Vom Chaos zur Ordnung

Chaos und Ordnung

Solange ich in der Routine verharre, kann ich mich auf automatische Handlungsabläufe ebenso verlassen wie auf automatischen, ritualisierten Sprachgebrauch. Die Routine ist störanfällig. Die automatische Handlung kann in einer bestimmten Situation unangemessen sein, der rituelle Sprachgebrauch kann missverstanden werden. Jeder weiß, dass es zu schweren Zerwürfnissen kommen kann, wenn jemand sich durch -vermeintliche- Fehler im Grußritual verletzt fühlt. Sobald Fehler auftreten wird eine bewusste, nicht mehr automatische, Klärung notwendig.

Ich bleibe noch ein wenig bei den Gedankenspielen, wo EGO fragt und ALTER EGO antwortet. Die beiden Positionen sind austauschbar, beide können fragen, beide können antworten. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die Gedankenspiele meistens sehr chaotisch und ungeordnet ablaufen. Oft können wir einen Gedanken nur kurz festhalten, zu kurz um ihn sprachlich auszuformulieren.

Da ist dann noch das, was Sigmund Freud das ES nannte, die unterbewussten Aktivitäten des Gehirns, die ständig mit den bewussten interferieren. Offenbar ist es mit den bewussten Gehirnaktivitäten ähnlich wie mit den Sinnesorganen: ein gewisses Spektrum nehmen wir wahr, aber der größere Teil des Spektrums bleibt uns unzugänglich.

Das Chaos von Wahrnehmungen, Erfahrungen, Routine im Handeln und Sprechen, Gefühlen und Gedankenspielen und des unbekanntes Mitspielers im Unbewussten, das ist der Normalzustand. Ordnung in das Chaos zu bringen erfordert eine Anstrengung, zu der wir nicht ständig in der Lage sind. Doch scheint das Gehirn Verfahren zu haben, das Chaos zumindest so weit zu ordnen, dass wir Erfahrungen machen, Wissen erwerben und sogar Wissenschaft und Philosophie betreiben können. Träume scheinen dabei ebenso eine Rolle zu spielen wie Dialog mit anderen oder Reflexion auf das eigene Denken. Übrigens ist das Gehirn ein großer Energiefresser. Wer es nicht benutzt, spart Energie 😉 und viel Ärger.

Wenn Descartes fordert, „clare et distincte“ zu denken, dann will er, dass Ordnung in das Chaos gebracht wird. Wer lernen will, klar und differenziert zu denken, muss sich dafür anstrengen und einige Techniken dafür erwerben, die die Menschen im Laufe der Evolution entwickelt haben. Zu diesen Techniken gehört der „gesunde Menschenverstand“ ebenso wie die Wissenschaften. Was aber gesunder Menschenverstand ist, diese Frage wird sehr verschieden beantwortet. In frühen Entwicklungsstadien der Menschheit, aber auch bei Kindern, sind Mythen, Geister, Dämonen, anthropomorph belebte Natur Techniken mit den Herausforderungen des Lebens fertig zu werden. Wie soll eine Jagd ohne Jagdzauber gelingen ? Wie kann jemand eine Krankheit ohne Beschwörung der verantwortlichen Dämonen heilen? Wie erklären sich Familienbande, Sexualität, Geburt und Tod ohne einen Ursprungsmythos ? Worauf soll sich gründen, was jedes Kind lernt, dass es SOLL.

Der Mythos ist der erste Kreis der Ordnung im Chaos des Lebensvollzugs. Religionen sind meistens komplexer und tiefer geordnet – sie bringen Kohärenz in die Mythen, die oft unverbunden nebeneinander stehen. Vorher lebten die Menschen im Chaos, jetzt bilden sie den Begriff des Chaos, des Tohuwabohu und distanzieren sich davon, indem sie es an den Anfang der Geschichtserzählung stellen: „Im Anfang war alles wüst und leer – Tohuwabohu – und der Geist Gottes schwebte über den Wassern“ (Genesis). Mit dem Aufblühen der Philosophie im antiken Griechenland emanzipieren sich Menschen von Mythen und Religionen und nehmen in Anspruch, durch eine eigene Denkanstrengung zu Ergebnissen zu kommen, die besser und erfolgreicher sind. Xenophanes kann es sich erlauben sich über die Götter und ihren Antropomorphismus lustig zu machen und zu erklären, dass Pferde sicher pferdeartige Götter haben werden.

Die Philosophie wurde im Mittelalter zur Magd der Theologie, aber allmählich wurde sie zur Mutter der Wissenschaft. Der Siegeszug der Wissenschaft beruhte darauf, dass sie die Herausforderungen der Welt viel erfolgreicher als jede andere Technik bewältigt hat. Sie beruht darauf, das Chaos des Denkens durch strenge Denkgesetze zu disziplinieren. Dazu hilft vor allem der logische und der mathematische Formalismus. Eine besondere Sprache wurde entwickelt, die auf der Alltagssprache aufbauend mehr Klarheit, Eindeutigkeit, Präzision und Differenzierung erlaubte. Diese wissenschaftliche Sprache ist ohne Alltagssprache nicht funktionsfähig, vermeidet aber möglichst die Restbestände des Chaos in der Alltagssprache.

