Antiamerikanismus und Antigermanismus – Eine Warnung

Der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer berichtete einmal dass er Madeleine Albright sein Leid geklagt hatte, dass man es als deutsche Bundesregierung niemandem recht machen könne. Einerseits fordere man ständig, dass Deutschland handle und vorangehe. Wenn es das aber tue, gäbe es sofort den Vorwurf der Bevormundung und der Hegemonie. Die frühere US Außenministerin verwies darauf, dass das für die amerikanische Außenpolitik eine ständige Erfahrung sei. Daran müsse man sich jetzt auch in Deutschland gewöhnen.

Ressentiments gegenüber Führungsmächten hat es zu jeder Zeit gegeben. Tendenzen und Bewegungen, die mit dem Präfix Anti- beginnen und auf -ismus enden, und die in der Mitte irgendeinen Staat benennen, bedienen in der Regel solche Ressentiments. Es ist erstaunlich, wie wenige Staaten das Privileg haben, eine veritable und vor allem internationale Anti-Bewegung hervorgerufen zu haben.

Dem Rang der USA als Weltmacht entsprechend ist auch der Anti-Amerikanismus auf der ganzen Welt am weitesten verbreitet. In Europa, auch in Deutschland, gab es auf der extremen Linken ebenso wie auf der extremen Rechten immer einen virulenten Antiamerikanismus. Er wendet sich nicht nur gegen die politische Vormacht der USA, sondern aucch gegen die kulturelle Hegemonie von Hollywood und amerikanischer Musik von Jazz bis Pop, gegen amerikanischen way-of-life von MacDonalds bis zur politischen Kultur.

In Lateinamerika, wo die Hegemonie der Weltmacht USA weitaus stärker spürbar ist, ist der Antiamerikanismus geradezu eine Volksbewegung. Angeführt von den intellektuellen Eliten ist es unter Lateinamerikanern chic gegen die USA zu sein und zugleich nichts mehr zu erträumen als dorthin auszuwandern.

In allen diesen Fällen lassen sich Gründe für die Entstehung solcher Bewegungen angeben. Gründe sind keine Rechtfertigung, sie erleichtern aber das Verstehen.

Ressentiments sind oft ein Zeichen der Unterlegenheit und Schwäche. Der Bettler, der die Hand des Spenders beißt, der Arme, der sich schämt Almosen entgegennehmen zu müssen, alles das fördert nicht Dankbarkeit sondern Hass. Eine pragmatische und interessengebundene Politik der betroffenen Länder wird zugleich durch den Antiamerianismus weiter Bevölkerungskreise beeinträchtigt.

Vor ein paar Jahren warnte mich ein britischer Journalist vor wachsendem Antigermanismus im Gefolge der Eurokrise. Ich habe das damals unterschätzt. Er hatte Recht mit seiner Warnung.

In Europa gab es antideutsche Ressentiments schon seit der Gründung des Deutschen Reiches 1871. Die Revanchegelüste Frankreichs, das sich durch den deutsch-französischen Krieg und durch den Akt der Reichsgründung ausgerechnet im Spiegelsaal von Versailles gedemütigt fühlte, zähle ich übrigens nicht dazu. Das war eine Reaktion auf die  große Dummheit, den Gegner durch Provokationen nachhaltig zu demütigen.

Was ich mit Ressentiments meine, sind die eher unterschwelligen Gefühle, die sich nicht unmittelbar auf Aktionen der anderen Seite zurückführen lassen und eher von Neid als von Hass, von Vorurteilen als von Urteilen gespeist werden. Diese Gefühle halten an, oft über Generationen, wenn die unmittelbare Ursache lange vergangen und oft sogar vergessen ist. Ressentiments verhindern dann Versöhnung, wo eigentlich neue Generationen objektive Interessen an Zusammenarbeit hätten. Sie werden zum Habitus, zu einem als selbstverständlich vorausgesetzten Teil der politischen Kultur.

In Deutschland selbst waren vor dem ersten Weltkrieg antifranzösische und antirussische Gefühle weit verbreitet. Nach den Eroberungen durch Ludwig XIV. und der Besetzung durch Napoleon galt Frankreich den Deutschen als Erbfeind, während man zugleich alles französische nachahmte. Russland galt vor allem der sozialistischen Bewegung als Garant der Despotie und Bedrohung der Demokratie in Europa. Das war ein wichtiger Grund dafür, dass die SPD 1914 mehrheitlich den Kriegskrediten zustimmte.

