Essay: Die Landschaft – vom Bild zum Film

Im späten Mittelalter entdeckte die Malerei die Landschaft. Zuerst als Hintergrund für fromme Bilder, zunehmend als eigenes Objekt. Das Malen der Landschaft hat bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts immer mehr Eigenwert erhalten.

Der Maler eines Landschaftsbildes malte eine ewige Landschaft. Zumindest war es unwichtig, genauere Zeitangaben als das ungefähre Entstehungsjahr anzugeben. Die Bilder entstanden aus immer neuen Perspektiven, neuer Beleuchtung und jeweils anderem Arrangement der einzelnen Elemente. Die Techniken veränderten sich. Aber selbst in der Auflösung in abstrakte Impressionen, in Farb- und Raumkompositionen blieb das Bild ein fester Gegenstand, der zum Verweilen und Betrachten einlud.

Mit dem Aufkommen der Fotografie wurde der Augenblick festgehalten. Jetzt schrieb man das Datum auf, nicht die Stunde, aber den Tag. Das Foto dokumentierte das Motiv im Moment der Aufnahme.

Natürlich gab es immer auch die Fotografie als Spiel mit Licht und Schatten, mit Formen und später mit Farben. Die künstlerische Fotografie braucht kein Datum, nicht einmal eine genaue Jahresangabe. Sie ähnelt eher dem Gemälde als der Dokumentation.

Doch die meisten Fotos waren Dokumente über das Leben von Familien, von Menschen, die uns vielleicht sogar fremd waren, Bildberichte über Ereignisse in der Natur, Höhepunkte der Kultur oder kritische Momente der Politik.

Die Landschaft einschließlich der Gebäude und Monumente, blieb ein wichtiges Motiv der Fotografie, vor allem in Zusammenhang mit der wachsenden Reisefreude der Menschen. Schöne Aussichten, berühmte Bauten, historische Stätten, wurden zum Objekt von Millionen von Fotos, die zuverlässig dokumentieren: Ich war dort !

Für den Einzelnen und seine Nächsten ist der Begriff des Erinnerungs-Fotos zutreffend. Denn wir vergessen, was wir auf unseren vielen Reisen erlebt haben, wir können nicht mehr erinnern, was wir gesehen haben und wie wir es gesehen haben. Das Foto ist ein Versuch, das Erlebnis wieder zurückzurufen.

Im Zeitalter der SD-Cards und Smartphones wird jeder Augenblick, der vielleicht einmal erinnert werden könnte, vorsorglich festgehalten. Das spätere Aussondern der Augenblicke, die so schön waren, dass sie zum Verweilen einluden, unterbleibt meistens. So müssen sie unter dem Wust von Belanglosem erst wieder entdeckt werden, wenn man sie genießen will.

Doch das Foto passt sich unserem Lebensstil an: wenn immer mehr Fotos, möglichst für jede Sequenz von Augenblicken geschossen werden, dann nähert sich die Rolle der Fotografie dem Film. Nicht erst die Film- und Videoaufnahmen, auch die in kurzer Folge aufgenommenen Fotos, die aneinandergereiht Bewegung simulieren, geben das wieder, was wir heute unter Reisen verstehen.

Ob auf der Fahrt zum Arbeitsplatz oder in den Urlaub, der Blick geht aus dem Fenster von Auto, Bus, Zug oder Flugzeug – und die Landschaft zieht vorbei. Sie steht nicht mehr still, sondern wir sitzen still in unserem Verkehrsmittel und die Landschaft verändert sich mit hoher Geschwindigkeit wie in einem Film. Nirgends kann sich das Auge länger als einige Sekunden festhalten, dafür hat es die Sensation ständiger Bewegung.

Das Verweilen an „malerischen“ Orten, ein klassisches Motiv der Landschaftsmalerei, konnte von der Fotografie durch eine Vielzahl von Fotos aus unterschiedlicher Perspektive und mit dem Beweisfoto der persönlichen Anwesenheit ergänzt werden. Beliebt ist aber der große Schwenk mit der Videokamera, bei dem später im Film die bewegte Landschaft vorüberzieht, wie wir es aus unseren Fahrzeugen kennen.

Nicht dass Malerei und Foto vom Film und Video verdrängt werden: sie werden weiterhin nebeneinander existieren. Aber die bewegte Landschaft ist das, was heute unserer Lebensweise am ehesten entspricht. Das Foto dokumentiert dazu einige besondere Augenblicke, während das Künstlerfoto ebenso wie das Lanschaftsbild in Öl oder Acryl unsere Umgebung mit einer Landschaft zum Verweilen dekoriert.