Nach dem Brexit-Referendum – was nun ?

Georg Boomgaarden: Nach dem Brexit-Referendum

Vortrag im Internationalen Club im Auswärtigen Amt

19.Juli 2016

English translation

Was ist passiert ?

Beim Referendum am 23.Juni 2016 haben knapp 52% der Briten für ein Ende der Mitgliedschaft in der Europäischen Union gestimmt. Die Beteiligung betrug 72%. Fast 2 Millionen Briten im Ausland konnten nur abstimmen, wenn sie heimfuhren. Commonwealth-Bürger mit Aufenthaltsberechtigung durften abstimmen, während EU-Bürger mit Aufenthaltsberechtigung kein Stimmrecht hatten.

Der Austritt aus der Europäischen Union ist im Lissabon-Vertrag vorgesehen. Die Mitgliedschaft in der EU ist freiwillig, der Austritt ist nicht unmoralisch. Es besteht kein Anlass sich über den Austritt zu empören. Auch in einem British Gentlemens Club wird jemand, der austritt, freundlich behandelt, allerdings ist ihm der Swimming Pool nicht mehr zugänglich. So sind die Regeln.

Empörend war die lügnerische Propaganda-Kampagne der Befürworter des Austritts.

Die Kampagne gegen EU war emotional mit unappetitlichen xenophoben Zügen. Die EU sei ein bürokratisches Monster, ein Superstaat, jede Woche zahle das britische Volk 350 Mio. Pfund an Brüssel, Geld, das besser dem NHS – dem Nationalen Gesundheitsdienst zufließen sollte, die EU ist für unsinnige Regulierungen verantwortlich, zwingt die Briten in eine EU-Armee, mit der ja bald bevorstehenden Türkei-Aufnahme strömen Millionen Türken ins UK. Schon jetzt nehmen EU-Arbeitnehmer, vor allem Polen, den Briten die Arbeitsplätze weg und plündern die Sozialkassen. Das waren die Parolen.

Boris Johnson warb für Brexit mit dem Argument, die Briten könnten den Kuchen essen UND ihn behalten, sprich: Binnenmarktzugang behalten und dennoch das Land für Immigranten aus der EU verschließen. Er würde den Brexit gar nicht notifizieren, erklärte er, sondern von innen, mit allen Rechten eines Mitglieds, in harten Verhandlungen alles für Großbritannien herausholen. Die Partner würden schon aus Eigeninteresse oder unter Druck ihrer Exporteure und Investoren den britischen Forderungen nachgeben.

Die United Kingdom Independence Party (UKIP) und ihr Chef Nigel Farage hatten schon bei den letzten Europawahlen mit einer Kampagne gegen Immigranten viele Stimmen gewonnen. Die Anführer der LEAVE-Kampagne, vor allem Boris Johnson und Michael Gove, sprangen auf das „Gewinnerthema“ auf und waren darin von UKIP kaum unterscheidbar. Die Flüchtlingskrise, vor allem die Äußerung der Bundeskanzlerin, wir könnten die nationalen Grenzen gar nicht schützen, wurde aufgegriffen und mit „we want our borders back“ beantwortet. Das ist Unsinn, da GB gar nicht Schengen-Staat ist und seine Grenzen in nationaler Verantwortung kontrolliert.

Die Brexit-Kampagne wurde von den Boulevard-Blätter Sun und Daily Mail, von der Murdoch-Presse insgesamt, zum Teil auch vom Daily Telegraph unterstützt, die schon seit 30 Jahren einen Feldzug gegen die europäische Integration führen. Pro-europäische Zeitungen sind weniger verbreitet, das Fernsehen blieb „ausgewogen“ und lud die Kontrahenten zu einer mehrstündigen Frage- und Antwort-Runde ein.

Die Kampagne für den Verbleib war rational, blutleer, ohne Begeisterung.

Vor dem Referendum hatte David Cameron gedroht, er werde für den Brexit eintreten, wenn es keine weiteren Sonderregelungen für Großbritannien gäbe: keine „ever-closer-union“ mehr, keine Sozialleistungen für EU-Bürger in ersten vier Jahren des Aufenthalts, und einiges andere. In der Kampagne für den verbleib entdeckte er plötzlich, Brexit sei schädlich. Unterstützt von großen Teilen der City und großer Unternehmen schilderte er die Folgen für die Wirtschaft und Sicherheit Großbritanniens in schwärzesten Farben. Die Bürger sollten aus Angst in der EU bleiben, positive Gründe schien es nicht zu geben. Besonders glaubwürdig war das nicht.

