Der unwichtige Teil der Außenpolitik – ein großes Missverständnis

Außenminister haben den Ruf, auf vielen Hochzeiten zugleich zu tanzen, sich gelegentlich über dem Atlantik in zwei sich begegnenden Flugzeugen zugleich zu sitzen und sich ständig im Krisenmodus zu befinden. Deshalb hat es auch nur ein mitleidiges Lächeln hervorgerufen, als Sigmar Gabriel erklärte, dass er ausgerechnet in diesem Amt mehr Zeit für seine Familie zu finden hoffte. Eines jedenfalls steht fest: kein Außenminister kann sich auch nur um 5% der Aktivitäten kümmern, für die das von ihm geleitete Auswärtige Amt zuständig ist.  Das ist für einen großen Betrieb ja keinesfalls ungewöhnlich. Auch großen Unternehmen tut es nicht gut, wenn die Chefs sich in Details verlieren und dabei das große Ganze aus den Augen verlieren. Es kommt ausschließlich darauf an, dass der Außenminister Prioritäten setzt und die richtigen 5% der Aktivitäten zur Chefsache macht und nicht danach strebt, diesen Anteil auf 6% zu erhöhen.

Minister müssen lernen auf ihrem Instrument, der Ministerialbürokratie, zu spielen. Hierarchische Strukturen dienen dazu, die 95% der Angelegenheiten, die niemals den Minister erreichen sollten, so unter Kontrolle zu behalten, dass sachlich korrekt und unter Beachtung der politischen Vorgaben des Ministers gearbeitet wird. Der Außenminister sollte in großen Zügen wissen, worum es in seinem Hause geht, auch wenn er sich bei der Umsetzung auf andere verlassen muss. Dazu helfen Personalentscheidungen, bei denen Vertrauen in Sachkompetenz und Loyalität der Beamten eine große Rolle spielen. Es ist also nicht falsch, dass Minister für einen großen Teil der Außenpolitik keine Zeit finden – nur sollte es nicht zu dem Missverständnis kommen, diese Außenpolitik finde nicht statt. Nicht-prioritär heißt eben nicht unwichtig.

Regierungen arbeiten – zumindest in demokratischen Ländern – unter ständiger Beobachtung. Im Parlament soll die Opposition sie kritisch beobachten. Die Presse als „vierte Gewalt“, die alten und neuen Medien sollen am Ball bleiben, und nicht zuletzt wird die Arbeit der Regierung von Wissenschaftlern begleitet, die auf ihre Weise Rat geben und sich gerne auch über mißachtete Ratschläge beschweren. Der breiten Bevölkerung wird Außenpolitik in erster Linie über die Medien vermittelt. Was dort ankommt ist häufig äußerst oberflächlich: der Informationsgehalt einer Fernsehsendung, in der der Außenminister aus einer Limousine steigt, freundlich grüßt und dann hinter verschlossenen Türen eines Konferenzsaales verschwindet, ist gleich Null. Wenn dann noch ein Journalist vor der Tür alles zusammenträgt, was er von professionellen Pressesprechern und unprofessionellen Gurus zu hören bekommt, entsteht ein Schein von Information, der nach meinen Erfahrungen in der Regel wenig mit dem zu tun hat, was wirklich im Saale stattfindet.

Bleiben noch Talkshows und politische Veranstaltungen von Parteien oder mit akademischem Hintergrund. Dort diskutieren und interpretieren aber meist diejenigen die Außenpolitik, die sie von außen betrachten. Von Politikern erwartet der Bürger, dass sie so tun, als stünden sie mitten im Geschehen, aber auch in der Politik greift die Arbeitsteilung und tatsächlich muss ein Abgordneter sich ein Spezialgebiet, während er oder sie sich in allen anderen Fragen auf Fraktionskollegen oder andere Ratgeber verlassen müssen. Bei entscheidenden Gesprächen sind Abgeordnete nicht dabei. Auch sie sind auf Informationen aus zweiter Hand durch den Minister, den Beamtenapparat oder andere Beteiligte angewiesen. Nur selten schaffen es außenpolitische Themen in den Wahlkampf. Ich erinnere mich, wie die Ostpolitik von Willy Brandt die Gemüter erhitzte, ich war selbst bei einer Demonstration mit dem Motte: „Willy Brandt muss Kanzler bleiben“. Die Debatte über die Nachrüstung war ein anderes Beispiel für ein außenpolitisches Thema, das viele Menschen erregte.