In Großbritannien gab es heftige Ressentiments nicht nur gegenüber Deutschland, sondern auch gegenüber Russland und Frankreich – den späteren Verbündeten. Eine ganze Romanindustrie lebte von Szenarien, bei denen Deutschland der Feind war – ähnlich wie es Russland im kalten Krieg war.

Die Politik der jeweiligen nationalen Regierungen kann Ressentiments schüren, die jeweiligen Gegner der Politik tun das ihre dazu. Die Interventionspolitik vieler US Regierungen in Lateinamerika konnte sich oft auf Unterstützung aus der Region stützen. Sicher spielten imperialistische Ziele eine Rolle. Aber oft wurden die Amerikaner gerufen, um Anarchie und Diktatur ein Ende zu bereiten. Die Gegner der USA und ihre Freunde, hatten kein Problem damit, sich zu verbünden und anschließend ihrem Antiamerikanismus freien Lauf zu lassen.

Der moderne Antiamerikanismus ebenso wie der seit der Eurokrise angewachsene Antigermanismus haben sich längst von ihren ursprünglichen Anlässen losgelöst. Man ist nicht gegen die USA oder Deutschland, weil dort eine falsche Politik betrieben wird, sondern man ist gegen eine bestimmte Politik, weil sie von den USA oder Deutschland ausgeht. Man ist auch gegen die USA oder Deutschland, weil alle Unannehmlichkeiten und Ungerechtigkeiten der Welt auf diese Länder zurückgehen, gleich ob das stimmt oder nicht. Zwischen Ressentiments und Verschwörungstheorien gibt es fließende Übergänge.

Die Presse bedient gerne Ressentiments – das verkauft sich gut und entspricht oft gewissen beruflichen Verbiegungen frustrierter Herausgeber, die so nahe an den Mächtigen und so fern von der Macht stehen. Die unmittelbare Wirkung mag gering sein, das ständige Einträufeln des Giftes der Ressentiments kann aber in eine neue Qualität von Vorurteilen umschlagen. Die Rolle der britischen Tabloids beim Brexit war fatal.

Kritisch wird es, wenn nicht nur einzelne Politiker, sondern die politische Klasse und ihre Anführer mit Ressentiments Politik machen. Denn der politische Flurschaden ist nicht kontrollierbar. Besonders schlimm ist es, wenn durch Ressentiments von eigenen Fehlleistungen abgelenkt werden soll.

Ein Effekt solcher Politik ist, dass man die Geister, die man rief, nicht wieder los wird. Wer einmal Ressentiments bedient hat, ist festgelegt und kann kaum mehr widersprechen, wenn einmal etwas in die Welt gesetzt wurde. Der Politiker bewegt sich in einem Meinungsfeld, das er selbst zwar mitgestaltet hat, aber nicht beherrscht. Es gehört Mut dazu, sich von den eigenen Ressentiments zu lösen, es gehört Größe dazu, den Ressentiments der Mehrheit zu widersprechen – und Größe ist auch in der Politik selten.

Auf Seiten der Opfer von Ressentiments, wie den USA und zunehmend auch Deutschlands, werden die Vorbehalte lange Zeit gar nicht wahrgenommen, weil die Gesprächspartner ihre Ressentiments unter sich am Stammtisch pflegen, aber sich nach außen an die Regeln der Höflichkeit halten.

Kritik an der eigenen Politik ist unter Demokraten normal und findet täglich in der politischen Auseinandersetzung statt. Wenn Kritik an amerikanischer oder deutscher Politik mit dem Etikett antiamerikanisch oder auch antideutsch bezeichnet würde, dann stünden der US-Kongress ebenso wie der Deutsche Bundestag an der Spitze der Antibewegungen. Es geht also nicht um Kritik, sondern um eine unkritische Voreingenommenheit.

Wenn dann aber die Politik und Diplomatie versucht, auf die Kritik einzugehen, sie zu verstehen und vielleicht sogar Kompromisse zu suchen, dann wird der Unterschied zwischen Kritik und Ressentiment klar: Kritik ist der Beginn eines Dialogs, Ressentiment verweigert den Dialog.

