Philosophieren und Alltag

Philosophieren

Philosophie ist Philosophieren – Nachdenken über „Gott und die Welt“ – und wie ein Kind ständig „Warum?“ fragen, ohne je aufzuhören, so höre ich auch dann nicht auf zu fragen, wenn die Antworten ausbleiben oder fragwürdig werden. Das alles ist nicht voraussetzungslos. Ich muss dafür erst ein mal „da sein“, mir meiner „bewusst sein“, ich benötige Gedächtnis und Erfahrung, um nicht alles wieder in zeitlosem Fluss zu verlieren.

Ich brauche dafür ein gewisses Denkvermögen, auch ein die Zeit zumindest ein wenig überdauerndes Gedächtnis, ich brauche auch Sprache, um das Gedachte auszudrücken. Dazu wiederum benötige ich die Anderen, von denen ich lerne und mit denen ich kommuniziere. Den Alltag mit seiner Routine, die täglichen eingeübten Handlungen, die Rituale in meiner sozialen Umgebung, bewältige ich ohne viel darüber nachzudenken. Mit der Außenwelt gehe ich täglich um, fast immer ohne sie zu problematisieren.

Wenn ich mir bewusst werde, dass ich denke, dann erlebe ich zunächst ein chaotisches Denken, das erst noch einer Ordnung bedarf. Der Zwang Probleme zu lösen erfordert Aufmerksamkeit, Ordnung und Disziplin im Denken und in der Sprache. Dies muss erst erlernt werden – diszipliniertes Denken ist nicht angeboren.

Beim Lesen philosophischer Texte stoße ich immer wieder auf Begriffe wie „Sein“, „Selbst“ und „sich“, die mich stutzen lassen und misstrauisch machen. Das Denken wird an diesen Stellen verwirrt, zweifelnd und fällt zurück ins Chaos. Der Verdacht kommt auf, diese Art zu reden könnte sinnlos sein. Aber es lässt mich dennoch nicht los.

Sprechend, lesend und schreibend wünsche ich Klarheit. Doch die Sprache verwendet ständig Bilder, Vergleiche, Analogien und Metapher, die selbst-verständlich klingen, aber bei näherer Betrachtung alles andere als klar sind. Vor allem beim Gespräch mit Menschen aus anderen Kulturkreisen wird schnell klar, dass auch unsere Metapher und Bilder erklärungsbedürftig sind.

Sein und zugleich über „Sein“ reden, über das Sprechen und Schreiben sprechen und schreiben, Denken und zugleich über das Gehirn zu denken – alles das ist zutiefst selbstbezüglich und damit Zweifeln unterworfen, an denen man verzweifeln kann.

Die Zirkularität, der durch die Selbstbezüglichkeit des Denkens, Sprechens und Handelns immer wieder auftritt, ist für mein Philosophieren eine grundlegende und nicht vermeidbare Bedingung. Ich kann ihr in gewissem Maße entkommen, wenn ich mich selbst im Philosophieren zurücknehme und mich auf den anderen, das DU konzentriere. Aber da ich es selbst bin, der philosophiert, kann ich dem Selbstbezug und damit der Zirkularität nie ganz entkommen.

Die Natur, die mich umgibt und deren Teil ich auch bin, aber vor allem auch die Gesellschaft, in der ich mich bewege und deren Teil ich ebenfalls bin, haben die Struktur einer Vielzahl rückgekoppelter Systeme, die durch nichtlineare Phänomene gekennzeichnet sind, die sich einer einfachen Beschreibung entziehen. Selbstbezügliche Zirkularität und extreme Komplexität der Wirkungszusammenhänge zeichnen das aus, was wir als Leben bezeichnen.

Ich kann ein alltägliches Leben führen ohne je zu philosophieren. Philosophie ist nicht notwendig. Die meisten bestehen den Alltag in mehr oder weniger perfekter Routine. Aber die Gedanken gehen durch den Kopf, und bei vielen – auch bei mir – lassen sie sich nicht wegdrängen. Die Neugier zwackt und beißt mich, also gebe ich nach und philosophiere. Mit der Zeit stelle ich fest, dass es Freude und Begeisterung weckt, tiefer zu schürfen. Die Beschäftigung mit denen, die in den letzten zweieinhalb Jahrtausenden aufgeschrieben haben, was sie gedacht haben, ist wie die Aufnahme in einen Kreis von Freunden, die sich vorgenommen haben der Welt auf den Grund zu gehen. Es ist ein großes Symposion, ein geistiges Festmahl.

