Otfried Höffe: Kritik der Freiheit – eine Rezension

Otfried Höffe: Kritik der Freiheit – Das Grundproblem der Moderne, C.H.Beck 2015

kritikfreiheit
„Die Freiheit ist das höchste Gut des Menschen, sie macht seine Würde aus“. Mit diesem apodiktischen Satz beginnt Ottfried Höffe sein Werk über die Freiheit. Vorab gesagt: es ist ein lesenswertes Buch. Ich habe es in einem Zuge durchgelesen, bis zur Hälfte mit wachsender Zustimmung, danach mit wachsender Kritik. Höffe sagt, dass er eine „richterliche“ Kritik der Freiheit üben will, ohne einerseits in eine Aneinanderreihung von Beispielen zu verfallen oder andererseits ein großes philosophisches Werk mit einem unübersichtlichen Anmerkungsapparat zu verfassen. Das Urteil kommt gleich am Anfang: die Entscheidung fällt für einen „aufgeklärten Liberalismus“. Der Rest ist Urteilsbegründung.

Höffe wendet sich gegen zwei Strömungen, die in der heutigen Debatte sehr mächtig sind: diejenigen, die die Gerechtigkeit über die Freiheit stellen wollen, und diejenigen, die auf Grund der aktuellen Hirnforschung die Freiheit schlechthin als Illusion wegdisputieren.

Rousseau wird zitiert mit seinem berühmten Diktum aus dem Contrat Social : „Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten“. Nach Erörterung verschiedener Aspekte des Begriffs der Freiheit und einem Blick in die Ideengeschichte orientiert sich Höffe immer wieder an der Philosophie Kants. Er verspricht, sich an ein weitgefasstes Freiheitsverständnis zu halten, allerdings kommen die Erörterungen zur Freiheit von Wissenschaft und Kunst am Ende doch sehr kurz.

Der Mensch muss zur Freiheit erst erzogen werden – was auch eine zeitweise Einschränkung der Freiheit bedeutet: nicht-autoritäre Erziehung ist notwendig, anti-autoritäre Erziehung funktioniert nicht. Die Erziehung zur Freiheit beginnt mit einer Disziplinierung, dann folgt die „innere Kultivierung“ im Sinne der Bildung und des Wissenserwerbs, denn ohne Wissen ist Freiheit nicht auszuüben. Höffe kennt auch eine „äußere Kultivierung“ im Erlernen der Lebenspraxis in einer technisch beherrschten Welt. Dazu gehört auch die Medizin und die Frage des Umgangs mit existenziellen Fragen wie der pränatalen Diagnostik bis hin zum Tod einschließlich des Freitodes.

Unter dem Aspekt der Freiheit will Höffe gerade zu existenziellen Fragen niemandem eine bestimmte Haltung aufdrängen, sie schon gar nicht erzwingen, kommt aber doch nach sorgfältiger Abwägung zu Schlüssen, die nachdenklich machen und sicher erwägenswert sind.

Die dritte Stufe der Erziehung zur Freiheit ist die Zivilisierung, worunter Höffe – ähnlich dem französischen Sprachgebrauch – den Erwerb von Lebensklugheit versteht, wie sie in der menschlichen Gesellschaft erforderlich ist. Als vierte Stufe schließt er den Prozess der Moralisierung an, der sich vor allem aus der Pflicht zur Selbstachtung – und daraus folgend der Achtung der Menschenwürde der Mitmenschen ergibt.

Die Lebensklugheit und die Moral – die phronesis des bios politikos – sind Kennzeichen einer ausgebildeten Persönlichkeit, die sich als Staatsbürger (citoyen), Wirtschaftsbürger (bourgeois), als Gemeinschaftsbürger und schließlich als Weltbürger ausprägt. Die Gefahr ist allerdings groß, dass viele ihre Bürgerrechte und Bürgerpflichten nicht wahrnehmen und zu „Schrumpfbürgern“ werden. Interessant ist seine Annahme eines weiteren Typus, des „Bildungsbürgers“ (der er ja selbst ist – honi soit qui mal y pense).