Aber selbst in diesen Fällen waren es immer nur kleine Ausschnitte aus dem außenpolitischen Geschehen, die es in die größere Öffentlichkeit schafften. Das führt dazu, dass der Kontext vieler Entscheidungen nicht bewusst wird. Selbst von den 5% der Aktivitäten des Ministers bleiben zwei Drittel der Öffentlichkeit verborgen – nicht etwa weil sie geheim sind, sondern weil sich niemand dafür interessiert und es deshalb auch nicht über die Medien vermittelt werden. So findet Außenpolitik überwiegend hinter einem Rauchvorhang statt, der das Geschehen vernebelt. Die Aufgabe der Pressesprecher ist es, diesen Rauchvorhang nur dort transparenter werden zu lassen, wo es gut für das politische Ansehen seines Ministers ist. Die Presse sollte unparteiischer sein und tiefer vordringen, hat aber nur selten Durchblick, auch wenn es manchen Publikationen so klingt, als hätten die Journalisten am Tisch oder gar unter dem Tisch gesessen und zugehört.

Alles das, was jetzt noch im Rampenlicht bleibt, wird von vielen als „Die Außenpolitik“ angesehen. So entsteht natürlich der Eindruck eines ständigen Krisenmodus, weil Routine nicht interessant ist. So entsteht der Eindruck hektischer Aktivitäten durch Reisen und Konferenzen, weil stille Büroarbeit niemaden vom Sessel reißt. So entsteht auch der Eindruck, dass Außenminister auf vielen Hochzeiten zugleich tanzen, weil die sachlichen und logischen Verwandtschaftsbeziehungen zwischen allen diesen „Hochzeiten“ zu komplex sind, um sie als zusammengehörig zu durchschauen.

Am Ende behelfen sich dann alle Beobachter mit einer Ausrede: was an der Oberfläche aufscheint, was sichtbar ist, das sei eben das Wichtige, alles andere sei der unwichtige Teil der Außenpolitik. Das aber ist ein großes Missverständnis.

Selbst Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes sind nicht frei von der Illusion der Unterscheidung der wichtigen von der unwichtigen Außenpolitik. Jeder neuen Generation wird feierlich verkündet, dass die Arbeit in „Fachabteilungen“, wie der Kulturabteilung oder der Rechts- und Konsularabteilung, ebenso wichtig sei wie in einer „politischen“ Abteilung – und dass es keineswegs karriereschädlich sei, weder im Leitungsstab noch in einer „politischen“ Abteilung zu arbeiten. Und jede Generation von neuem will das nicht recht glauben, vor allem, wenn sie sehen wie Karrieren ihrer Vorgänger verlaufen sind.

Nun wäre es an der Wissenschaft, dieses Missverständnis aufzuklären. Die Forschung könnte sich durchaus der 95% der Außenpolitik annehmen, wo es an Aufmerksamkeit fehlt. Aber die Wissenschaftler sind auch nur Menschen und erliegen der Illusion der „unwichtigen Außenpolitik“ nicht minder als die Tagespresse und viele Politiker. So finden sich in historischen Forschungsarbeiten und erst recht in Geschichtsbüchern nur selten die Themen, die im Hintergrund geblieben sind.

Genug der abstrakten Beschreibung eines konkreten Problems. Lassen Sie mich ein paar Beispiele anführen:

Ich habe einmal unter diesem Gesichtspunkt in der Aktenedition über die deutsche Auswärtige Politik geblättert. Da finden sich faszinierende Dokumente z.B. über die Verhandlungen Egon Bahrs in Moskau, die zum Moskauer Vertrag von 1972 führten, einem zentralen Dokument der Entspannungspolitik der Regierung Brandt/Scheel. Aber ähnlich wie in der damaligen Tagespresse gibt es nichts über den allmählichen Prozess der gegenseitigen Vertrauensbildung durch Kulturbeziehungen, durch Imagebildung, durch das Ermöglichen von Begegnungen auf gesellschaftlicher Ebene – ein Prozess, der damals wie heute wichtig ist, um das Vertrauen   zu schaffen, das Ergebnisse wie in der Ostpolitik zulässt. LDie sehr wichtigen, aber von spektakulären Abschlüssen wie dem Gas-Röhren-Geschäft abgesehen, fast nur im Hintergrund stattfindenden Wirtschaftbeziehungen werden auf Statistiken reduziert, während die engen persönlichen Beziehungen, die dort zur Vertrauensbildung beitrugen, kaum vorkommen.