So wie im Alltag ist auch für das philosophische Denken die Frage mit wem ein Gespräch zustandekommt, eine Mischung aus Streben und Zufall. Auf einige Philosophen war ich neugierig, auf andere bin ich eher zufällig gestoßen. Ich habe mich nie an einen Kanon irgendeiner Pflichtlektüre gehalten. Vielleicht habe ich wichtige Gesprächspartner ausgelassen, weil wir uns eben nie begegnet sind. Ich habe im Alltag das Glück gehabt, sehr vielen Menschen zu begegnen. Und so habe ich mich auch von vielen Philosophen anregen lassen. Aber Vollständigkeit ist weder möglich noch beabsichtigt.

Was ich hier schreibe ist als Anregung zum Gespräch, zum Weiterphilosophieren gedacht, sie ist nur eine Bestandsaufnahme meiner Gedanken bis zu diesem Zeitpunkt. Deshalb zitiere ich andere Autoren nur, wenn ich mich direkt auf sie berufe, um den Gedankenfluss nicht ständig zu unterbrechen. Die Übernahme der Gedanken anderer ist beabsichtigt – ich will nur Teil des Stroms des Denkens sein, zu dem auch die anderen vor, neben und nach mir gehören. Es ist mir unmöglich zu rekonstruieren, welche Gedanken mir durch den Kontakt mit anderen vermittelt wurden und wo ich gerade im Widerspruch zu anderen mein eigenes Denken entwickelt habe.

So wünsche ich meinen Lesern einfach nur Freude am Mitdenken, an der Philosophie und an der Debatte, die hoffentlich kontrovers bleibt und nie langweilig wird.

Philosophie und Alltag

Der Tag ist so wie jeder andere – viel Routine, ein paar Probleme sind zu lösen, mal gibt es Anlass für Ärger, mal für Freude. Der Alltag eben. Zum Alltag gehören die anderen. Sie sind die Umgebung; diejenigen, die dann und wann mit mir kommunizieren oder zusammenwirken, oder auch konkurrieren, mich ärgern und mich in Gefahr bringen. Die meisten kenne ich nicht. Sie sind einfach mit mir gemeinsam da – und teilen die Erde mit mir. Die Gemeinschaft mit anderen ist meine Lebensgrundlage, obwohl ich das manchmal vergesse. Ohne Eltern wäre ich nicht auf der Welt, ohne die nähere Umgebung hätte ich nicht gelernt, mit dem Alltag umzugehen, ohne die arbeitsteilige Gesellschaft könnte ich in der modernen Welt nicht so leben wie ich es gewohnt bin.

Zur Umgebung gehört auch die Natur. Das Wetter, die Witterung, das Klima, Luft und Wasser, das Territorium, Land und Meer, Ebenen und Berge, alles das, was darauf kreucht und fleucht, die ganze Besatzung von Noahs Arche einschließlich der Mikroben, die erst Mark Twain als Überlebende der Sintflut auswies („…und Noah steckte voller Mikroben“). Die Natur erlebe ich als Gefahr und Bedrohung, als Arbeitsfeld und reiche Quelle der Nahrung, als Schönes und Erhabenes, das ich in der Betrachtung genießen kann.

Mein Handeln im Alltag ist stark von Routine bestimmt, erlernten und tradierten Handlungsweisen, die fast automatisch ablaufen, viele davon unbewusst. Sogar einst mit Mühe erlernte Handlungsketten laufen inzwischen automatisch ab, wie z.B. das Autofahren. Aber immer dann, wenn neue Herausforderungen auf mich zukommen, die ich nicht allein auf Grund meiner bisherigen Erfahrungen lösen kann, benötige ich Verständigung mit anderen über mögliche Lösungswege.

Erst mit Hilfe einer erlernten Sprache bin ich in der Lage mich mit anderen zu verständigen. Im Spiegel der anderen bin ich mir meiner selbst bewusst geworden. Auch die Sprache wird zu einem erheblichen Teil für soziale Signale verwendet die fast automatisch ablaufen, so z.B. für Rituale wie das Grüßen. Auch der sogenannte small talk dient ja weder der Verständigung noch der Kooperation, sondern ist ein Instrument um das Zusammensein mit anderen angenehm und friedlich zu gestalten.