Die deutsche und amerikanische Diplomatie können in so einem Fall verzweifeln, aber was immer sie sagen oder tun, wird automatisch in die Schablone gesteckt: was von dort kommt, kann nur falsch und böswillig sein. Wer dem Ressentiment widerspricht, macht sich zum Komplizen des Bösen.

Irgendwann bricht sich dann Frustration Bahn: die USA traten zeitweise aus der UNESCO aus oder kürzten die Beiträge zu den Vereinten Nationen, als sie merkten, dass es keinen Weg gab, die Anti-Kräfte zu überzeugen oder auch nur mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Antiamerikanische Resolutionen fanden automatisch eine Mehrheit in der Generalversammlung, gleich wie unsinnig sie waren. Es galt als völlig normal, von den USA Entwicklungshilfe und Sicherheitsgarantien zu bekommen und sie dafür zu verdammen.

Deutschland als Mittelmacht geht es viel besser. Antigermanismus ist für die Vereinten Nationen ziemlich uninteressant und bewegt sich in kleinen Nischen, während Antiamerkanismus weit verbreitet ist. Manche Deutsche glaubten sogar, sie müssten irgendwie alles richtig machen, was die Amerikaner falsch machen. Doch das ist eine Illusion.

Anders in Europa: die Deutschen, die doch glaubten, dass sie durch die vorbildliche Vergangenheitsbewältigung und als gute Europäer zu den Guten gehören, waren schon vor Jahrzehnten erschreckt, als plötzlich ein italienischer Ministerpräsident namens Andreotti ihnen „Pangermanismus“ vorwarf, derselbe Andreotti, der später wegen seiner Nähe zur Mafia angeklagt wurde.

Dabei hat in Italien eine neofaschistische Partei viele Wähler, dort wollten Richter vor zehn Jahren das Goethe-Institut pfänden, weil griechische Richter so ihre in Griechenland selbst abgewiesene Forderung nach Reparationen realisieren wollten. Über Reparationen für den Überfall Mussolinis auf Griechenland wurde nicht gesprochen.

In Italien gewinnen jetzt Parteien der extremen Rechten wie die „Lega Norte“ und der extremen Linken wie die „5-Sterne“ Wahlen und wollen jetzt, vereint in ihren antideutschen und antieuropäischen Ressentiments, miteinander koalieren. Für sie ist „Merkel“ der Gottseibeiuns, die Quelle allen Elends der italienischen Staatskrise.

In Griechenland fand man nichts dabei, alle anderen EU-Partner, nicht etwa nur Deutschland, zu täuschen, um an den Euro zu kommen. Als dann die gemeinsame Währung durch das Gebaren der Griechen in Gefahr geriet, war wieder „Merkel“ schuld. Presse und Politiker aller Parteien, paradigmatisch dafür steht der Dummschwätzer Varoufakis, waren sich in der Pflege antideutscher Ressentiments einig.

Auch in Deutschland führte das zu Frustrationen über diejenigen, die doch angeblich Partner in Europa sind. Deutsche wollen geliebt werden! Das ist problematisch, weil es das in der internationalen Politik nicht gibt. Aber wenn sie mit offenen Ressentiments konfrontiert werden, dann tritt erst Staunen und Verwunderung, dann Ärger und schließlich Gleichgültigkkeit gegenüber den anderen ein.

Amerikanische Politiker haben sich mit der Zeit ein dickes Fell zugelegt und übersehen manchen antiamerikanischen Affekt. Seit 9/11 gehen die USA aber deutlich robuster mit ihren Gegnern um. Donald Trump gehört zu den Politikern, die auf Antiamerikanismus allergisch reagieren. Er spiegelt damit weit verbreitete Gefühle in der Bevölkerung der USA.

Italiener und Griechen, aber auch Polen unterschätzen, was antideutsche Ressentiments anrichten und schon angerichtet haben. Es ist viel schwieriger für die deutsche Politik geworden, Europa mit den eigenen nationalen Interessen zu identifizieren, wenn andere Partner glauben, ihr Heil im Nationalismus finden zu müssen. Die Referenden in Frankreich und den Niederlanden, der Brexit und die Eurokrise haben Deutschland frustriert, der Antigermanismus in Italien, Griechenland und Polen ist Wasser auf den Mühlen deutscher Nationalisten.

Deutsche Politiker haben sich zwar auch ein dickes Fell zugelegt, aber es ist doch dünnhäutiger als viele es zugeben. Ein deutscher Trump würde die aktuelle Gefühlslage durchaus treffen.