Höffe scheint diese Formen der Bürgerlichkeit als aufeinander aufbauende Stufen zu sehen, so dass er nicht die alte Debatte des Gegensatzes zwischen „citoyen“ und „bourgeois“ wieder aufnimmt. Dennoch bleibt unklar, was passiert, wenn die verschiedenen Formen des Bürger-Seins miteinander in Konflikt geraten.

Harmonie und Konflikt, Kooperation und Konkurrenz kennzeichnen nach Höffe jede Gesellschaft. Das hat auch mit der Knappheit zu tun, die es nicht nur für materielle Güter gibt, sondern auch für vielleicht noch wichtigere immaterielle Güter wie Talent und Anerkennung. Höffe nimmt an, das für Menschen Anerkennung – die man sich nicht kaufen kann – wichtiger ist als materielle Güter. Das erscheint mir sehr idealistisch gedacht, denn für viele wird Anerkennung ja gerade durch Statussymbole erkauft, die „man sich leisten kann“, die also materiellen Wert besitzen.

Im Abschnitt Wirtschaft und Gesellschaft zeigt sich Höffe als Wirtschaftsliberaler, dem wichtig ist, das der Staat keine Aufgaben übernimmt, die Individuen in freiem Zusammenwirken leisten können. Das persönliche Eigentum ist für ihn ein Menschenrecht, auch wenn er große Spielräume für das Eigentum an Produktionsmitteln einräumt: auch Staatseigentum kann unter Umständen sinnvoll sein.

Ohne sich die Mühe einer eingehenden Begründung zu machen, bedauert er die Erosion des Bank- und Steuergeheimnisses, hält Geschäftsgeheimnisse für unantastbar und entscheidet sich bei der Abwägung zwischen Kriminalitätsbekämpfung und Freiheit lieber für die Freiheit, die Abwehr staatlicher Eingriffe scheint ihm wichtiger als die privater Datenkraken. Alles das könnte im Programm einer freien, demokratischen Partei (Anklänge an existierende Parteien sind natürlich reiner Zufall) stehen.

In der Auseinandersetzung mit Jeremy Bentham, John Stuart Mill, John Rawls und Richard Rorty entwickelt Höffe eine mittlere Position – sollte ich sagen eines „juste milieu“. Seine eigenen Positionen sind oft aber nicht sehr stringent begründet, sondern stehen als eine Art „Dezision für die Freiheit“ da, ohne dass sich die innere Logik der Argumentation nachvollziehen lässt.

Die Ungleichheit, die durch sehr große Erbschaften entsteht, greift Höffe an – aber wo die Grenze liegen soll, von der ab ein Erbe unanständig wird, bleibt unklar. Er weiß, dass die Entwicklung zum Sozialstaat notwendig war, aber er sieht vor allem die Gefahr der Lähmung der Privatinitiatve und der Abhängigkeit von Sozialleistungen.

Gut begründet ist seine Ablehnung der doppelten Staatsangehörigkeit. Sein Hinweis, dass der Inhaber eines Doppelpasses vielleicht zu Unrecht privilegiert wird, ist ernst zu nehmen. Wo er die Manipulationen des Libor durch „eine britische Großbank“ bedauert, sollte er nicht unterschlagen, dass deutsche Großbanken daran ebenfalls beteiligt waren.

Einer eingehenderen Diskussion bedürfen seine Ausführungen zur Gerechtigkeit im Namen der Freiheit, wo er die Aufnahme nicht-investiver Staatsschulden geißelt (aber was genau ist investiv?), wo er den Vorrang der Finanzierung von Zukunftsinvestitionen in Bildung vor Alimentierung der wachsenden Zahl von Rentnern fordert (das Problem der Altersarmut bei ständig weniger privater Solidarität für Alte lässt ihn kalt), und wo er die Bekämpfung von Steueroasen fordert (und offen lässt wie das ohne Aufhebung des Steuergeheimnisses funktionieren soll). Sehr berechtigt ist seine Kritik an der mangelnden Zurückhaltung des Europäischen Gerichtshofs und des Bundesverfassungsgerichtes gegenüber einer Ausweitung der rechtlichen Sphäre gegenüber der politischen Entscheidung.

