Einige Anmerkungen zur Sprache

Die folgenden Anmerkungen sind Bausteine, die sich noch nicht zu einem Ganzen fügen. Sie sind Anregungen zum Weiterdenken.

Sprache, EGO und ALTER EGO

Alles, was ich hier über Sprache, einschließlich der in sprachlicher Form stattfindenden inneren Dialoge, sage, kann ich nur in der Sprache ausdrücken. Auch mein Nachdenken über diese sprachliche Formulierung – hier in schriftlicher Form – findet in der Sprache selbst statt. Ich kann über Sprache nur in einer Metasprache reden, darüber dann in einer Meta-Metasprache, und so weiter bis zum infiniten Regress. Ebensowenig wie ich aus dem Zirkel fliehen kann, dass das Gehirn über das Gehirn nachdenkt, kann ich dem Zirkel entgehen, dass Sprache über die Sprache spricht.

Sprache – insbesondere im Zusammenhang mit Problemlösungen – dient der Verständigung. Der innere sprachliche Dialog dient der Selbstverständigung. Manche Philosophen haben angenommen, dass die Selbstverständigung einfacher sei als die mit anderen Menschen. Aber ich halte diese Annahme für falsch. Denn das ALTER EGO im inneren Dialog ist ein angenommener fremder Gesprächsparter, der mein EGO ebenso erst einmal verstehen muss wie ein realer fremder Partner. Bei einem andere Menschen muss ich im Dialog ständig nachbessern, indem ich auf die Signale des anderen reagiere, bis das gegenseitige Verständnis vorhanden ist.

Bei der Selbstverständigung ist es viel schwieriger und erfordert viel Phantasie, die Signale des ALTER EGO so zu geben, dass EGO sich korrigiert und verständlicher wird. Dem entspricht die Lebenserfahrung, dass erst die Konfrontation mit Dialogpartnern die eigenen Gedanken klarer werden lässt, während sich in Isolation von anderen EGO und ALTER EGO in eine eigene Welt einspinnen können, die für andere nicht mehr als reale Welt erkennbart ist. Wir alle kennen solche SPINNER.

Wenn ich spreche, dann in den meisten Fällen mit einem Anwesenden. Wenn ich öffentlich und über Medien spreche, dann wende ich mich an eine Vielzahl unbekannter Empfänger, die möglicherweise nicht antworten werden. Noch mehr gilt das, wenn ich meine Gedanken aufschreibe. Das, was ich aufschreibe, ist dann ein bereits gefilterter und strukturierter Extrakt aus meinem Gedankenchaos, das bereits zu Strukturierung durch die Grammatik gezwungen ist.

Schriftsprache erfordert es, sich den Leser zunächst nur vorzustellen, ihn quasi als ALTER EGO im inneren Dialog zu setzen und daraus abzuleiten, was geschrieben wird. Die spätere Reaktion auf das Geschriebene erlaubt nur selten eine Anpassung und Korrektur, wer schreibt, der bleibt – auch in seinem Irrtum. Zugleich wird man von der Zeit unabhängiger und kann auf alles zuvor geschriebene reagieren. Das ist vor allem dann wichtig, wenn das zuvor geschriebene viele Leser beeinflusst hat oder noch beeinflusst.

Der geschriebene Text ist dem inneren Dialog weit ähnlicher als die gesprochene Sprache. Ähnlich wie die gesprochene Sprache erlaubt der schriftliche Ausdruck auch Beschreibung, Behauptung, Befehl und Fragen. Aber das geschriebene Wort richtet sich normalerweise an einen Kreis, der aktuell nicht anwesend ist, der vielleicht nicht einmal genau umschrieben ist. Der Leser ist abwesend und er ist zukünftig. Der Schreiber hat in der Regel wenig Kontrolle darüber, wie sein Text beim Leser ankommt.

Die geschriebene Sprache hat einen großen Vorteil: man kann als Leser dem Schreiber ständig ins Wort fallen, ihn unterbrechen, beschimpfen und man kann antworten – oder auch nicht -wann es einem passt. Allerdings ist Kommunikation dann mediatisiert und kann nur sehr eingeschränkt stattfinden.