In der Aktenedition für Anfang 1980, die Zeit nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen nach Afghanistan, sind die Akten über die deutsche Einschätzung des von US-Präsident Carter ausgerufenen Boykotts der Olympischen Spiele in Moskau nicht berücksichtigt. In der Botschaft Moskau war das damals Gegenstand einer intensiven Berichterstattung, es gab Koordinierungssitzungen von NATO und EU-Ländern dazu. Helmut Schmidt hielt die Initiative Carters für schlechte Politik, aber er stellte die Bündnissolidarität über sein Urteil, weil er genau wusste, dass eine Stellung gegen die USA in dieser Phase länger negativ nachgewirkt hätte, als der Boykott dauerte. Historiker könnten an diesem Beispiel eine Sanktion studieren, die automatisch mit der Schlußfeier der Spiele endete, die bis dahin schmerzlich wirkte, aber nach Ablauf auch einen erneuten Dialog nicht verhinderte. Doch der interessierte Historiker findet diese Akten nicht, jedenfalls nicht in der Edition – ich schließe nicht aus, dass Akten über solche „unwichtige Außenpolitik“ zu einem erheblichen Teil nicht mehr vorhanden oder jedenfalls nie mehr ausgewertet werden, ebenso wenig wie die über langwierige Verhandlungen über die „Berlin-Klausel“ für eine deutsche Kunstausstellung in Moskau, oder über eine Architekturausstellung, für die Gemälde aus den russischen Archiven erstmals wieder auftauchten, die lange als politisch unerwünscht galten.

Die Bundesrepublik Deutschland unterhält über 200 Auslandsvertretungen, Botschaften, Generalkonsulate und Konsulate (hinzu kommen eine große Zahl Honorarkonsulate, die nicht von Berufsbeamten besetzt werden, sondern meistens von gestandenen Persönlichkeiten aus dem Gastland). Auch die Botschaften haben eine Abteilung oder ein Referat für Rechts- und Konsularangelegenheiten. Das Auswärtige Amt ist durch diese Abteilungen ein Dienstleister für Hunderttausende von Deutschen im Ausland, z.B. wenn diese Pässe benötigen, und für Millionen von Reisenden aus dem Ausland, z.B. wenn diese Visa benötigen. Es wäre grotesk zu verlangen, dass ein Außenminister über irgendwelche Details der Tausende Amtshandlungen informiert wäre, die dort täglich vorgenommen werden. Eine Justiz, die das Gegenteil behauptet, ist skandalös uninformiert und unrealistisch.

Nur, wenn es zu – wirklichen oder vermeintlichen – Fehleistungen kommt, ist der Minister plötzlich gefragt. Joschka Fischer kann ein Lied davon singen. Die Folgen der Gesetzgebung, der Rechtsprechung und der Praxis der Visapolitik für das deutsche Ansehen und die Außenpolitik, wäre durchaus einmal eine wissenschaftliche Untersuchung wert. Es ist eine außenpolitische Aktivität im Windschatten der Politik – und so erschien dann der sogenannte „Visaskandal“ wie ein plötzlich aufgekommener Sturm aus heiterem Himmel. Nachdem ein inkompetenter Staatsanwalt den Startschuss gegeben hatte und die Presse zur Jagd auf den Außenminister aufrief, war der Visaausschuss eine rein innenpolitische Veranstaltung mit dem Zweck den Minister zu stürzen. Außenpolitische Flurschäden wurden in Kauf genommen. Inzwischen ist die Arbeit der Konsularabteilungen wieder Teil der „unwichtigen Außenpolitik“.

Die Lateinamerikapolitik war zumindest in den letzten 40 Jahren keine Priorität der deutschen Außenpolitik. Das führte zu regelmäßigen Klagen in Parlament und Wissenschaft, es gäbe keine Konzeption für den Umgang mit dem aufstrebenden Lateinamerika. Also musste ein „Lateinamerikakonzept“ her. Als es fertig war, wurde es einmal mit geringer Beteiligung im Bundestag diskutiert, dann noch von einigen wenigen Experten gelesen, und danach flog es in den Papierkorb. Die lateinamerikanischen Regierungen bekamen ein Exemplar und hofften nun auf Umsetzung. Nach wenigen Jahren war das Konzept vergessen, also musste noch eines her und ein paar Jahre später noch eines. Es scheint ein Kennzeichen der „unwichtigen Außenpolitik“ zu sein, dass man ständig Konzepte entwirft, die ein Thema für höchst wichtig erklären, um es dann schnell zu vergessen. An ein „USA-Konzept“ oder ein „Russlandkonzept“ oder ein „Großbritannienkonzept“ kann ich mich hingegen nicht erinnern.