In der modernen Kosmologie spielen Singularitäten eine große Rolle. Die Rede vom „Urknall“ ist etwas irreführend, weil sie nahelegt, dass das Universum das Ergebnis einer Art Explosion ist. Damit wird so geredet als ob wir von außen auf die Singularität schauen könnten um sie mit unseren Kategorien zu beschreiben. Das ist ebenso eine mythologische Sprechweise wie von Gott zu sprechen, der über den „Wassern“ schwebte, bevor er das Wasser erschuf. Eine Singularität, in der die ZEIT selbst erst entsteht, lässt sich sicher nicht mit physikalischen Gesetzen beschreiben, in denen die Zeit bereits vorkommt. Andere Singularitäten wie die „schwarzen Löcher“ stellen uns vor ähnliche Probleme. Wir gelangen an eine prinzipielle Grenze dessen, was wir sagen können. Und weil wir nicht schweigen wollen, treten Metapher an die Stelle des Unsagbaren um es zu umschreiben.

Das Chaos ist eine solche Metapher, die das Ungeordnete darstellt, das ohne Ordnung und in gewisser Weise vor der Ordnung gedacht wird, ohne dass darüber mehr gesagt werden kann.

Probleme lösen

Das Leben könnte überwiegend vegetativ ablaufen, das Gehirn würde nur sehr schonend gebraucht, Routine und Rituale könnten das Zusammenleben erleichtern, … und wir würden vor Langeweile vergehen. Zum Glück stellen sich im Laufe eines Lebens so viele Hindernisse in den Weg, dass wir ständig Probleme lösen müssen. Zum Glück hat im Laufe der Evolution das Gehirn so viele Fähigkeiten gewonnen und außerdem so viel Flexibilität entwickelt, dass wir Menschen zu Problemlösern geworden sind.

Wir lernen Probleme zu erkennen, Lösungen zu versuchen und aus der Erfahrung – vor allem mit gescheiterten Versuchen – zu lernen, wir lernen Probleme gemeinsam mit anderen anzugehen und darüber zu kommunzieren, und wir lernen mögliche Probleme vorauszusehen und uns darauf vorzubereiten. Der erste Schritt zur Problemlösungskompetenz ist die Beobachtung und Nachahmung anderer, wenn diese Probleme lösen müssen – einschließlich des möglicherweise nötigen Gebrauchs von Werkzeugen. Der zweite ist das Nachdenken und Formulieren von Fragen dazu. Wenn ein Problem oft genug auftritt, kann der Lösungsweg zur Routine werden, wenn es komplex genug ist, kann es zunächst einen langen Lernprozess erfordern und damit die Herausbildung professioneller Problemlöser erfordern.

Die Sprache hilft uns bei Kommunikation, der Voraussetzung für jede Kooperation. Aber wir führen auch innere Dialoge zur Problemlösung, sozusagen interne Gedanken-Experimente. Disziplinierte Gedankenführung und technische Experimentierfreudigkeit, Kreativität und Lernfähigkeit sind die Grundlagen von Wissenschaft und Technik. Die Sprache der Wissenschaft ist für den Wissenschaftler Alltag, für den Laien aber nicht leicht zugänglich. Vor allem die Logik des Schließens und die Mathematik sind Sprachen, die sehr leistungsfähig, aber nicht leicht erlernbar sind.

Gedankenspiele zur Problemlösung stellen hohe Ansprüche an uns. Die Gedanken müssen strukturiert sein, das übliche Chaos der Gedanken muss zeitweise einer Ordnung weichen. Der sprachliche Ausdruck muss für mich selbst ebenso wie für andere nachvollziehbar und – als Erfahrungssatz – wiederholbar sein. Das Problem muss identifiziert werden. Identifizieren heißt, dass es erkennbar und wiedererkennbar ist. Dafür bekommt es einen Namen oder eine Beschreibung. Bei der Erkennbarkeit helfen Metaphern, die es erlauben, auf bekannte Vorgänge in Form einer Analogie hinzuweisen, manchmal sind diese Metaphern wenig mehr als ein Etikett, manchmal aber sind sie auch die Phantasie anregende Analogien.

Bei der Identifikation hilft uns die Erkennung von wiederholbaren Mustern, die hinreichend große Ähnlichkeit aufweisen um gleiche Lösungen anzunehmen. Das Lösen von Problemen ist oft so komplex, dass nicht jeder dem gewachsen ist. Im Rahmen der Arbeitsteilung gibt es einige Menschen, die sich auf die Lösung bestimmter Probleme spezialisiert haben, zu Experten geworden sind (begleitet von vielen Pseudo-Experten, die mitreden wollen).

Welche Probleme sind es, die unseren Alltag bestimmen ? Zuerst einmal das Überleben: Nahrung, Gesundheit, eine sichere, trockene und warme Bleibe sind die Voraussetzungen. Dann kommt der Schutz vor Gefahren: vor gefährlichen Tieren und oft noch gefährlicheren Menschen. Wir sind auf die Sorge anderer angewiesen, wenn wir aufwachsen, wir brauchen die anderen für Zeiten, in denen uns Krankheit oder Alter hilflos machen. Menschen sind soziale Wesen, der Alltag ist von der arbeitsteiligen Kooperation mit den anderen bestimmt, nur durch gemeinsame Arbeit können das Überleben und die Grundbedürfnisse befriedigt werden. Das gilt erst recht in unseren modernen, hoch komplexen Gesellschaften, deren friedliches Zusammenleben politisch organisiert, und deren gemeinsame Produktion von Gütern und Dienstleistungen ökonomisch effizient durchgeführt werden müssen.

Für unsere Zeit ist weder Robinson noch irgendeine eingebildete Urgesellschaft ein geeignetes Paradigma. Unser Alltag wird von Wissenschaft und Technik bestimmt, aber auch gefährdet. Unser Leben wird durch Politik und Wirtschaft gestaltet, aber auch gefährdet. Das Zusammenleben wird durch Recht und Ordnung organisiert, aber auch beschränkt. Es bleiben für jeden mehr oder weniger individuelle Freiräume, die von der sozialen, politischen und ökonomischen Umwelt bestimmt und auch beschränkt werden.