Wittgenstein hat die verschiedenen Arten der Verwendung von Sprache im Alltag als „Sprachspiele“ bezeichnet. Mir gefällt dieses Wort, denn wir verwenden Sprache oft spielerisch, und die Regeln der Sprachspiele ähneln sehr denen in einem Gesellschaftsspiel. Seine „Philosophischen Untersuchungen“ sind eine großartige Auseinandersetzung mit den Sprachspielen. Seine Warnung vor der „Verhexung durch die Sprache“ nehme ich sehr ernst. Was mich nicht befriedigt, ist seine Schlußfolgerung, dass sich die Philosophie im Grunde in der Analyse der Sprachspiele erschöpft. Aus Angst vor der Verhexung bleibt er im Bannkreis seiner Metaphorik.

Hans Blumenberg hat den metaphorischen Charakter unserer Sprache deutlich herausgearbeitet. Ausgehend von der unmittelbaren Erfahrung, mit der wir aufwachsen, vergleichen wir neue Erfahrungen damit und belegen sie mit Begriffen, die aus dem Bekannten abgeleitet sind. Wenn Wittgenstein von Familienähnlichkeit zwischen Begriffen spricht, dann führt er unseren Begriff der Ähnlichkeit darauf zurück, dass wir bei unserer Mustererkennung schon als Säugling als erstes Familienangehörige, vorzüglich die Mutter erkennen. Emile Durkheim berichtet von australischen Stammesgesellschaften, die die Dinge mit ihren Familien und ihren Totems identifizieren – die Familienähnlichkeit scheint also tief verankert als Grundlage für andere Formen der Mustererkennung.

Wir haben uns an andere Klassifikationen gewöhnt, Kinder lernen schon im Kindergarten Bauklötze nach Formen und Farben zu ordnen – in rudimentärer Anwendung der Mengenlehre. Aber schon einfache wissenschaftliche Klassifikationen, z.B. die Zuordnung der Wale und Delphine zu den Säugetieren, stößt auf Probleme im Alltag, wo die Familienähnlichkeit mit Fischen so groß ist, dass sie den Fischen zugeordnet werden.

Bei Metaphern denken wir zunächst an Dinge, aber auch Verben und Adjektive als Ausdrücke von Tätigkeiten und Eigenschaften sind zu einem großen Teil Metaphern, die von einfachen, uns vertrauten Tätigkeiten und Eigenschaften abgeleitet sind.

Sogar der gerade geschriebene Satz strotzt von Metaphorik: „Bei“: uns vertraut als etwas daneben liegendes – aus der örtlichen Bestimmung wird eine Metapher für Zugehörigkeit, „Metaphern“: ein aus dem Griechischen abgeleitetes Fremdwort, das von meta und pherein herkommt und „etwas woanders hintragen“, „etwas übertragen“ – hier also „im übertragenen Sinne“ bedeutet, „denken“: ist eine unmittelbare Erfahrung, „wir“: in diesem Zusammenhang eine Metapher für alle Menschen, die eine Tätigkeit wie „denken“ ähnlich ausführen wie ich selbst, „zunächst“: aus der räumlichen Nähe, als nächstes liegend, wird eine zeitliche Metapher, „an..“: räumliche Anlehnung wird auf das „denken“ übertragen, obwohl denken an etwas nicht im Raum stattfindet, „Dinge“: gehören zur unmittelbaren Erfahrung, das Wort wird aber auch metaphorisch für Tatsachen verwendet, die nicht zur unmittelbaren Erfahrung gehören – und so könnte ich für den Rest des Satzes fortfahren. Metaphern gehören also zum Kernbestand unserer Sprache.

Aufforderungen

Zu den ersten Dingen, die wir als kleine Kinder lernen, gehören Aufforderungen etwas zu tun. Zu den schwierigen Dingen gehört es, dann zu begreifen, dass die Aufforderungen, selbst in der schärfsten Form als Befehl, keineswegs immer befolgt werden. Die ersten zwischenmenschlichen Beziehungen nach der Phase des schreienden Babys bestehen in Aufforderungen, Bitten und Betteln der Kindern an die Eltern, und Aufforderungen der Eltern an die Kinder. Nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern müssen dann oft mühsam das Wörtchen „Bitte“ lernen. Beim Erlernen der Sprache überraschen die Kinder dann ihre Eltern damit, dass sie schnell lernen, selbst Befehle zu geben.