Die Labour Party war mit großer Mehrheit für den Verbleib in der EU. Doch ihr Leader im Unterhaus, Jeremy Corbyn, führte eine müde Kampagne. Jeder wusste, dass er eigentlich kein Freund der EU war und nur der Fraktionsdisziplin folgte.

Jetzt hat das Volk entschieden.

Das Volk ? – Dazu gehören ja auch die 48%, die in der EU bleiben wollten, dazu gehören die Schotten, die mit großer Mehrheit bleiben möchten und die Nordiren, die nicht wollen, dass aus der offenen Grenze zur Republik Irland eine geschlossene Zollgrenze wird. Dazu gehören auch die kosmopolitischen Londoner, die mit großer Mehrheit für den Verbleib gestimmt haben.

In Wales und in England – jedenfalls außerhalb Londons – war das Ergebnis eindeutig: Wir wollen raus aus der EU !

Referenden: das ist Demokratie ohne die safeguards der parlamentarischen Verfahren, die Stunde der Demagogen – aber das ist jetzt unerheblich. Die Volksabstimmung war legitim, das Ergebnis ist zu respektieren.

Die Mehrheit hat sich keineswegs „verwählt“, die Frage auf dem Stimmzettel war eindeutig. Die Wähler sähen sich getäuscht, wenn das Resultat nicht auch umgesetzt würde.

Nach britischem Verständnis gilt bei Pferderennen wie bei Wahlkreiskandidaten: „the winner takes all“ – wer mit einer Stimme vorne liegt, hat gewonnen. Auch das knappe Ergebnis ist kein Grund, das Resultat in Frage zu stellen.

Die schottischen Nationalisten sehen das allerdings anders:
Sie sehen eine Mehrheit der englischen Nation, die den Brexit gegen eine Mehrheit der schottischen Nation erzwingt, die in der EU bleiben will.

Nicola Sturgeon, die schottische First Minister, geht davon aus, dass die Geschäftsgrundlage des Referendums vom September 2014 über den Verbleib Schottlands im Vereinigten Königreich entfallen ist. Sie fordert ein zweites Referendum über ein unabhängiges Schottland in der EU.

Die Premierministerin ebenso wie die Labour-Party werden versuchen, dieses Thema auf die lange Bank zu schieben. Das Parlament in Westminster muss einem solchen Referendum erst einmal zustimmen. Aber erneut ist die Zukunft Schottlands im Vereinigten Königreich unsicher geworden.

In Nordirland fordert die republikanische Sinn Fein ein Referendum über die Vereinigung mit der Republik Irland. Die Führung der protestantischen Unionisten hatte sich für den Brexit ausgesprochen, aber viele ihrer Anhänger haben für den Verbleib in der EU gestimmt. Der Frieden in Nordirland hat seit dem Karfreitags-Abkommen von 1998 gehalten, aber die trennenden Mauern in Belfast stehen immer noch. Jetzt drohen neue Spannungen.

Theresa May hat sich vorgenommen die Union mit Schottland und Nordirland zu erhalten. Bei den Brexit-Verhandlungen wird sie darauf achten müssen, dass die Gräben zu diesen Teilen des Vereinigten Königreichs nicht noch tiefer werden.

Das Verhältnis der Briten zu Kontinentaleuropa war schon immer ambivalent. Als Churchill ein vereintes Europa forderte, konnte er sich das British Empire nicht als Teil Europas vorstellen, eher als Schiedsrichter Europas.

Schon bei der Gründung der EWG wollte das Vereinigte Königreich nicht beitreten. Die Freihandelszone EFTA als Gegenmodell war kein Erfolg. Zweimal, 1963 und 1967, wies der französische Präsident Charles de Gaulle einen britischen Beitrittsantrag zurück. Willy Brandt und Helmut Schmidt traten in diesen Jahren für einen Beitritt des UK ein.

Bei einem Treffen in London im Jahre 2013 sagte Helmut Schmidt mir lakonisch: „Das war wohl ein Irrtum“.