Ich hatte einen Beruf, der mich mit mehreren Tausend Menschen in direkten Kontakt brachte, von denen ich zumindest für kurze Zeit die Namen wusste und mit denen ich Hände geschüttelt habe. Bis heute habe ich immer wieder vor größerem Publikum gesprochen. Dennoch ist die Zahl derjenigen, die ich wirklich kenne und derjenigen, die mich wirklich kennen, sehr gering. Es überwiegen die oberflächlichen Bekanntschaften, die ich mit gewisser Regelmäßigkeit sehe und die episodischen Begegnungen, die sich nicht wiederholen.

Die Gelegenheiten zur direkten sprachlichen Kommunikation sind letzlich minimal verglichen auch nur mit den Einwohnern einer Kleinstadt. Um so wichtiger ist die einseitige Zwiesprache mit der Vergangenheit und der Gegenwart in Gestalt von Texten, Büchern, auch vielen modernen elektronischen Medien, dort sogar dann und wann mit einem Echo.

Sprache ist ein mächtiges Mittel zur Information und zur Verständigung. Schon früh in der Kindheit habe ich gelernt zu fragen. Nicht immer waren die Antworten befriedigend, aber das Fragen hatte ja kein Ende. Ich lernte auch, wie Fragen so gestellt werden konnten, dass sie mein Gegenüber in Verlegenheit um eine Antwort brachten. Dazu musste ich die Fragen sozusagen zunächst für mich selbst durchspielen. Von da ist es kein großer Schritt Fragen einfach auch an mich selbst zu richten und sie an mich selbst zu beantworten.

Das Durchspielen findet in Gedanken statt, und diese Gedanken werden beim Durchspielen in Sprache gefasst. Damit will ich nicht behaupten, dass alles Denken in Form von Sprache stattfindet. Ich glaube nicht, dass das beweisbar wäre. Aber die Fassung von Gedanken in Sprachform, die dann ausgesprochen werden oder aber stumm bleiben, das scheint mir eines der wenigen Dinge zu sein, die jeder aus dem Blick in sein eigenes Inneres – der Introspektion – kennt.

Die Sprache, in der solche Gedanken gefasst werden, ist eine vorher erlernte öffentliche Sprache der Gemeinschaft, also eine aussprechbare Sprache. Was ich in Gedanken durchspiele, ist also sprachliche Kommunikation mit anderen, obwohl ich hier die Rollen von Frager als EGO und Empfänger der Frage als ALTER EGO beide übernehme.

Das Durchspielen in Gedanken umfasst so immer auch mögliche Antworten. Die Gedanken können je nach sprachlicher Kompetenz und Erfahrung auch sehr komplex sein. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat behauptet, es könne keine „Privatsprache“ geben, weil Sprache immer ein Gegenüber brauche, dass mit einem kommunizieren könne. Ich halte das aber nur insoweit für richtig, als dass Sprache nur sozial in einer Sprachgemeinschaft entstehen kann. Sie ist aber offen für Varianten und kreative neue Kombinationen, die als Gedanken zunächst doch eine „Privatsprache“ sind, die sich dem Test einer Verständigung mit anderen zwar stellen kann – aber nicht muss. Ich kann auch erst einmal mit meinen Gedanken allein bleiben. Die Voraussetzung dafür ist nur, dass ich die Sprache meiner Umgebung hinreichend gut beherrsche um sowohl EGO als auch ALTER EGO in meinen Gedankenspielen auftreten zu lassen.

Sprachkompetenz hat viel mit Empathie zu tun. In meinen Gedankenspielen steht mir als ALTER EGO ja ein vorgestellter Anderer gegenüber, in den ich mich einfühlen muss, um die Antworten zu erraten, die ich ihm im inneren Dialog zuschreibe. Was immer die körperlichen Grundlagen meines Denkens sind, ich gehe von der Hypothese aus, dass mein vorgestelltes Gegenüber ebenfalls Mensch ist, der ähnlich fühlt und denkt wie ich selbst. Ich erkenne mich selbst immer im Anderen und als Anderer. Und ich bin überrascht, wenn Indizien dafür sprechen, dass mein Gegenüber nicht so denkt wie ich – was natürlich immer wieder vorkommt.

Sprechen und Sprachdenken gehören zu den Instrumenten, mit denen ich meinen menschlichen Alltag gemeinsam mit anderen bestehe. Wenn mir etwas Muße erlaubt ist, dann kann ich das Denken und das Sprechen darüber hinaus weitertreiben und philosophieren. Aber Ausgangspunkt dieses Höhenfluges bleibt die Erfahrung des Alltags und die als Kind erlernte Alltagssprache.