Im Alltag gehören Aufforderungen zwischen Menschen zum täglichen Brot. Als Befehl drücken sie aus, dass der Befehlende glaubt einen Gehorsamsanspruch zu haben, als Bitte formuliert betonen sie eher die formale Gleichheit der Beteiligten.

Aufforderungen abstrakter Art sind die Regeln, deren Einhaltung erwartet wird, ohne dass die Aufforderung in jedem Einzelfall wiederholt wird. Die Regeln können auf Gebräuchen, Sitten, moralischen Geboten und gesetzlichen Bestimmungen beruhen. Die Aufforderung kann in Form eines Gesetzestextes, aber auch in Form von Zeichen wie z.B. Verkehrsschildern vorliegen, ja sie kann auch unausgesprochen bleiben, weil die anderen erwarten, dass die Regel durch Erziehung erlernt und verinnerlicht wurde.

Die Sprache der Aufforderung, des Befehls, des Rechts ist die Sprache des Sollens. Die Frage danach, was ich, was andere, was alle sollen, führt zur Philosophie des Gebotes. Ich muss die Sprache verstehen, um die Gebote zu verstehen, ich muss auch begreifen, was ich tun muss, wenn ich Gebote befolgen soll. Das Gebot ist ein Anspruch an mich, dem ich folgen soll – aber ich kann es auch verweigern. Ein Gebot, das ich unter allen Umständen gar nicht verweigern kann, ist kein Gebot, sondern eine Gesetzmäßigkeit. Ein Kind kann Geboten nur folgen, wenn es einmal gelernt hat, Nein zu sagen, sonst wäre es wohl ein Roboter. Die Freiheit des Willens mag umstritten sein. Wir wissen weder genau, was der Willen ist, noch was Freiheit angesichts unserer Bedingheit durch den Körper und das Gehirn sein kann. Aber Gebote verweigern oder befolgen zu können ist jedenfalls etwas, was mit Freiheit und Menschenwürde zu tun hat. Die Erkenntnis von Gut und Böse ist im Mythos mit der Vertreibung aus dem Paradies verbunden. Schon früh in der Kindheit sind Verbots- und Gebotsschilder aufgestellt, schon früh ist sich das Kind bewusst, dass es frei ist, auch gegen die Gesetze zu verstoßen, allerdings muss es dann Sanktionen in Kauf nehmen, wenn es überhaupt so weit denkt.

Frage

Nach der Aufforderung ist die Frage die wichtigste sprachliche Form im Alltag. Es geht um die Fragen nach der Orientierung in Zeit und Raum: Wann? Wo? Wohin? – oder zur Klärung von Handlungen: Wie? Womit? – oder zur Begründung von Tatsachen und Handlungen: Wieso? Warum? Weshalb? – Kinder lernen das Fragen erst relativ spät, wenn sie bereits das Antworten auf Fragen der anderen gelernt haben.

Die Frage ist – außer im Sonderfall der „rhethorischen Frage“ – eine Aufforderung zur Beantwortung, entweder sofort, oder verschoben auf den Zeitpunkt, wo jemand die Antwort weiß. Und viele Antworten werfen neue Fragen auf. Eine interessante Frage ist, warum man Warum? fragt. Wir alle kennen die kleinen Kinder, die ihren Eltern Löcher in den Bauch fragen, wo am Ende einer ganzen Kette von Warum-Fragen und den Antworten darauf dann die verzweifelte Frage kommt: „Aber warum denn?“. Kinder scheinen schon bald ein gutes Gefühl für das Problem des infiniten Regresses zu haben, dem endlosen Weiterfragen ohne je an ein Ende zu kommen.

Aufforderung und Fragen sind miteinander verwandt. Aufforderungen werden oft in Frageform gegossen und damit höflich ummäntelt. Fragen als Aufforderung zur Beantwortung werden beachtet oder auch missachtet. Probleme „werfen Fragen auf“, Handlungen und Tatsachen sind manchmal „frag-würdig“. Wir stellen Fragen nicht immer an konkrete Personen, sondern „stellen sie in den Raum“ und hoffen, dass sich jemand findet, der sie beantworten kann. Im Alltag nehmen wir vieles „frag-los“ hin, aber ohne Fragen funktioniert die Zusammenarbeit nicht, ohne Fragen lernen wir nicht dazu. Bei Aufforderungen fragen wir nach der Rechtsgrundlage, auf die sich diese stützt, welches Gesetz oder welche Regel und veranlassen sollte, der Aufforderung zu folgen. Vor allem, wenn wir zu einer Aufforderung Nein sagen, müssen wir mit der Frage rechnen, warum wir so handeln, mit der Aufforderung, unser Handeln zu begründen.