1972 trat Großbritannien der EWG bei. Zwei Jahre später gewann die Labour und forderte Neuverhandlungen. Ein Referendum im Juni 1975 ging mit einer 2/3-Mehrheit für den EWG-Beitritt aus.

Premierministerin Thatcher forderte dann: „I want my money back“, zur weiteren Integration rief sie: „No, No, No“, in Brügge hielt sie 1988 eine Rede, die zur Bibel der Euroskeptiker wurde.

Einen deutlichen Stimmungsumschwung gegen Europa gab es in der Konservativen Partei nach dem „Black Wednesday“, dem 16. September 1992, der die Briten aus dem Europäischen Wechselkursmechanismus warf. George Soros machte damals hohe Spekulationsgewinne und schädigte die britische Volkswirtschaft so, dass er dafür heute noch in Londoner Finanzkreisen bewundert wird.

Es war der Labour-Premier Tony Blair, der die fatale Mechanik der Referenden in Gang gesetzt hat. Am 20.April 2004 kündigt er an, über den EU-Verfassungsvertrag ein Referendum abhalten zu wollen. Unter dem Druck dieser Ankündigung zogen Frankreich und die Niederlande nach. Das Ergebnis kennen wir. Nur das britische Referendum wurde nie durchgeführt.

Die Konservativen forderten nun auch ein Referendum über den Lissabon-Vertrag, Labour-Premier Gordon Brown lehnt das ab. Ich fragte 2008 den Schatten-Außenminister William Hague, warum man unbedingt Referenden an die Stelle des demokratischen Westminster-Parlaments setzen wolle. Er sagte, für solche Entscheidungen reiche in den Augen der Menschen die Legitimität des Parlaments nicht aus.

Als die EU 2004 zehn neue Mitglieder aufnahm, hatte die Labour-Regierung unter Premierminister Tony Blair sofort die Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus diesen Ländern hergestellt. Deutschland nahm die Übergangsfrist von sieben Jahren voll in Anspruch – die britische Regierung stellte gerade gegenüber Polen gerne ihre Großzügigkeit im Vergleich zu Deutschland heraus.

Die Arbeitnehmer aus EU-Ländern waren und sind ein Nettogewinn für das Land. Sie zahlen weitaus mehr Steuern in Großbritannien als sie an Sozialleistungen von dort beziehen. Aber mit dieser Entscheidung löste Blair einen Zustrom insbesondere aus Polen aus, der viele Briten Angst machte.

Der frühere konservative Premier John Major hatte 2013 in einer Rede im Chatham House vor denjenigen seiner Parteifreunde gewarnt, die „Tory in their head, but UKIP in their heart“ waren.

Zu dieser Zeit stand das Thema EU bei Umfragen weit hinten auf der Liste der Prioritäten. Europhobie war ein innerparteiliches Problem der Tories. Major wusste wovon er sprach: die Konservative Partei hatte nach ihm bereits drei Parteiführer über das Thema Europa verschlissen: William Hague, Iain Duncan Smith und Michael Howard. Der vierte, David Cameron, gewann die Parteiführung mit einem europaskeptischen Programm.

Gleich nach seinem Amtsantritt als Premierminister umwarb er die europhobe Gruppe seiner Partei mit dem Austritt der Tories aus der EVP-Fraktion im europäischen Parlament.

Ein neues Gesetz wurde in der Koalition mit den LibDems beschlossen, dass vor erheblichen Vertragsänderungen ein Referendum in Großbritannien angesetzt werden müsse.

Auch in der Zeit der Koalition mit den Liberaldemokraten war Cameron stolz darauf, dass er in Brüssel „Nein“ sagen konnte und ließ sich wie ein Held mit Gejohle im Unterhaus feiern, als er durch sein Veto gegen die übrigen 27 Mitgliedsstaaten die Bankenunion als gemeinschaftliches Projekt verhindert hatte.

Am 23.Januar 2013 hielt Premierminister David Cameron bei Bloombergs in London eine entscheidende Rede. Er kündigte an, dass im Falle seines Wahlsieges spätestens 2017 ein Referendum über den Verbleib in der EU abgehalten werde.

Cameron würdigte die EWG und die EU als Friedensprojekt, das sich aber durch Erfolg erledigt habe. Nun gehe es um Wohlstand und dafür sei die EU zu ineffizient, zu überreguliert und zu zentralistisch. Es dürfe keinen Superstaat geben.