Weitaus schlüssiger ist Höffes Diskussion der Notwendigkeit und der Grenzen von Offenheit, Pluralismus und Toleranz. Seine Unterscheidung zwischen Erlaubnis-Toleranz und Respekt-Toleranz ist interessant, beides sind aber keine Gegensätze, beides hat seinen Platz zwischen Ablehnung und Akzeptanz von dem, was Isajah Berlin „existenziell unvereinbare Lebensweisen“ nennt. Richtig ist vor allem der Hinweis Höffes, dass die Toleranz nur gedeihen kann auf Grundlage eines Minimums an rechtlich-politischer Einheit. Gerade auch das Zusammenleben von Religionen kann nur gut gehen, wenn es dabei keine Ablehnung der Gesamtgesellschaft aus religiösen Gründen gibt und wenn es dafür eine freie Wahl, auch des Austritts aus jeder Gemeinschaft, gibt.

Sein Vorschlag, ein kulturneutrales interkulturelles Strafrecht einzuführen, scheint mir aber abwegig – zum einen gibt es diese Kulturneutralität aus meiner Sicht gar nicht, zum anderen wäre der Willkür religiöser Fanatiker Tür und Tor geöffnet – davon hatte Europa im Mittelalter genug. Das wäre aus Sicht Höffes vielleicht ein Schritt zur „Weltstaatlichkeit“. Aber auch die halte ich für sehr lange Zeit noch für illusionär.

Otfried Höffe hält mehr plebiszitäre Elemente in der Demokratie für eine Bereicherung. Ich halte das für falsch, denn das deliberative Element, dass auch Höffe für wesentlich für die Demokratie hält, findet bei Plebisziten nur unter sehr idealisierten Bedingungen Platz. Seine Bemerkungen zur Mediendemokratie sollten ihm selbst zu denken geben, wenn er Plebiszite für ein Gegengewicht gegen politische Arroganz hält.

Das Kapitel zur Politischen Freiheit ist sicher ein Kern des ganzes Buches. Hier unterscheidet Höffe allerdings unzureichend zwischen Menschenrechten und Bürgerrechten. Letztere sind an die Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft gebunden, einschließlich der Anerkennung der Verfassung dieser Gesellschaft. Es ist ein Menschenrecht, in SEINEM Lande politisch zu partizipieren, aber nicht in JEDEM Lande kann dieses Recht ausgeübt werden. Sonst wird genau das gefährdet, was Otfried Höffe ausführlich unter der außenpolitischen Freiheit, der Souveränität, versteht.

Die Debatte der personalen Freiheit, auch der Willensfreiheit, kann nicht an den Ergebnissen der modernen Hirnforschung vorbei. Das will Höffe auch nicht, aber er hält es für einen Kategorienfehler, wenn die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auf das angewendet werden, was als Handeln durch Gründe motiviert ist, das gezwungen ist zu entscheiden, aber frei ist, soweit Gründe reichen, sogar frei für das Böse. Soweit kann man Höffe folgen. Die Gründe, die er für die Freiheit und gegen die These von Hirnforschern eines unfreien Willens anführt, sind weitgehend schwach. Diese Debatte verdient es weitergeführt zu werden. Bessere Argumente sind gefragt. Vielleicht sind einige angebliche Gegensätze durchaus vereinbar, wenn man die Kategorienebenen beachtet, auf denen sie liegen.

Höffe hat ein leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit geschrieben, das durch verständliche Sprache und manchen Verzicht auf eine vertiefte philosophische Debatte, einem breiten Publikum zugänglich ist. Allein das ist ein Verdienst, das manche Schwäche der Argumentation aufwiegt. Das Buch ist anregend, fordert Widerspruch heraus und regt zur weiteren Beschäftigung mit diesem wichtigen Thema an.