Beschreibung

Der beschreibende Satz kommt für mich in der Sprache erst an dritter Stelle nach der Aufforderung und dem Fragesatz. Der Beschreibungssatz sagt etwas aus über Tatsachen, Handlungen, Situationen, Erlebnisse – kurz gesagt über mich, die anderen und die Außenwelt, also die Welt insgesamt. Er ist sozusagen das Residuum, das alle Sätze umfasst, die weder Aufforderungen noch Fragen sind. Der Aussagesatz kann eine Behauptung enthalten, er kann den Anspruch erheben richtig und wahr zu sein. Der Sprecher kann die Wahrhaftigkeit seiner Aussage behaupten. Er kann z.B. als literarischer Satz auch bewusst fiktiv sein oder mit dem Wechsel von Fiktion und Wirklichkeit spielen. Beschreibungssätze sind modale Sätze, die eine Zeitbestimmung enthalten: jetzt, früher, später, immer, nie oder auch Möglichkeitsformen wie notwendig, möglich, vielleicht, unmöglich.

Als Konditionalsatz kann der beschreibende Satz logische Schlüsse ausdrücken: wenn->dann. Die modalen und temporalen Bestimmungen führen dann zu komplexen logischen Verknüpfungen. Entscheidend bleibt aber dabei, was denn beschrieben wird: die Bedeutung des Satzes, sein Sinn, sein Objekt, die Tatsache usw. – und wie der Satz verstanden werden kann.

Der behauptende Satz stellt den Anspruch des wahrhaftigen Sprechers an den Hörer oder eine Gemeinschaft von Hörern dar, richtig und wahr zu sein. Richtig im Sinne von in sich schlüssig, logisch richtig, sprachlich richtig und mit verwandten Sätzen kohärent. Wahr im Sinne von verlässlich wiederholbar, induktiv verifizierbar im gleichen Kontext unter gleichen Bedingungen (ceteris paribus) und hinreichend spezifisch, um auf Falsifikation getestet zu werden. Der einfachste Wahrheitsanspruch ist also dann „Der Satz, mit dem ich etwas beschreibe, trifft in der Wirklichkeit zu“ .

In dieser einfachen Behauptung steckt aber schon der Teufel im Detail. Mit welcher „Wirklichkeit“ haben wir es hier zu tun ? Stimmt die des Senders der Information mit der Wirklichkeit des Empfängers überein, und was ist, wenn es keine volle Übereinstimmung gibt ? Ist der Satz hinreichend präzise um überhaupt festzustellen, was genau behauptet wird, oder wirft er noch Fragen auf ? In welchem Verhältnis steht die sprachliche Beschreibung zu einer wie auch immer konstituierten Wirklichkeit ? Gerhard Roth hat die „Wirklichkeit“ so umschrieben, dass sie auch mit der Tatsache vereinbar ist, dass unser Gehirn aktiv an der Erstellung dieser Wirklichkeit beteiligt ist, während uns irgendeine mögliche Welt außerhalb dieser, unserer eigenen Wirklichkeit, nicht zugänglich ist.

Mit der Einführung modaler und temporaler Bestimmungen wird der beschreibende Satz sehr komplex. Kann ein Satz, der im Futur ausgesprochen wird, jetzt wahr sein, oder erst in Zukunft – oder ist er jetzt wahr, aber erst in der Zukunft verifizierbar ? Da ein Satz während des Aussprechens Zeit durchläuft, liegt dann nicht der Satz schon in der Vergangenheit, wenn er fertiggestellt ist ? Wie lange dauert eine Gegenwart (Bergsons „durée“) ? Was ist mit vergangenheitsbezogenen Sätzen, die erst in der Zukunft möglicherweise verfizierbar sind (z.B. wenn Beweisstücke freigegeben werden) ?