Die „Immigration“ stand dort nicht im Mittelpunkt, aber schon im Regierungsprogramm hatte er versprochen, die Zuwanderung auf nicht mehr als 100.000 Personen jährlich zu begrenzen. Gelungen ist ihm das nicht.

In einer EU, so wie sie heute ist, können wir nicht bleiben!“ – sagte er damals. Das klang schon sehr nach Brexit ! Was er genau ändern wollte, sagte er nicht. Konkret war nur seine Forderung, das Ziel der „ever closer union“ aufzugeben.

Die anschließende britische Debatte krankte von Anfang an daran, dass ständig überlegt wurde, was man noch für Großbritannien herausholen könnte, dass aber gemeinsame europäische Interessen keine Rolle spielten – diese Kategorie ist den Briten in 40 Jahren Mitgliedschaft fremd geblieben. So wurde gar nicht erst versucht Konzepte für eine reformierte EU vorzulegen und dafür um Verbündete zu werben.

Die Pro-Europäer in der City und der Industrie, und die kosmopolitischen Kulturschaffenden in London zeigten im privaten Gespräch große Besorgnis über das va-banque-Spiel des Premierministers, hofften aber, dass es nicht zu einem Referendum kommen werde und sonst eben der common sense siegen werde.

2015 gewann Cameron die absolute Mehrheit im Unterhaus mit 36,9% der Stimmen. Jetzt musste er das Versprechen eines Referendums einlösen. Das Ergebnis kennen wir.

Wie geht es weiter ?

Die Beachtung des Referendums ist nicht obligatorisch. So schossen gleich Spekulationen ins Kraut, dass man den Brexit ja noch vermeiden könne. Das Parlament könnte ja die Stimme der Vernunft sein, hieß es. Aber 17 Millionen Wähler würden sich verraten fühlen – das kann sich keine Partei leisten, übrigens auch die Labour Party nicht, die in diesen Tagen von einem chaotischen internen Machtkampf gelähmt wird. Wir sollten also davon ausgehen, dass der Brexit kommt.

Premierministerin Theresa May hat nach Amtsantritt öffentlich gesagt: Brexit is Brexit. Ihre Entscheidung steht damit fest. Ob zusätzlich noch ein Votum im Parlament erforderlich ist, um das Ergebnis des Referendums umzusetzen, lässt sich aus der ungeschriebenen Verfassung nicht eindeutig ableiten.

Es ist nur fair, wenn die 27 der neuen Regierung einige Wochen Zeit geben, damit sie ihre Ziele und ihre Verhandlungsstrategie festlegen kann. Sobald die britische Regierung aber verhandeln kann, dann gebietet die Fairness es auch, unverzüglich gemäß Art.50 des Lissabon-Vertrages zu notifizieren, dass Großbritannien die EU verlassen will.

Manche bei uns interpretieren Artikel 50 so, als sei so eine Art Bankrott-Verschleppung zugelassen. „I beg to differ“. Schon nach Völkergewohnheitsrecht ist in gutem Glauben zu verhandeln und eine Auslegung, die den Kern des Artikel 50, nämlich einen vernünftigen und störungsfreien Übergang von der Mitgliedschaft in die Nicht-Mitgliedschaft auszuhandeln, völlig aushebelt, halte ich für sach- und rechtswidrig.

Sollte sich die britische Regierung auf eine solche Strategie versteifen, dann sollten die 27 einseitig feststellen, dass die Premierministerin mit ihrer Äußerung „Brexit is Brexit“ den Willen zum Austritt bereits erklärt hat und die 2-Jahres-Frist für die Verhandlungen damit bereits angelaufen ist. Natürlich weiß ich, dass diese Position umstritten sein wird – dann sollte das Vereinigte Königreich gegen diesen Beschluss halt klagen.

Und wo ? – Natürlich vor dem EuGH ! – Ich bin mir sicher, dass auf Klage verzichtet wird.

Was wird verhandelt ?

Es geht nicht um „renegotiations“ wie es manchmal heißt, sondern um die Abwicklung der Mitgliedschaft, finanzielle Fragen müssen geklärt werden, Projekte laufen aus, wann übernimmt UK die Kosten ? Bei den Verhandlungen soll nach Art.50 ausdrücklich berücksichtigt werden, welchen zukünftigen Status das Vereinigte Königreich anstrebt.

