Die Wirklichkeit der Außenwelt – ein Problem ?

Die Außenwelt

Die Außenwelt besteht nicht nur aus denen, die mich in die Welt gebracht haben, nicht nur aus den Mitmenschen, von denen ich lerne und mit denen ich kommuniziere und kooperiere. Sie besteht auch aus Dingen, Vorgängen, Raum, Zeit, Bewegung, kurz gesagt: Tatsachen, mit denen ich es zu tun bekomme. Besonders beeindruckend sind die auf mich unmittelbar einwirkenden Tatsachen, an denen man sich im Raume stößt, Ecken und Kanten, Hindernisse, Dinge, die auf meine Sinne einwirken oder zum Beispiel Schmerz hervorrufen.

Die Außenwelt ist zunächst nur das, was mir mit Hilfe meiner Sinnesorgane zugänglich ist. Die Augen sehen nur einen winziger Teil des elektromagnetischen Spektrums, das Ohr hört weder Infra- noch Ultraschall, manches riecht oder schmeckt für uns stark, anderes bleibt geruchlos, wieder anderes geschmacklos, unser Tastsinn hat eine Schwelle der Wahrnehmbarkeit, die zudem noch an verschiedenen Stellen des Körpers unterschiedlich ist. Und mit dem sechsten Sinn tun wir uns alle schwer – dem Gedanken an Sinnesempfindungen, die nicht aktuell stattfinden, sondern gewesen sind, oder erwartet werden.

Die Sinnesorgane sind ja nur das Einfallstor der Welt in unser Gehirn, wo die Fülle der Sinneseindrücke verarbeitet wird. Trotz großer Fortschritte in der Hirnforschung wissen wir immer noch zu wenig darüber wie die verschiedenen Bausteine des Gehirns zusammenwirken, wo unsere Gefühle mitspielen – und uns manchen Streich spielen können, wo frühere Erfahrungen einwirken, wo Lernen stattfindet, wo aber auch das Auseinanderklaffen unserer „normalen“ Erwartungen mit den eingehenden Informationen dazu führt, dass wir Tatsachen nicht wahrhaben wollen – das Phänomen der kognitiven Dissonanz. Wir empfinden unseren Willen, aber was im Gehirn dahinter steckt, ist uns verborgen. Wie frei der Wille wirklich ist, darüber wissen wir einfach nicht genug.

Das Gehirn ist auch die physiologische Grundlage der Sprache einschließlich des inneren Dialogs, des Gedankenspiels mit Fragen von mir selbt, dem EGO, und Anworten des gedachten Anderen, des ALTER EGO, der ebenfalls ICH ist, aber die Erfahrungen mit anderen verarbeitet hat. Wenn ich diesen Satz schreibe, dann sind dabei schon unzählige Aktivitäten meines Gehirns beteiligt, das sich damit also selbst beschreibt, das über sich selbst nachdenkt. Diesem zirkulären Selbstbezug kann ich nicht entkommen.

Das uralte Thema der „Realität der Außenwelt“ ist so nicht lösbar, denn was für mich Außenwelt ist, das bestimmt mein begrenztes Wahrnehmungsspektrum und mein Gehirn, das diese in das Gesamtbild einordnet und mit Erfahrungen kombiniert. Außenwelt ist immer auch meine Innenwelt. Für mich ist diese Außenwelt genau das, mit dem ich konfrontiert bin, innerhalb derer ich handle. Es ist das, was auf mich einwirkt und das, worauf ich einwirke – meine Wirklichkeit. So wie meine Gedankenspiele von einem vorgestellten Anderen ausgehen mit dem ich den Dialog führe, so ist es diese Wirklichkeit, die den Hintergrund und die physikalischen Bedingungen für meine Gedanken und darüberhinaus mein Dasein bildet. Wenn „Realität“ diese Wirklichkeit meint, dann weiß ich jedenfalls wovon ich denke und rede.

Wenn ich dieser Außenwelt begegne, dann vergleiche ich das, was ich begreife, mit dem, was andere begreifen und mir darüber mitteilen. Diese Mitteilung kann nichtsprachlich sein: wenn ein Kind das Gesicht zum Weinen verzieht und ein anderes Kind Empathie fühlt und mitweint. Die anderen Menschen sind einerseits für mich Teil der Außenwelt, als solche Objekte meiner Neugierde, meines Fragens und meiner Wirklichkeit, andererseits Teil meines eigenen Selbst, das sich selbst nur durch die anderen und im Austausch mit ihnen begreifen kann. Mich selbst lerne ich nur kennen, wenn ich lerne, mich mit anderen Augen zu sehen. Ich bin nur Subjekt als Objekt der anderen Menschen. Mit den anderen in meiner Reichweite, soweit ich sie verstehe, bilde ich eine Kommunikationsgemeinschaft.