Welchen Status haben zukünftige oder auch vergangene „Tatsachen“? Wir verwenden modale Aussagen ständig im Alltag. Die meisten Menschen stehen aber auf Kriegsfuß mit der modalen Logik.

Wissenschaft stellt Behauptungen auf, die modale Bestimmungen enthalten, Beweise sollen die Notwendigkeit einer Aussage begründen. Der Kontext steht in den Anfangs- und Randbedingungen.

Bedeutung – Identität, Synonymie, Vagheit

Wissenschaft beschreibt nicht nur. Sie ist auch kreativ im Vergeben von Namen und Bezeichnungen, sie ordnet und klassifiziert. Viele wissenschaftliche Begriffe sind Metaphern, andere sind unverständliche Übersetzungen aus dem Altgriechischen, die verschleiern, dass niemand genau weiß, was gemeint ist. Ein Wort wird zur Frage: „Ja, was bedeutet denn das ?“ – Die Bedeutung wird erklärt durch andere unerklärte Wörter. Was aber heißt denn dann Bedeutung ? Die Definition grenzt den richtigen Gebrauch vom nicht mehr richtigen Gebrauch und benachbarten Begriffen ab. Bedeutung durch Definition oder durch Erklärung mit Hilfe anderer Wörter ist nur wenig hilfreich. Dann fragt man nach der Bedeutung von Sätzen: sind es die Wahrheitsbedingungen, die einem Satz seine Bedeutung geben ?

Bedeutung ist von Philosophen vielfältig definiert worden. Ich neige dem Satz Wittgensteins zu, dass die Bedeutung durch den Gebrauch in der Sprache festgelegt wird. Das ist ein ständiger Prozess. Bei jedem Gespräch findet eine Art Verhandlung zwischen Sprecher und Hörer statt, bei der festgestellt wird, ob beide das gleiche meinen. Diese Verhandlung zielt nicht auf eine absolute Übereinstimmung ab, sondern auf eine, die für den Zweck der Konversation hinreichend ist. Nach jeder Interaktion verschiebt sich das Bedeutungsfeld bei beiden, Sprecher wie Hörer, in Nuancen.

Wörter sind in vielen Verknüpfungen verwendbar, Sätze sind nicht immer eindeutig. Um verständlich zu sein, muss sichergestellt werden, dass ein und dasselbe Wort immer auch für ein und dieselbe Tatsache steht. Und die Tatsache, oder das Ding, von dem die Rede ist, soll Identität haben, also jeweils erkannt und wiedererkannt werden können. Aber kann etwas überhaupt identisch sein, wenn es durch Zeitverlauf doch immer wieder in neuen Kontexten steht ?

In der Sprache wird ein Gegenstand als identisch angesehen, wenn die Ausdrücke für ihn synonym sind. Wann aber ist Synonymie wirklich feststellbar ? Ist nicht sogar durch unterschiedlichen Klang schon etwas anderes gemeint ? Gehört nicht zu echter Synonymie, dass Wörter auch die gleichen Gefühle hervorrufen ? Da sind wir dann bei der Übersetzbarkeit von Sprachen: ein Blick in zweisprachige Wörterbücher reicht aus um zu ewrkennen, dass es zwischen verschiedenen Sprachen praktisch keine Synonymen gibt.

Die Sprache ist nicht präzise, sie ist ausgesprochen vage. Das berühmte Sorites-Paradox soll eine in der Sprache eingebaute Vagheit beweisen. Das ist aus meiner Sicht allerdings nur für den tatsächlichen Sprachgebrauch der Fall, der immer nur so präzise ist wie es gerade notwendig ist, um richtig verstanden zu werden und ggf. die richtigen Konsequenzen für das Handeln zu ziehen. Aber man kann natürlich – wie es zu wissenschaftlichewn Zwecken auch immer wieder geschieht – ganz präsize Abgrenzungen finden: wenn ein Haufen per Definition vier Teile besitzen muss, wenn „kahl“ bei genau 87 Haaren anfängt, dann gibt es kein Paradox mehr. Aber der Alltag braucht solche genauen Abgrenzungen nicht, er kommt mit Vagheit zurecht.