Sollte sich diese Haltung in Politik übersetzen, dann wäre die Folge nackte Interessenpolitik und Durchsetzung von Machtpositionen an Stelle von Ausgleich und Kompromiss. Wenn Deutschland als Kernland der EU diese Richtung einschlüge, wäre das fatal für die Europäische Union.

Deshalb eine Warnung: man kann man Deutschen wie Amerikanern nur empfehlen, sich eine dickere Haut zuzulegen – nach dem Motto: was schert es den Baum, wenn ein Schwein sich an ihm kratzt. Den Partnern aber sei empfohlen, mit Amerikanern ebenso wie mit Deutschen pfleglicher umzugehen. Wenn man lange genug dummes Geschwätz in den Wald hineinruft, dann ruft es irgendwann auch wieder so hinaus. Trump führt uns das vor. Das können wir uns für Europa nicht wünschen.

Es mag ein Vorteil sein, wenn Politik nicht von Sentimentalitäten eingefärbt wird. Auf nackte Interessen kann man rechnen, sie machen Politik berechenbarer und damit sicherer. Doch der Umschlag ins Ressentiment ist die negative Folie der Sentimentalitäten. Das führt dazu, dass Interessen im Lichte der Vorurteile definiert werden und die Fähigkeit zum selbstkritischen Reflektieren verloren geht. Wenn das Ressentiment zum Interesse umdefiniert wird, sind schier unlösbare Konflikte vorprogrammiert.

Die EUROPÄISCHE Union will mehr sein als ein ephemeres Bündnis, sie will ein solidarisches, gemeinsames europäisches Interesse verfolgen. Natürlich liegt es nahe, dass jedem, der von gemeinsamen Interessen spricht, unterstellt wird, er meine in erster Linie seine eigenen. Doch wohlverstandenes Interesse ist das nicht.

Jeder würde verstehen, wenn die Bundesregierung es zu ihrem Interesse erklärt, dass es allen Deutschen am besten in Europa gehen soll, notfalls auch auf Kosten der anderen. Doch genau diese Unterstellung ist falsch, weil es auch im deutschen Interesse liegt, dass es unseren Partnern gut geht. Sie sind Teil des Binnenmarktes von dem wir alle leben, sie sind Teil des Potenzials an Wissen und Arbeit, das alleine Europas Zukunft garantiert. Es gibt also ein gesamteuropäisches Interesse, das dem jeweiligen nationalen Interesse vorangeht.

So ein Gesamtinteresse kann nur in gemeinsamen Institutionen definiert werden, kein Nationalstaat, kein Mitgliedsland kann das anderen abnehmen – aber es wird nie eine europäische Solidarität geben, wenn die Definition der Interessen nicht überall den kleinlichen Nationalismus überwindet und sich am Gesamtinteresse orientiert. Trittbrettfahrer, die die Solidarität missbrauchen, zerstören die Grundlage der Solidarität selbst.

Europa kann nicht weiter voranschreiten als es seine Mitgliedsländer wollen. Aber wenn sie offensichtlich nicht bereit sind, Kompromisse im Gesamtinteresse zu schließen und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen, dann geht Europa in den Rückwärtsgang und es ist aus mit der Solidarität.

Die Risiken sind heute hoch: Wenn Italien weiter den Euro missbraucht, dann ist der Euro am Ende. Wenn Le Pen eine französische Wahl gewinnt, ist die EU in jetziger Form am Ende. Wenn Polen und Ungarn nicht bald zu demokratischen Strukturen zurückkehren, wird es keine offene Grenze mehr zu diesen Ländern geben. Die EU kann undemokratische Strukturen nicht überleben.

Viel zu lange haben wir uns billigen Antiamerikanismus geleistet in der Annahme, die Sicherheitsgarantien der USA seien ja in deren Interesse und deshalb unantastbar. Trump ist ein Desaster, aber wir haben daran mitgewirkt, die Amerikaner zu frustrieren.

Wir sollten das Ende von Euro und EU mit allen Kräften verhindern, aber wir sollten uns rechtzeitig darauf vorbereiten, dass wir vielleicht keinen Erfolg damit haben. Wenn billiger Antigermanismus sich weiter ausbreitet, ist das kein gutes Zeichen für Europa. Und das sollten wir deutlich aussprechen, damit niemand sagt, er habe es nicht gewusst!