Ich schließe auf mein Sein aus dem, was ich selbst aus dem Sein anderer geschlossen habe. Dem Zirkel des Gehirns, das sich selbst denkt, entkomme ich nur ein Stück weit, indem ich mich selbst als verallgemeinerten Mitmenschen verstehe und damit objektiviere. Auch der Hirnforscher erforscht zuerst die Gehirne der anderen Menschen und nicht sein eigenes. Und wenn er das eigene untersucht, braucht er die Beobachtung und das Urteil der anderen. Dass die Ergebnisse auch für sein eigenes bei dieser Forschungsarbeit aktives Gehirn gelten, ist zwar auch ein Zirkelschluss, behindert aber eine sinnvolle Anwendung der Forschungsergebnisse nicht.

Mein eigener Körper kann teilweise – äußerlich – von mir wie ein Objekt gesehen werden – mit Hilfe eines Spiegels sehe ich sogar die sehenden Augen. Meine Empfindungen sind nur mir allein zugänglich, niemand kann meinen Schmerz empfinden, aber mitteilen kann ich solche Empfindungen nur, wenn andere dies verstehen können, weil sie selbst Empfindungen haben, die sie mit den meinigen identifizieren können. Meine Realität besteht also aus der Einheit von ICH, meinem Körper und der Außenwelt einschließlich anderer Menschen. Die „Realität der Außenwelt“ ist also in meiner eigenen Realität inbegriffen.

Im Alltag wird die Realität der Außenwelt nicht problematisiert – dennoch ist Skepsis angebracht, ob jeder sie so wahrnimmt „wie sie wirklich ist“. Ich habe den Eindruck, dass diese Wahrnehmung der Realität individuell sehr unterschiedlich sein kann, sie ist auch sehr selektiv und immer schon interpretiert im Lichte der bisherigen Erfahrungen, der Erziehung und Tradition. Für die alltäglichen Probleme reicht in der Regel eine nur vage definierte „hinreichende“ Übereinstimmung der Weltsicht. Die Tatsache, dass diese Übereinstimmung vielleicht noch geringer ist, als sie erscheint, wird verdrängt.

Wie W.V.O. Quine gehe ich davon aus, dass die physikalische Welt um mich herum nicht nur existiert, sondern auch erkannt und erforscht werden kann. Zu meiner Außenwelt gehört auch die Weise wie ich mich ihr nähere, auch die Theorie der Außenwelt. Allerdings weiß ich, dass dies eine gut begründete Hypothese ist, denn trotz des Versuchs von Hilary Putnam einen Beweis zu finden, glaube ich, dass es noch keinen sicheren Nachweis geben kann, dass ich KEIN Gehirn-im-Tank bin und alles andere nur eine Illusion.

Wachen und Träumen kann ich unterscheiden, weil die Traumwelt flüchtig, unsteuerbar, überraschend und inkonsistent ist, während die Wachwelt etwas mehr Konstanz zeigt und damit vorhersehbar und steuerbar ist. Nicht ohne Grund sagen Menschen, die in der Wachwelt mit Überraschungen konfrontiert sind: „Ich glaube, ich träume!“

Aber wie Descartes kann ich nicht wissen, ob ein übler Dämon mich täuscht – und anders als Descartes meint, könnte sogar das cogito eine Täuschung sein und in Wirklichkeit von einem eingepflanzten Chip stammen.

Wäre ich ein Gehirn im Tank, dann wären alle anderen vermutlich Chimären. Wenn diese dann physikalische, chemische, biologische und astronomische Forschung betreiben, wenn die anderen dann mit mir in sozialen Verkehr treten, dann macht es für mich keinen Unterschied gegenüber der Annahme einer realen physikalischen Welt. Also ist diese Frage für den Lebensvollzug einfach irrelevant. Mein Leben basiert auf der Hypothese von der Realität der Außenwelt und ich habe keinen vernünftigen Grund, von dieser Hypothese abzugehen.

Wenn ich von der Realität meiner physischen Umwelt als Hypothese meines Lebens ausgehe, dann heißt das noch lange nicht, dass ich diese Realität bereits in allen Aspekten kenne und verstehe.

Was für den Physikalismus spricht ist vor allem sein Erfolg. Die Annahme, dass zu niedrige Türrahmen wirklich existieren, hilft zu vermeiden, dass ich mir ständig den Kopf stoße. Die Annahme, dass wir in der Physik und Chemie mit realen Dingen und Tatsachen umgehen, ist Grundlage unserer technischen Zivilisation.

Für den Physikalismus spricht auch seine Kohärenz – die damit als real akzeptierte Natur macht keine Sprünge – mit Ausnahme von Quantensprüngen, die uns im Alltag nicht wirklich zum Problem werden.

Ich gehe im Folgenden stets davon aus, dass die Außenwelt eine Realität ist, von uns also als Gegebenheit zu betrachten ist. Das schließt nicht aus, dass wir uns über sie auch täuschen können, dass wir nur unvollständiges Wissen über die Phänomene haben, die uns umgeben. Aber gerade die Annahme, dass eine Täuschung möglich ist, setzt ja voraus, dass es etwas REALES gibt, aus der prinzipiell erkennbar werden kann, dass eine Täuschung vorliegt.