Identität scheint etwas besonders einfaches zu sein, 1=1 gilt als zwar richtige, aber eigentlich völlig irrelevante Feststellung. Aber bei näherem Hinsehen wird es vertrackt. Für Zahlen wird die Identitätsrelation vorausgesetzt und ist in der Tat trivial. Aber bei Gegenständen und Tatsachen, bei Menschen und in der Welt insgesamt ist weder klar, wann zwei Gegenstände so übereinstimmen, dass sie als identisch angesehen werden können, noch ist genau feststellbar, ob ein und derselbe Gegenstand im Laufe der Zeit noch „er selbst“ ist oder nicht. Was identisch ist, das sind eher Eigenschaften als die Gegenstände selbst, aber auch für Eigenschaften ist eher unklar, wann sie etwas gleiches und wann nur etwas ähnliches beschreiben. Viele Eigenschaftsbegriffe haben Nuancen, Abstufungen und unklare Abgrenzungen. Wenn wir also einmal versuchen nach dem Vorbild von Descartes alles zu bezweifeln, dann bleibt wenig übrig, von dem wir uns einer Identität gewiss sind (wie z.B. 1=1 – aber selbst da ist zu spezifizieren ob die 1 auf der linken nicht z.B. eine ganze Zahl 1-ganz ist und auf der rechten eine rationale Zahl 1-rat – dann bezeichnen beide ja nicht mehr das Gleiche und die Identität wäre nicht automatisch gegeben, wenn nicht die Subsumptiopn der einen Art Zahlen unter die andere zumindest eine teilweise Identität feststellen lässt: also: 1-ganz ist immer auch 1-rat, aber 1-rat ist nicht immer 1-ganz. Un d was ist mit 1-grenz, wenn dies den Grenzwert einer Reihe angibt, der gegen 1 konvergiert ? Sind 1-rat, 1-ganz und 1-grenz identisch ?

Unsere Alltagssprache ist weitgehend kontextabhängig. Das bedeutet, dass eigentlich zu jedem Wort und zu jedem Satz der Kontext hinzugefügt werden muss, bevor Identität überhaupt festgestellt werden kann. Die alten Meister haben sich aus dem Sein der Identität in das Wesen gerettet. Das Wesen bezeichnet den Gegenstand reduziert auf das „Wesentliche“, eine Menge von Eigenschaften, die ausreichen um den Gegenstand zu identifizieren ohne dass eine Menge beliebiger weiterer Eigenschaften berücksichtigt werden muss. Wird „das Wesentliche“ mit der höherer Weihe eines selbstständigen Seins ausgestattet, dann erinnert das Ergebnis an Platons „Ideen“.

Im Deutschen helfen wir uns mit der Unterscheidung zwischen „der selbe…“ und „der gleiche…“ – ersteres gibt es in nur einem Exemplar, während letzteres alle Exemplare der gleichen Gattung oder Gruppe umfasst, „das ist der gleiche Wal“ kann heißen, dass es sich heute um die gleiche Art Wal, z.B. ein Pottwal, handelt wie gestern, aber nicht um das gleiche Exemplar. „Das ist derselbe Wal“ hingegen bedeutet, dass der Wal vielleicht an Hand einer Markierung wiedererkannt wurde und als Individuum wiedererkannt wurde.

Identität ist also kein eindeutiger Begriff.

Wenn zwei Wörter genau das gleiche meinen, sprechen wir von Synonymen. Die Frage ist aber, ob es überhaupt Synonyme gibt. Können Wörter oder Sätze aus verschiedenen Kontexten synonym sein ?
Quine sprach von der Unmöglichkeit der Übersetzung: das Problem ist, dass vermeintlich synonyme Wörter in verschiedenen Sprachen nie ganz übereinstimmen, nicht nur abweichende Bedeutungsfelder haben, auch andere Konnotationen mitschwingen lassen und andere Emotionen wecken. Das führt natürlich nicht dazu, dass wir nichts übersetzen, aber es führt zu einer Vielfalt möglicher Übersetzungen, die sich erheblich voneinander unterscheiden können. Insbesondere die Übersetzung von Poesie stellt dabei riesige Herausforderungen.

Warum haben wir eigentlich Synonyme in ein und derselben Sprache ? Im Englischen gibt es häufig für ein und denselben Gegenstand ein aus dem angelsächsischen entstandenes und ein aus dem normannischen Französisch entstandenes Wort. Aber mit der Zeit haben die vorgeblichen Synonyme unterschiedliche Konnotationen herausgebildet und können Nuancen ausdrücken – die Wörter sind nicht mehr wirklich synonym.