Am Ende der Verhandlungen steht die Nicht-Mitgliedschaft in der EU! Und zwar unabhängig davon, welcher neue Status vereinbart wird. Diese Verhandlungen sollen nach zwei Jahren abgeschlossen sein. Ideal wäre, wenn die Briten ihre neue Rolle in Europa, welche das auch immer sei, am Ende der Verhandlungen über den Austritt sofort einnehmen könnten. Zwingend ist das aber nicht.

Es besteht die Gefahr, dass beide Seiten durch Taktieren Vertrauen verlieren. Wenn eine Seite die Geduld verliert, besteht die Gefahr von Kurzschlüssen. Vermeintlich geschicktes Verhandeln kann das Verhandlungsklima vergiften und die zukünftigen Beziehungen belasten.

Ich hoffe eigentlich, dass Theresa May, die ich als sehr kluge Politikerin kennen gelernt habe, auf ein gutes Verhandlungsklima Wert legt. Die Verhandler der 27 sollten das auch tun. Wenn Sie jetzt Brexiteers wie Boris Johnson und David Davies auf uns loslässt, dann hat das eine innere Logik – denn sie haben den Briten ja den Brexit eingebrockt und müssen jetzt beweisen, dass sie ihre vollmundigen Versprechungen auch umsetzen können.

Vielleicht erhofft Theresa May ja von uns, dass die 27 beide erst einmal auf ihr Maß zurechtstutzen und sie auf den harten Boden der Tatsachen zurückholen. Da traut sie der EU allerdings viel zu. David Davies und Boris Johnson zu vertrauen, wird nach der Brexit-Kampagne keinem der Verhandlungspartner leicht fallen.

Die Briten haben im Grunde schon erklärt, was sie für die Zukunft anstreben: vollen Zugang zum Binnenmarkt, aber zugleich keine Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus den EU-Staaten. Das genau ist aber nicht im Angebot.

Die Modelle der EWR-Länder Norwegen oder Schweiz wurden bis vor ein paar Jahren von einigen Brexiteers als gute Lösung gesehen, nach der Anti-Immigration-Kampagne dürfte dieser Weg sehr steinig sein – aber im Grunde wäre eine Mitgliedschaft im EWR mit allen vier Freiheiten das Beste für die britischen Bürger. Wir sollten alles versuchen, diese beste Lösung zu ermöglichen.

Dieser Weg hätte mehr Chancen, wenn sich in Großbritannien dafür eine starke öffentliche Kampagne entwickelt. Die Krise in der Labour Party macht das nicht leichter.

Kann die EU den britischen Forderungen einfach nachgeben, weil man das Vereinigte Königreich an der EU halten will ?

Ich glaube das nicht. Die EU will auf jeden Fall Nachahmung verhindern. Mitgliedschaft muss gegenüber Nichtmitgliedern privilegiert bleiben.

Theresa May hat den Status der gegenwärtig in Großbritannien befindlichen Arbeitnehmer aus der EU ausdrücklich nicht garantiert, sondern zum Verhandlungsgegenstand gemacht. Ich halte das für keine starke Position, denn ohne eine große Zahl europäischer Arbeitnehmer wären viele Services, gerade auch der Nationale Gesundheitsdienst, aber auch Finanzdienstleistungen zumindest zeitweise nicht mehr funktionsfähig. Zugleich müsste die EU im Gegenzug die fast zwei Milionen britische Bürger zurückführen. Ein solcher „Bevölkerungsaustausch“ würde zu Ressentiments und nachhaltig schlechten Beziehungen führen.

Auf die im UK verbreitete Stamokap-Theorie, die deutschen Unternehmen würden Frau Merkel und die 27 schon zu Konzessionen zwingen, sollte sich keiner verlassen.

Wenn über Freizügigkeit der Arbeitnehmer keine Einigung möglich ist und somit eine EWR-Mitgliedschaft nicht in Frage kommt, könnte ein Freihandelsabkommen den gegenseitigen Marktzugang regeln.

Was Großbritannien der EU als gleichwertige Gegenleistung für den Zugang zu über 400 Mio. Konsumenten zu bieten hat, erschließt sich mir nicht. Die eigenen Angebote und auch das Drohpotenzial wird überschätzt.