Tatsächlich hat Deutschland zu jeder Zeit eine sehr aktive Lateinamerikapolitik verfolgt. Nur fand diese Politik ganz überwiegend auf der Ebene der Unterabteilungsleiter (heute heißen sie „Beauftragte für…“)  statt. Auf dieser Ebene wurde mit vielen Partner in Lateinamerika, aber auch in den USA, Japan oder Russland regelmäßig konsultiert.  Deutsche Botschafter in Lateinamerika genossen vor Ort eine wichtige Stellung. In der EU wurde die Lateinamerikapolitik in einer Arbeitsgruppe koordiniert. Kaum jemand erinnert sich in Deutschland noch, wie sehr die sandinistische Diktatur in Nicaragua auf der Linken bewundert wurde und als Projektionsfläche eines vehementen Antiamerikanismus diente. Die Unterstützung der Reagan-Administration für nicaraguanische „Contras“ führte zu einem tiefen Einbruch des Ansehens der USA in Deutschland. In historischen Darstellungen ist völlig unbekannt, dass der erste Schritt zu einer deutschen Beteiligung an einer UN-Friedensmission die Bereitstellung einer Sanitätskomponente für die 1989/1990 von spanischen Militärs unter UN-Flagge geführte ONUCA in Nicaragua war – verschämt stellte man dafür niederländische Ärzte unter deutscher Flagge ein.

Frankreich und Deutschland initiierten bedeutende Konferenzzyklen für den institutionalisierten Dialog mit Lateinamerika: die San-Jose-Konferenzen, eine Initiative von Hans-Dietrich Genscher und Claude Cheysson gemeinsam mit ihrem Kollegen aus Costa Rica, die einen großen Beitrag zum Freidensprozess in Lateinamerika geleistet haben (Genscher wurde dafür zum siebten Ehrenbürger Costa Ricas in der Geschichte des Landes), oder die EU-Lateinamerika-Karibik-Konferenzen, zu denen sich die Staats- und Regierungschefs bis heute regelmäßig treffen. Der Erfolg des ersten Treffens 1999 in Rio de Janeiro während der deutschen Ratspräsidentschaft beruhte auf einer klaren Führungsrolle Deutschlands, Brasiliens und Mexikos. Allerdings waren Kanzler und Minister zu dieser Zeit zu Recht vorrangig mit dem Balkankrieg beschäftigt. So nahmen sie ihren eigenen Erfolg kaum zur Kenntnis – und bauten auch nicht darauf auf.

Die Ausarbeitung des Lateinamerikakonzeptes, das 1998 vom Bundestag indossiert wurde, wurde von einem umfassenden gesellschaftlichen Dialog begleitet: mit Nichtregierungsorgansiationen, vor allem Menschenrechtsgruppen, mit Unternehmen und Industrieverbänden, und mit wissenschaftlichen Instituten, vor allem der ADLAF (Arbeitsgemeinschaft der deutschen Lateinamerikainstitute). Wenn aber heute Historiker sich der deutschen Außenpolitik annehmen, dann geht es in dieser Zeit eher um die Krise auf dem Balkan und den Transformationsprozess in Russland. Die Prioritäten sind damals wie heute richtig gesetzt: Russland und der Balkan sind für Krieg und Frieden in Europa äußerst wichtig, während Lateinamerika uns weder bedroht noch politisch viel Initiative entwickelt. Export- und Investitionschancen gehörten ebenso wie enge kulturelle Bindungen zur „unwichtigen Außenpolitik“. Wirklich unwichtig ist das allerdings nicht. Die Außenpolitik findet nur eben überwiegend auf der Ebene der Unterabteilungsleiter statt – die dafür auch im Inland den Titel „Botschafter“ erhielten. In Lateinamerika wurde diese Botschafter als valable Gesprächspartner bis hin zu Präsidenten angesehen. Die Bedeutung Lateinamerikas für uns misst sich also nicht an den völlig zu Recht weniger häufigen Reisen von Ministern und Bundeskanzlern, denen diese Region zum Glück selten schlaflose Nächte bereitet hat. Die Lateinamerikapolitik steht im Schatten der großen Krisen anderswo auf der Welt – da müssen die Prioritäten liegen – die Folge ist aber: Zeitgenossen nehmen diese Politik kaum wahr und Historiker vergessen sie vollends.