Und wozu haben wir Synonymen-Lexika, suchen für den guten Ausdruck oft synonyme Ausdrücke oder variieren das Wort um nicht eintönig zu reden ? Das dient genau der Vielfalt und Farbigkeit der Sprache, dem Ausdruck von feinen Nuancen oder auch der Präzisierung des Satzes. Das alles wäre nicht möglich, wenn sogenannte Synonyma wirklich und ganz synonym wären – die kleinen Differenzen sind es, die die Sprache bereichern.

So kann auch die beste Übersetzung nie das Original ersetzen, der synchronisierte Film fällt gegenüber dem Original ab.

Kann eine formale Sprache Synonyme haben ? Im Grunde schon, auch wenn wir das Wort dafür nicht benutzen. Wenn x=y, dann ist y ein Synonym für x und x eines für y. Und beide Symbole können als synonym zu der Bezeichnung eines Gegenstandes oder einer Aussage betrachtet werden, wenn das Symbol als Stellvertreter des Gegenstandes angesehen wird.

Brauchen wir dann noch den Begriff der Referenz ? Oder ist es das gleiche wie ein Synonym mit Symbol und Gegenstand auf beiden Seiten der Synonymie-Gleichung ?

Aber das Ansehen als Stellvertreter des Gegenstandes kann auch als Referenz auf den Gegenstand betrachtet werden. Dann sind allerdings Referenz und Gegenstand nicht mehr synonym, weil unterschiedlichen Kategorien zugehörig – Referenzen sind nicht selbst Gegenstände.

Aber wie steht es dann mit dem berühmten Beispiel von „Morgenstern“ und „Abendstern“, wenn beides denselben Planeten z.B. Venus bezeichnet. Beide Wörter wird niemand als synonym ansehen, der Bezug auf „Morgen…“ und „Abend…“ ist ein wesentlicher Unterschied. Ist dann trotzdem festzustellen, dass beide Wörter eine Referenz auf den Planeten Venus ausdrücken ? Ich glaube, dass das nicht stimmt. Der Morgenstern kann keine Referenz auf einen „Stern“ ausdrücken, der nicht am Morgen blinkt. Wenn dann ein Wissenschaftler uns erklärt, dass der Morgenstern (und der Abendstern) in Wirklichkeit der Planet Venus ist, dann ist das eine Identifikation, die einen neuen Ausdruck hervorbringt, so dass dann der Satz gilt: „was wir für den Morgenstern halten, ist der Planet Venus und was wir für den Abendstern halten ist auch der Planet Venus.“ – Wenn aber die Rede über den Abendstern geht, ist es irrelevant ob es Venus oder Jupiter ist, nur für die Frage „welchen Planeten sehen wir, wenn wir abends oder morgens am Himmel nach Planeten suchen?“, ist dies relevant.

Ist Vagheit ein unablösbarer Teil der Sprache oder kann sie durch immer bessere Präzisierung aufgehoben werden. Das berühmte Sorites-Paradox in der Form „Wann ist die Menge Körner noch ein Haufen, wenn man immer je eines wegnimmt ?“, oder „wann ist ein Mann kahl, wenn man von seinen Haaren immer je eines entfernt ?“ – ist durch Formalisierung und Präzisierung der Sprache perfekt lösbar. Man braucht nur durch Konvention festlegen, dass ein Kopf mit 49 Haaren als kahl und ab 50 Haaren als nicht-kahl zu gelten hat oder dass 4 eng aneinander gelegte Körner, bei denen mindestens eines auf den anderen aufliegt, als Haufen gilt und alles mit weniger Körnern nicht.

Nur sind solche Präzisierungen in der Alltagssprache völlig unnötig. Das Sorites-Paradox beruht daher auf einem Wechsel der Kategorien von der Konvention einer hinreichend präzisen Alltagssprache zu einer wissenschaftlich präzisen Konvention.

