden – aber die Gefahr besteht weiterhin.

Menschliche Gemeinschaften haben schon oft in der Geschichte den Untergang ihrer jeweilige Lebenswelt erleben müssen. Ganze Völker wurden ausgerottet oder versklavt, kamen in Kriegen als Kämpfer oder als „Kollateralschäden“ um ihr Leben, ihre Dörfer und Städte wurden zerstört, ihre Schriften verbrannt und ihre Erinnerungen ausgelöscht. Auch ein nicht globaler Untergang kann für eine große Zahl von Menschen und ihre Welt ein „Weltuntergang“ sein.

Die unkontrollierte Ausbreitung bestimmter Tiere und Pflanzen kann andere Arten verdrängen und sogar zum Aussterben bringen. Die Konkurrenz um Ressourcen innerhalb der gleichen Art kann zu Aggression führen. Die unkontrollierte Ausbreitung von Menschen unterliegt ähnlichen Gesetzen. Die Bevölkerungsexplosion ist noch nicht abgeschlossen. Gerade in den ärmsten Ländern wächst die Bevölkerung über das Maß hinaus, bei dem Ernährung und Erziehung und später Arbeitsplätze für die zusätzlichen Menschen gesichert werden können. In den weiter entwickelten Ländern hingegen wird über das Problem der Demografie – den Bevölkerungsrückgang geklagt.

Das Wirtschafts- und Sozialsystem beruht überall auf Wachstum – auch der Bevölkerung. Wir haben noch keine Ökonomie von Gleichgewichtssystemen ohne oder mit nur geringem qualitativen Wachstum. Eine teils überbevölkerte arme Welt und eine reiche, aber demografisch schrumpfende Welt können Migrationsbewegungen in Gang setzen. Auch dadurch werden Lebenswelten verändert, manche bis zur Unkenntlichkeit. Das sind keine Weltuntergänge! Aber es können „Lebensweltuntergänge“ sein.

Richtige Weltuntergänge sind wie der Tod: Angst kann man nur DAVOR haben, danach ist niemand mehr da, der Angst haben könnte. Untergänge von Lebenswelten hingegen hinterlassen Waisen: die Menschen aus der vorherigen Zeit, die mit der neuen nicht zurechtkommen. Als die Lebenswelt des deutschen Kaiserreichs nach 1918 unterging, blieben die „Kaiserdeutschen“ noch längere Zeit erhalten. Für sie war eine Lebenswelt untergegangen, mit der neuen konnten sich viele nie anfreunden, was dann zum Untergang der Weimarer Demokratie beitrug.

Ich bin ein unverbesserlicher Optimist, und sei es aus purer Verzweiflung: das Wissen darum, dass unsere Sonne und unser Planet eine begrenzte Lebensdauer haben, beunruhigt mich kaum – aber das Wort Ewigkeit gilt dafür jedenfalls nicht. Die Wahrscheinlichkeit, das irgendwann zwischen 2050 und 20005000 ein Meteorit die Lebensgrundlagen für menschliches (und anderes) Leben zerstören kann, ist schon bedenklicher – aber ein Versicherungsmathematiker wird mich dafür nicht versichern, sondern nur mir versichern, dass das nicht versicherbar ist. Ein wirklicher Weltuntergang, der das Leben auf der Erde zerstört, ist wie der Tod, von dem Epikur sagte, dass er ihn nicht fürchte, denn solange er da ist, kann kann er eben nicht tot sein, fürchte sich also grundlos, und wenn er tot ist, ist da keiner mehr, der sich fürchten könnte. Dann kann sogar die Versicherung nicht mehr bankrott gehen, weil es gar keine mehr gibt. Also bleibt nur ein fatalistischer Optimismus, denn es „is ja noch immer jood jegange“ in Kölle und anderswo.

Bleibt die Möglichkeit, den Planeten für uns Menschen durch eigenes Handeln in den Untergang zu treiben. Da das nicht so schnell geht, ist der erste Schritt immer der Untergang der uns bekannten Lebenswelt. Es sind die „Lebensweltuntergänge“, die wir wirklich fürchten.