Großbritannien ist einer unserer wichtigsten Partnerländer, Verbündeter in der NATO und bis zum endgültigen „Brexit“ noch EU-Mitgliedsland. Da kann ja eigentlich von „unwichtiger Außenpolitik“ keine Rede sein! Unsere britischen Freunde waren sicher weit häufiger Gegenstand von Medienberichten als Lateinamerika, bilaterale Treffen fanden regelmäßig – allerdings seltener als viele glauben – statt, man traf sich schließlich ständig in Brüssel. Da entsteht der Eindruck großer Nähe – aber er ist falsch. Die Gespräche am Rande sind überwiegend kurz und oft auf ein Thema konzentriert oder gar nur ein Austausch von Höflichkeiten. Die Mehrzahl der zu besprechenden Probleme waren in den Gesprächsunterlagen festgezurrt und wurden am Tisch vorgetragen. Bilaterales kam dort praktisch nicht vor. Zugleich breitete sich in Deutschland und Großbritannien fast gleichzeitig die Auffassung heraus, unter europäischen Partnern sei Kulturarbeit, sei Vertrauensbildung, sei Imagepflege eigentlich nicht mehr notwendig – im Grunde könne man die Botschaften zwischen EU-Staaten ja schließen.

Gerade in Deutschland war die Auffassung verbreitet, dass bilaterale Beziehungen innerhalb der EU an Bedeutung verlieren müssten, weil doch alles gemeinsam in Brüssel gestaltet werde.

Die Europaabteilung des Auswärtigen Amtes war auf die Aktivitäten in Brüssel ausgerichtet, während die bilateralen Referate weniger Bedeutung hatten. Die bilateralen Botschaften wurden noch weniger einbezogen. Bundeskanzlerin Merkel glaubte sogar (ganz anders als der britische Premierminister), auf die Anwesenheit ihrer eigenen Botschafter bei Gesprächen in den EU-Ländern verzichten zu können – ein follow-up vor Ort wurde nie vereinbart – die jeweiligen außenpolitischen Berater sollten alles von ihren Schreibtischen aus richten. Es war schon bezeichnend, dass Außenminister William Hague in der Mitte seiner Amtszeit plötzlich feststellte, man wisse viel zu wenig über Deutschland – und für die Kontakte mehr Geld bereitstellen wollte. Als er dann 2012 persönlich an einer Königswinterkonferenz in Neuhardenberg teilnahm, fuhr kein deutscher Außenminister dorthin. Die beamtete Staatssekretärin war sicher eine höchst kompetente Gesprächspartnerin in dem Dialog – aber es war ja gerade das Kennzeichen der „unwichtigen Außenpolitik“, dass jedenfalls der deutsche Außenminister nicht zur Verfügung stand.

Beide Länder sind einander fremder geblieben als gemeinhin angenommen wird. Auch Großbritannien wurde – auf deutscher wie auf britischer Seite – Opfer der Unterschätzung der „unwichtigen Außenpolitik“. Während des kalten Krieges, als das Vereinigte Königreich eine der Schutzmächte (oder Besatzungsmächte) West-Berlins war, da war das noch anders. Margaret Thatchers Haltung zur Wiedervereinigung Deutschlands  hatte die bilateralen Beziehungen belastet. Multilateral und in der EU gab es eine enge Zusammenarbeit auf der Basis nationaler Interessen, mehr nicht. Die Völker kamen sich durch easyJet und RyanAir näher, die Politik nicht. Schröder und Blair hatten anfangs gegenseitig Hoffnungen ineinander gesetzt, aber die Konzeptionen von Politik waren zu weit auseinander, und der Irakkrieg zerstörte das Vertrauen endgültig. Die politischen Stiftungen leisteten gute Arbeit, aber sie erreichten die Seele der britischen Parteien nicht. Britische Parteien bemühten sich erst gar nicht darum, ihre deutschen Partner zu gewinnen.