Soll man also nun die Alltagssprache (ordinary language) kategorisch von der Sprache der Wissenschaft (und Philosophie) unterscheiden ? Ich glaube nicht, dass das sinnvoll ist. Denn auch in der Wissenschaft bedienen wir uns der Sprache des Alltags, die wir nur nach und nach anreichern und an die Erfordernisse der notwendigen Eindeutigkeit und Präzision anpassen. Selbst formale Sprachen wie logische und mathematische Symbolsysteme sind letztlich in Alltagssprache übersetzbar, wenn nur der Wortschatz dafür erlernt wird.

Hier findet jetzt der Begriff der Vagheit der Sprache – anders als beim Sorites-Paradox – eine sinnvolle Anwendung: das Erlernen der Sprache(n) in der Kindheit befähigt dazu den Alltag sprachlich zu meistern. Schon der komplexe Alltag unserer modernen Welt führt ständig neue Gegenstände und damit auch Begriffe dafür in unsere Sprache ein. Wir sind also ständig mit Neologismen konfrontiert.

Das Erlernen wissenschaftlichen Arbeitens erfordert normalerweise das Erlernen einer neuen Terminologie, also eines ganzen Systems von Neologismen. Diese Terminologie ist esoterisch in dem Sinne, dass nur Eingeweihte sie richtig anzuwenden erlernen. Es ist ein beliebtes Spiel von Angebern und Schwindlern, die Terminologie einer Wissenschaft zu nutzen um Laien ein Wissen vorzutäuschen, das oft gar nicht vorhanden ist. Molière hat in seinem „malade imaginaire“ (der eingebildete Kranke) die medizinische Terminologie seiner Zeit aufs Korn genommen und sie als Geschwätz entlarvt. Auch heute ist Misstrauen angebracht, wenn manche behaupten, was sie sagten sei „wissenschaftlich erwiesen“ und sich dann einer Pseudo-Fachterminologie bedienen um ein Wissen vorzutäuschen, dass einer Nachprüfung nicht standhalten kann.

Neologismen sind häufig aber selbst noch unscharfe Begriffe, die dazu dienen, das zu beschreiben, was als Gegenstand von Wissenschaft erst noch genauer untersucht werden soll. Wir lernen sie, bevor sie hinreichend genau definiert werden können. Ich nenne sie heuristische Neologismen. Wenn ich mit anderen Wissenschaftlern zusammenarbeite, dann müssen wir uns darüber verständigen, was Gegenstand der Untersuchung, des Experiments, der Theorie oder der Hypothese ist.

Aber auch im Alltag ist diese Art von Vagheit vorhanden. Wenn uns im Gespräch mit einem anderen ein neues Wort begegnet, dann fragen wir oft nicht einmal nach, was es bedeutet, sondern erschließen aus dem Kontext, was gemeint sein könnte (was irrtumsanfällig ist!). Mit jedem Dialog, in dem der Begriff Verwendung findet, verändert sich das Bedeutungsfeld. Manche Bedeutungen fallen weg, manche Konnotationen führen zu neuen Bedeutungen, der Anwendungsbereich wird erweitert. Dabei unterscheide ich konvergente und divergente Begriffe: konvergente Begriffe führen durch viele Dialoge in der Öffentlichkeit dazu, dass sich immer klarer herauskristallisiert, was der Begriff beschreibt, divergente Begriffe werden in jedem Dialog erweitert und ergänzt, bis sie so weit gefasst sind, dass sie nichts-sagend werden.

Die Bedeutung eines Wortes ist seine Verwendung in der Sprache – sagte Wittgenstein. Jede Verwendung im Dialog zielt darauf ab, dass das Wort vom Sender und Empfänger gleich verstanden wird. Ob das wirklich der Fall ist, können wir kaum überprüfen – aber wir stellen fest, ob das gemeinsame Verständnis ausreicht, die gleichen Handlungen hervorzurufen, die gleichen Schlüsse zu ziehen oder das gleiche Bild vor Augen zu haben. „Gleich“ ist hier nicht als Identität zu verstehen, sondern als eine hinreichende Gleichheit, während alle weiterhin bestehenden Unterschiede als unwesentlich und irrelevant betrachtet werden. So ist der Dialog eine Art Verhandlung zwischen den Sprechern, ob die gemeinsame Bedeutung hinreicht oder weiterer Klärungsbedarf besteht. Nur, wenn die weiter bestehenden Bedeutungsunterschiede zu Problemen im weiteren Handlungsverlauf führen, dann wird der Begriff weiter präzisiert.