Auch mit dem Status als Drittland unter WTO-Regeln kann Großbritannien überleben. Ich traue den Briten eine große Anstrengung zu, sich stärker auf die globalen Märkte zu orientieren. Allerdings hat das seinen Preis.

Zölle könnten zwar durch Steuernachlässe ausgeglichen werden. Aber das Geld wird dann für den sozialen Ausgleich fehlen. Zölle auf Einfuhren von Vorprodukten in das UK würden Investoren abschrecken. Und auf globalen Märkten wäre die EU ein starker Konkurrent.

Die Londoner City wird in diesem Fall ihr Geschäftsmodell radikal verändern müssen – vielleicht hin zu den modernen FinTech-Firmen, weil dann der Passport für Bankgeschäfte auf dem Kontinent wegfällt. Auch dann bleibt die EU der wichtigste Markt, so wie sie das ja auch für die USA oder China ist.

Was sind die Folgen für Großbritannien ?

Prophezeiungen sind Glückssache, vor allem Wetterberichte und Wirtschaftsprognosen, die über längere Fristen reichen sollen. Alles, was da gesagt wird, halte ich für pure Spekulation – sowohl die Prognosen blühender Landschaften, als auch die angekündigten Weltuntergänge. Wir werden abwarten müssen.

Schlecht regiert werden kann man jedenfalls auch direkt von Westminster aus, dazu bedarf es keiner EU.

Die britischen Krisen unmittelbar vor dem EU-Beitritt bieten dafür Anschauungsmaterial. Das eigenständige Großbritannien – vielleicht auch Klein-Britannien ohne Schottland und Nordirland – ist dann auch für seine Risiken selbst verantwortlich. Die Brexit-Befürworter sehen das allerdings als wesentlichen Vorteil.

Besonders schwierig wird es sein, die politische und soziale Spaltung des Landes zu überwinden. Theresa May hat das in ihrer ersten Erklärung bei Amtsantritt zum Schwerpunkt gemacht.

 

Wir brauchen kreative Lösungen für ein flexibles Europa

Seit langem wird über die Idee eines Kerneuropa, eines Europa mehrer Geschwindigkeiten oder variabler Geometrien geredet. Das Thema bleibt auf der Tagesordnung. Die Mitgliedsstaaten sind zu unterschiedlich für ein Fortschreiten im Gleichklang. Das Warten auf den langsamsten aber lähmt die Union.

Bisher kenne ich allerdings kein konsensfähiges und gangbares Konzept, wie Kerneuropa funktionieren könnte. Ein Kerneuropa der Gründerstaaten entspricht nicht meiner Vorstellung, es geht um den politischen Willen zur Integration – und ein Kerneuropa ohne den geographischen Kern Frankreich, Deutschland UND Polen, geht gar nicht. 

Vielleicht sollte man einen anderen Weg versuchen und den EWR so reformieren, dass er noch näher an die EU heranrückt, zugleich aber die Flexibilität bietet, die für seine Mitglieder so wichtig ist. Es sollte überall dort eine flexible Regelung zu Wahl stehen, wo dann im Einzelfall ein Gleichgewicht zwischen Rechten und Pflichten hergestellt werden kann ohne den Binnenmarkt als Ganzes zu beeinträchtigen.

Das wäre auch eine Lösung für Mitgliedsstaaten, die vorübergehend oder endgültig aus einer weiteren Integration aussteigen wollen und hoffen damit besser zu fahren. Bevor die Union als Ganzes an Rigidität zugrunde geht, wäre eine solche Flexibilität, die alles bewahrt, was akzeptiert wird, vorzuziehen.

Auch mehr Mitbestimmung bei solchen Regelungen, wo EWR-Länder sich zur vollen Anwendung der EU-Regeln verpflichtet haben, sollte geprüft werden. Je mehr jemand sich in die EU integriert, desto mehr Mitsprache, je weniger, desto weniger. Auch wer eine weitere Vertiefung der Integration z.B. im Euroraum nicht will oder ihr nicht gewachsen ist, könnte in diesem reformierten EWR einen Platz finden.

Das ist kein fertiges Konzept, erst einmal ist es nur ein Gedanken-Anstoß, aber man sollte darüber nachdenken.