Sinclair Lewis: IT CAN’T HAPPEN HERE (1935)

English Version

DAS IST BEI UNS NICHT MÖGLICH

Das Buch von Sinclair Lewis aus dem Jahre 1935 handelt von einem US-Präsidenten, Berzelius Windrip, der durch eine populistische Wahlkampagne an die Macht kommt und dann die USA in kurzer Zeit in einen faschistischen Staat umwandelt. Hinter ihm steht ein ideologisch radikaler Berater, „der satanische Lee Sarason“, der den Sicherheitsapparat kontrolliert und mit Hilfe von gewalttätigen Sturmtruppen und einer Einheitspartei die tatsächliche Macht ausübt.

Der „New Yorker“, die „New York Times“ und der britische „Guardian“ haben auf die Parallelen zum Aufstieg von Donald Trump und seines Beraters Stephen Bannon hingewiesen. In der „ZEIT“ wurde das Buch besprochen und im „Deutschlandradio“ gab es ein Feature dazu.

Es gibt eine deutsche Übersetzung, die (ausgerechnet 1984) in der DDR unter dem Titel :“Das ist bei uns nicht möglich“ erschienen ist. Ich hatte sie mir vor vielen Jahren gekauft und kürzlich wieder gelesen. Ein Link auf den englischen Text findet sich am Ende dieses Artikels.

Vor allem der erste Teil des Buches liest sich wirklich wie eine Beschreibung des Aufstiegs von Donald Trump. Immer wieder werden Auszüge aus dem Buch „Die Stunde Null“ des fiktiven Präsidenten Berzelius Windrip zitiert, die auch von Donald Trump stammen könnten. Hier ein Beispiel:

Ich kenne die Presse nur zu gut. Fast alle Herausgeber verstecken sich hinter Spinnweben; Männer ohne Sinn für Familienwerte, öffentliches Wohl oder die einfachen Freuden von Ausflügen ins Grüne; sie planen wie sie ihre Lügen an den Mann bringen und ihre eigene Stellung voranbringen und ihre gierigen Brieftaschen damit füllen, dass sie Staatsmänner verleumden, die alles für das Allgemeinwohl gegeben haben und verletzlich sind, weil sie in dem grellen Licht stehen, das den Thron anstrahlt.

Die Stunde Null, Berzelius Windrip

Der Werkzeugkasten des Populismus ist gut wiederzuerkennen: Fakten werden verdreht, die Verlierer der Wirtschaftskrise werden angesprochen  und mit großartigen  Versprechungen geködert, Mexiko wird zum äußeren  Feind  erklärt und kritische Presseberichte mit Drohungen beantwortet. Die Politik des Präsidenten Windrip dient natürlich nicht den Massen, die ihn gewählt haben, sondern seinen superreichen Freunden – Ähnlichkeiten können natürlich nur ein Zufall sein!

Sinclair Lewis hatte sich für sein Buch über die Zustände im faschistischen Italien und im damals seit drei Jahren von Hitler beherrschten nationalsozialistischen Deutschland informiert. Seine Beschreibung der Gewalt der Minuteman beruht auf Schilderungen der SA der Nazis, die Willkür und Folter in den auf Anordnung von Windrip angelegten amerikanischen Konzentrationslagern hat Lewis den Berichten von Augenzeugen aus Italien und Deutschland entnommen.

Interessant ist auch die ungläubige und überwiegend verharmlosende Reaktion des Auslandes. Es sei alles nicht so schlimm, der neue Präsident lasse immerhin Autobahnen bauen, man müsse mit dem Regime kooperieren, den Propagandisten des neuen Präsidenten wird Raum gegeben und sie haben Erfolg: man glaubt ihnen.

Natürlich ist das Buch zeitgebunden. 1935 können wir nur eine Weltsicht auf der Grundlage des damals bekannten erwarten. Der Vergleich mit Präsident Trump passt vor allem auf die Denkweisen und Methoden des Populismus. Die Warnung von Sinclair Lewis gilt denen, die ein Abgleiten des Populismus in einen Faschismus für unmöglich halten. Die Beschimpfung von unbequemen Richtern, der direkte Appell an das Volk, an eine permanente Bewegung mit plebiszitären Zügen, die Behandlung politischer Gegner als Feinde – alles das sind damals wie heute Alarmsignale.

Die weitere Entwicklung im Roman ist eine negative Utopie. Sinclair Lewis konnte damals nicht wissen, dass er die mörderische Natur des Faschismus eher noch untertrieben hatte. Der zweite Teil des Buches ist daher aus Sicht von 1935 spekulativ. Der Populismus wird zum Faschismus. Wir wollen hoffen, dass die amerikanischen demokratischen Institutionen sich als stark erweisen. Weder gibt es gewalttätige paramilitärische Einheiten, die checks and balances der amerikanischen  Verfassung scheinen zu funktionieren. Aber Donald Trump  sollte dennoch den Roman von Sinclair Lewis zu Ende lesen, denn schließlich wird Präsident Windrip von seinem Chefberater Sarason verdrängt und ins Exil nach Paris geschickt. Wer denkt da nicht an Breitbart-Bannon.

Das Erscheinen des Buches in der DDR war übrigens nicht selbstverständlich. Natürlich passte die Geschichte von einem amerikanischen Faschismus in den Antiamerikanismus des Kalten Krieges. Aber Sinclair Lewis äußert sich in dem Roman sehr kritisch zur Rolle der Kommunisten, die – obwohl sie selbst vom Regime verfolgt werden – in ihrer dogmatischen Verbohrtheit den Widerstand gegen das Regime schwächen.

Das Buch sagt keinen Präsidenten Trump voraus – hier übertreiben der „Guardian“ und die „New York Times“ – aber es ist damals wie heute eine Warnung davor, die Gefahr des Abgleitens eines plebiszitären Rechtspopulismus in Faschismus zu unterschätzen. Diese Warnung ist es, die das Buch von Sinclair Lewis heute wieder so aktuell erscheinen lässt.

Den englischen Text gibt es hier:

Sinclair Lewis: It can’t happen here – EBook at Gutenberg Australia