In den Medien und im Parlament fanden die Beziehungen zu Großbritannien weit mehr Beachtung als die zu Lateinamerika, aber ein echter politischer Dialog über die ganze Bandbreite möglicher gemeinsamer Politik, wie mit Frankreich, fand letztlich nicht statt. Deutschland pflegte „Regierungskonsultationen“ mit vielen Ländern, darunter nicht nur mit dem engsten Partner Frankreich, sondern auch mit China und Israel – aber nicht mit Großbritannien. Erst ab 2010 gab es immerhin Treffen der für die Europapolitik zuständigen Staatsminister und Staatssekretäre, die Minister waren nicht involviert – also „unwichtige Außenpolitik“ (mit dem Brexit-Antrag machte das dann keinen Sinn mehr). Wenn das Vereinigte Königreich nicht mehr in der EU sein wird, wäre es an der Zeit die bilateralen Beziehungen neu und besser zu gestalten – und die „unwichtige Außenpolitik“ nicht weiter zu unterschätzen.

Nicht nur deutsche Außenpolitik bleibt in der Wahrnehmung unvollständig, wenn man sich auf das „wichtige“ konzentriert, auch in anderen Ländern führt das zu Fehlwahrnehmungen. Gesellschaftliche Prozesse im Inneren werden dann isoliert von der Außenwirkung betrachtet. Tatsächlich gibt es hier viele Wechselwirkungen. Der Brexit ist auch eine Folge einer geradezu autistischen internen Debatte in Großbritannien, die Wahrnehmungen von außen einfach ignorierte.

JosephNye hat die „Soft Power“ beschrieben, mit der Hollywood den USA an Einfluss verschafft, was Raketen an Macht verschaffen.

Die Sowjetunion ist an der Überschätzung der Militärmacht und am Stolz darüber, gefürchtet zu werden, gescheitert, denn es gelang ihr nicht, durch „Soft Power“ Anziehungskraft und Einfluss zu gewinnen.

Irgendwo zwischen Hard Power und Soft Power sind die Wirtschaftsbeziehungen angesiedelt. Die Konsumenten – ob private Haushalte oder andere Unternehmen – nehmen sehr deutlich wahr, ob ein Produzent oder ein Land einen guten Ruf hat, ob seine Produkte und Dienstleistungen als zuverlässig und von hoher Qualität gelten.

Zugleich bestimmen Staaten die Rahmenbedingungen für den Austausch – und diese Macht ist Hard Power, die aber im Gegensatz zu Raketen und Bomben nicht nur zerstören, sondern auch aufbauen kann. Auch an zu viel Kanonen und zu wenig Butter ist die Sowjetunion gescheitert – und Putin scheint aus dieser Tragödie gar nichts gelernt zu haben.

Auch russische Diplomaten lernen zu viel über geopolitische Spielchen und zu wenig über die „unwichtige Außenpolitik“, die Sympathie und Einfluss gewinnt. Das ist der Sowjetunion mit platter Propaganda ebensowenig gelungen wie es Russland mit Manipulation neuer Medien gelingen wird.

Die wichtigste internationale Währung ist Vertrauen – und das wird durch die vielen kleinen Schritte der „unwichtigen Außenpolitik“ aufgebaut – und manchmal durch wenige große Aktionen der „wichtigen Außenpolitik“ zerstört.

Was tun? – Die Außenminister müssen weiterhin Prioritäten setzen, sie müssen die „wichtige Außenpolitik“ kraftvoll vertreten – und das lastet sie voll aus. Aber das Auswärtige Amt und andere Beteiligte sollten mehr darauf achten, dass der verborgene Teil der Außenpolitik sichtbarer und verständlicher gemacht wird. Das wird ohne Hilfe der Medien nicht gehen. Die Tatsache, dass das AA zunehmend auch im Inland für Außenpolitik um Verständnis wirbt, ist ein erster Schritt. Auch sollten gemeinsame Veranstaltungen mit Historikern stattfinden, damit diese die Funktion der „unwichtigen“ 95% der Außenpolitik begreifen und so Fehlurteile auch über vergangene Politik vermeiden können. Die akademisc he und die politische Welt arbeiten weitgehend nebeneinander her – es beeinträchtigt die Unabhängigkeit des Urteils keineswegs, wenn mehr Kontakte untereinander das Verstehen verbessern.

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