KOALITION Wollen wir – Wir wollen

DIE GROSSE KOALITION
Wollen wir – Wir wollen
Die Koalition als Wille und Vorstellung
Eine etwas andere Analyse des Koalitionsvertrages

Wir wollen mal gleich mit der Statistik ins Haus fallen, wollen wir ?

Der Koalitionsvertrag umfasst 179 Seiten, das Wahlprogramm 2017 der CDU hatte 76 Seiten, das der SPD hatte 116 Seiten Für das Regierungsprogramm wurden die zusammen 192 Seiten also gerade einmal um 13 Seiten oder 6,7% „eingedampft.

Sieht man von Strukturwörtern wie „der ,die, das“ oder „mit, von, und“ ab liegen sowohl bei der CDU als auch bei der SPD im Wahlprogramm die Wörter „werden“, „wir“ und „wollen“ an der Spitze.

Im Koalitionsvertrag 2018 steht 444 mal „Wir wollen“ und 375 mal l „wollen wir“, bei der SPD im Wahlprogramm 196 mal „Wir wollen“ und 159 mal „wollen wir“, bei der CDU 89 „wollen wir“. Da scheint die SPD doch deutlich willensstärker zu sein. Der Anteil der Willensbekundungen gibt trotz der unterschiedlich langen Texte ein ähnliches Bild: Im CDU-Wahlprogramm wird der Wille 1,83 mal pro Seite bekundet, die SPD will in ihrem Wahlprogramm immerhin 3,06 mal pro Seite etwas wollen. Der Koalitionsvertrag als Summe beider Welten als Wille bekennt 4,57 mal pro Seite den Willen der Koalition.

„Wir werden…werden wir“, was 290+292, also 582 mal im Koalitionsvertrag vorkommt, ist ja eine etwas verbindlichere Ankündigung als „Wir wollen…wollen wir“, was 819 mal vorkommt, gehört aber eigentlich in die gleiche Kategorie der Ankündigungen.

Eine erste Analyse der Wortfrequenzen – auf der Basis der 30 meistgenannten Wörter im Koalitionsvertrag weist darauf hin, was für Aktivitäten gewollt sind. „Stärken, fördern und unterstützen“ steht ganz vorne mit 263+196+136, also 595 Vorkommen. Das entspricht unserem Staatsverständnis, das dem Staat eine unterstützende Intervention, nicht aber all zu viele eigene Tätigkeiten zuordnet. Diese Wörter setzen voraus, dass die Bürger oder andere Institutionen selbst aktiv werden – und wenn nicht, dann wird eben nicht gestärkt, gefördert oder unterstützt. „Entwickeln und ausbauen“ verweist auf die Fortsetzung von Trends oder bereits laufenden Prozessen und kommt 181+133, also 314 mal vor. Dazu gehört auch das „verbessern“ mit 70 Erwähnungen.

Es geht um Dinge, die sein „sollen“ oder „müssen“, so wird es 191+152, also 343 mal gesagt. Wir wollen es natürlich „schaffen“, was auch immer, oder etwas schaffen, das es noch nicht gibt, so in 107 Fällen im Koalitionsvertrag.

Die Analyse führt zu der Erkenntnis, dass es sich bei dem Text offensichtlich um eine politische Willenserklärung handelt, was bei einer Koalitionsvereinbarung nicht überrascht. Diese Erkenntnis hätte man auch ohne Statistik gefunden.

Vielleicht geben die Hauptwörter unter den 30 meistgenannten Wörtern des Koalitionsvertrages mehr Aufschluss darüber, um was es geht: „Europa und Deutschland, europäisches und deutsches“, beides oft zusammen genannt, Europa liegt dabei (einschließlich 46 mal Vorkommen der europäischen Währung, des „Euro“) mit 382 Erwähnungen weit vorne, dann kommt Deutschland mit 315 Erwähnungen. Die „Länder“ sind 155 mal dabei, die Kommunen 60 mal.

Nicht zu vergessen, dass die Wähler ja „Menschen“ sind, die als solche 109 mal benannt werden. Von den Teilen der Menschheit werden 54 mal „Kinder“ und 50 mal „Frauen“ erwähnt, die Männer befinden sich nicht in der Gruppe der 30 meistgenannten Begriffe.

Nach dem Thema Europa steht die Digitalisierung klar an zweiter Stelle mit 214 Nennungen. Danach liegen fast gleichauf die Themen „Wirtschaft und Unternehmen“ mit 66+75, also 141 Nennungen und „Sicherheit und Schutz“ der Bürger mit 123 Erwähnungen.

Noch unter die 30 häufigsten Wörter im Koalitionsvertrag bringen es „Internationales“ mit 93, Bildung mit 72, Arbeit mit 71, Kultur mit 61, Forschung mit 60 und Zukunft mit 53 Erwähnungen.

Doch: Irgendwie bleibt die Analyse unbefriedigend. Unter den fast 40000 Wörtern des Vertrages sagen die häufigsten 30 Wörter vielleicht doch nicht viel zur Substanz aus. Dass es um Deutschland geht, ist für eine Bundesregierung selbstverständlich, dass es um Europa geht sollte angesichts der Bedeutung unserer Mitgliedschaft in der Europäischen Union selbstverständlich sein.

Wenn wir die Strukturwörter und die Schlagworte, die eigentlich nur große Überschriften sind, weglassen, was bleibt dann ? Oft sind es Wörter, die nur einmal erwähnt werden, aber dennoch mehr Substanz enthalten, weil zum Beispiel konkretes Regierungshandeln dahintersteckt.

Was sagt uns dann eine statistische Textanalyse: vielleicht so viel: es wurde versucht, aus beiden Wahlprogrammen von CDU und SPD (die CSU habe ich hier außen vor gelassen) so viel wie nur möglich in den Koalitionsvertrag zu übertragen. das gelingt vor allem bei Allgemeinplätzen ganz gut. Dabei werden insgesamt mehr Themen aus dem SPD-Programm übernommen als aus dem CDU-Programm. Die Differenz ist aber deshalb nicht so bedeutend, weil ein großer Teil der Themen in beiden Programmen gleichermaßen angesprochen wird.

Am Ende bleibt dann doch wieder die alte seit zweieinhalb Tausend Jahren bewährte Technologie zur Gewinnung von Erkenntnissen aus Texten: sie einfach zu lesen und dann zu interpretieren.

Dazu siehe meinen Beitrag Der Koalitionsvertrag von 2018 – mein Kommentar

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