Der Untergang der Lebenswelt verhält sich zum vollständigen Weltuntergang ist wie Invalidität zum Tod. Nicht ohne Grund sind die Versicherungssummen für Invalidität in der Regel ungleich höher als für den Todesfall. Denn es gibt eben ein „danach“, ein jenseits des Eintritts des Versicherungsfalles. Niemand will den Versicherungsfall, niemand weiß sicher, ob er überhaupt eintritt und in welcher Weise. Aber wer für sich und die seinen Verantwortung trägt, wird gut daran tun, sich trotz aller Mängel an Kenntnis und Wissen dennoch zu versichern und zugleich Vorsorge zu treffen, dass Unfällen und Krankheiten vorgebeugt wird.

So verhält es sich auch mit den globalen Risiken des Klimawandels, der Umweltzerstörung und der menschlichen Aggression, die sich in Kriegen und Gewalt äußert. Wir wissen nicht, wann und wo es uns trifft, wir kennen viele Mechanismen der Klimadynamik und des ökologischen Gleichgewichts nicht genau genug, um zu wissen, wann und wo welcher Schaden genau eintritt. Aber wir wären grob fahrlässig, wenn wir trotz aller Mängel an Kenntnis und Wissen uns nicht gegen Schäden versichern würden und mit aller Sorgfalt vorbeugende Maßnahmen treffen, damit diese möglichst nicht eintreten.

Manchmal treten die Propheten und Warner mit einer provozierenden Selbstsicherheit auf, so als hätten sie bereits die ganze komplexe Dynamik von Umwelt und Klima verstanden. Dann wäre weitere Forschung ja eigentlich überflüssig! Schlimmer aber ist es, wenn die Antipropheten und Entwarner meinen, dass es sich auf Grund mangelnden Wissens ungeniert leben lässt und jegliche Sorgfalt unnötig sei. Weniger Wissen muss uns zu noch vorsichtigerem Handeln veranlassen, alles andere wäre verantwortungslos.

Menschliches Verhalten ist auch nur in Maßen vorhersehbar. Von Politikern und Wissenschaftlern ausgearbeitete Szenarien eignen sich dafür, Risiken aufzuzeigen. Doch die eigentliche Herausforderung besteht darin, den Risiken entgegenzuwirken. Die Analyse allein ist etwas für Pessimisten, denn es lässt sich vorhersagen, dass es immer genügend Dummheit und Schlechtigkeit in der Welt gibt, die zu Gewalt und Krieg führt. Das politische Handeln ist etwas für unverbesserliche Optimisten, die sich sagen: „wer nichts tut, hat schon verloren!“

Auch in der Politik gibt es nur Handeln unter Risiko und unter der Bedingung unvollständiger Information. Einfache Lösungen gibt es fast nie. Wie beim Thema des Klimawandels ist es falsch, darauf mit Antipolitik, populistischer Vereinfachung oder Resignation zu reagieren. Vielmehr ist Versicherung gegen Kriegsrisken durch Verständigung einerseits und Bündnisse andererseits, und sorgfältige Konfliktverhütung durch informiertes, verantwortungsbewusstes Handeln notwendig.

Lebenswelten verändern sich stetig und langsam. Wenn es zu schnell geht, wächst die Furcht vor „Lebensweltuntergängen“. Es kommt darauf an, Wandel zu gestalten und nicht einfach passieren zu lassen. Die Angst vor Kontrollverlust nicht nur über das eigene Leben, sondern über eine ganze Lebenswelt, kann zu ebenso unkontrollierten Reaktionen führen, die die Unsicherheit noch verstärken. Das ist unter anderem auch der Grund dafür, dass das Thema der Migration und der mangelnder kulturellen Assimilation von Zuwanderern eine so hohe und dauerhafte politische Brisanz hat. Hier stoßen Lebenswelten aufeinander. Sie bestehen oft längere Zeit nebeneinander. Wenn sie verschmelzen, verlieren sie an Brisanz. Wenn sie aber irgendwann in Konflikt miteinander geraten, kann das mangels gemeinsamer Grundlagen für eine Verständigung zu Gewalt führen. Die behutsame Anpassung und Verschmelzung von unterschiedlichen Lebenswelten zu etwas Neuem braucht Zeit, vor allem aber Akzeptanz.

Als Vorsatz für den Jahreswechsel bleibt: Lebensweltuntergängen vorbeugen, Weltuntergänge abwarten, und viel Tee trinken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

20 − zwanzig =