Unsere physische Umwelt ist nicht nur eine Gegebenheit der Außenwelt. Sie ist zugleich auch unsere Lebensgrundlage, da wir zumindest auf Luft und Wasser nicht verzichten können.

In meiner Außenwelt habe ich es zu tun mit der unbelebten Natur, der lebenden Umwelt, dem sozialen Universum und der kulturellen Sphäre. Mit allen trete ich in Wechselwirkung.

Natur und lebende Umwelt

In unserer Welt – wie ich die reale Außenwelt nun einfach nennen will – gibt es Leben, das mit uns zusammenlebt. Von der großen Tier- und Pflanzenwelt bis hin zu Mikroben und Einzellern reproduziert sich Leben ungeschlechtlich und geschlechtlich. Nahrungsketten beruhen auf Fressen und Gefressen-werden, ohne Photosynthese der Pflanzen hätten wir keine Luft zum Atmen. Anderes Leben steht in einem dynamischen ökologischen Zusammenhang mit unserem Leben, ein Zusammenhang, der trotz aller Fortschritte der Forschung noch nicht in allen Aspekten verstanden ist. Als Menschen haben wir durch unsere Zivilisation das ökologische Gleichgewicht in den vergangenen Jahrtausenden massiv verändert, vor allem aber seit der industriellen Revolution.

Die Außenwelt steht in enger und hochkomplexer Wechselwirkung mit den menschlichen Aktivitäten. Wir greifen ständig in die umgebende Natur ein ohne aber die Folgen unserer Einwirkung wirklich zu überschauen. Das Bewusstsein wächst, dass eine Dynamik entstehen kann oder vielleicht schon entstanden ist, die unsere Lebensgrundlagen gefährden und zerstören kann.

Die lebende Umwelt ist auch Grundlage unseres Stoffwechsels, unserer Ernährung ohne die wir nicht leben können.

Das soziale Universum

Eine ausgezeichnete Rolle in unserer lebenden Umgebung spielen unsere Mitmenschen. Wir erkennen uns in den anderen wieder, ja wir erkennen uns selbst überhaupt nur im Wechselspiel mit den Anderen.

Menschen leben in organisierten Formen zusammen, sie bilden Familien, Clans, Stämme, Nationen, Staaten, Gesellschaften, sie formen ad hoc Vereinigungen, handeln individuell ebenso wie in Kooperation mit anderen, handeln aber auch kollektiv als Gemeinschaft.

Ein wichtiger Zweck der kollektiven Aktivitäten ist die gemeinsame Erzeugung von Nahrungsmitteln, Wohnungen und Werkzeugen durch menschliche Arbeit. Durch eine hochspezialisierte Arbeitsteilung hat sich erst das herausgebildet, was wir als moderne Zivilisation erleben.

Das soziale Universum ist Grundlage unseres Zusammen-Lebens mit den Anderen, es ist auch Voraussetzung unseres Lebens, da Menschen hilflos geboren werden und zumindest in der ersten Zeit ihres Lebens auf die anderen Menschen, in der Regel also auf die Eltern angewiesen sind, soweit nicht andere Ammen oder Erzieher die Elternrolle übernehmen.

Unsere moderne Zivilisation ist in beständigem Wandel begriffen, doch räumlich und zeitlich findet dieser Wandel in sehr unterschiedlicher Weise statt. Eine homogene Weltgesellschaft gibt es bisher nicht. Geschichte und Traditionen wirken noch stark auf die persönliche Entwicklung der Menschen ein. Aber noch nie war die Möglichkeit so groß, dass so unterschiedliche Weltauffassungen und Lebenswege sich im „globalen Dorf“ treffen, noch nie die Gefahr so groß, dass sie gewaltsam aufeinanderprallen, noch nie die Chance so groß, dass am Ende die Gemeinsamkeit der „condition humaine“ über alle Differenzen hinweg auch zu gemeinsamen Wegen zur Bewältigung der globalen Probleme führt.

Die kulturelle Sphäre

Als eine besondere Sphäre der Außenwelt betrachte ich die kulturelle Sphäre. Sie ist die Verbindung der Außenwelt zur Innenwelt. Kultur ist Teil des sozialen Universums, aber ein so außergewöhnlicher Teil, dass er eine besondere Betrachtung verdient. Ursprung der Kultur ist die Fähigkeit des Menschen zu spielerischem Handeln, das frei über die Außenwelt verfügt, sich von ihr sogar unabhängig machen kann. Grundlage der Kultur ist der Umgang mit Symbolen. Indem Menschen der Außenwelt eine Symbolwelt hinzufügen, über die sie verfügen, als sei es eine weitere Außenwelt, erweitern sie den Raum ihres Erlebens weit über die natürliche Umwelt und das soziale Universum hinaus.