Essay zur Religion

Die Sprache der Religion ist sehr vielfältig. Sie befielt oder fordert zumindest auf: zum Handeln nach bestimmten Regeln, zum Glauben und zu Riten. Sie stellt Behauptungen auf, die damit der Argumentation zugänglich sein sollten. Allerdings wird unter Glauben häufig verstanden, dass nicht mehr gefragt und über ihre Behauptungen nicht frei argumentiert werden darf. Nicht jede Religion hat einen oder mehrere Götter, aber diejenigen, die eines oder mehrere Wesen postulieren, die sie Götter nennen, lassen keinen Zweifel an der Existenz solcher Wesen zu. Religionen ohne Götter wie der Konfuzianismus führen die Regeln auf große weise Menschen zurück, die Riten sind nichtsdestoweniger verpflichtend, ihre Nichtbeachtung führt zu Problemen mit der Gemeinschaft bis hin zum Ausschluss.

Mythos ist nicht das gleiche wie Religion – aber jede Religion lebt auch von Mythen. Darunter verstehe ich die Erzählung von Geschehnissen aus der fernen Vergangenheit, die paradigmatisch stehen für die Entstehung und Bewährung der Verhaltensweisen, die die Religionen fordern.

Ein Ursprung der Religion ist die Hoffnung auf Erlösung von Problemen, die der Mensch als nicht lösbar und bedrückend zugleich empfindet. Das gilt insbesondere für den Tod. Der Umgang mit dem Tod und der Aufeinanderfolge der Generationen, aber auch mit allen anderen Phasen des Lebenszyklus von der Geburt über die Initiation ins Erwachsenenleben bis zur Paarung und Fortpflanzung werden bewältigt, indem Riten und Gemeinschaft helfen, die Hoffnung auf Erlösung nicht zu verlieren. Diese Hoffnung kann sich auf „ewiges Leben“ ebenso richten wie auf ein Ende der Wiedergeburtszyklen im „Nirwana“ oder auf ein Weiterleben in den Nachkommen.

Liebe zueinander, auch zu den Kindern, ist in der Gesellschaft notwendig und gefährdet zugleich. Die religiöse Liebesbotschaft gebietet Liebe auch zu den Menschen insgesamt, zuminderst in der eigenen Gemeinschaft, weit über den engsten Kreis hinaus. Durch Liebe zum Gott wird die Liebe zum Nächsten zur Pflicht. Das ist allerdings keine universelle Botschaft aller Religionen, auch wenn viele zumindest für die eigenen Religionsangehörigen eine Zuwendung zum Nächsten in Not vorschreiben.

Der Glaube ist auch je nach Religion ein mehr oder weniger zentraler Bestandteil der Religion. Glaube bedeutet ausdrücklich, dass kein weiterer Beweis gefordert wird, Glaube ist immer blind. Das heißt nicht, dass der Gläubige nicht auch nach rationalen Gründen sucht, um seinen Glauben zu rechtfertigen. Aber ein Glaubender sucht nicht mit dem Zweck seinen Glauben zu erschüttern und ggf. aufzugeben, sondern er sucht auch in der Ratio nach positiver Rechtfertigung.

Aus meiner Sicht sind die verschiedenen Religionen unterschiedliche Ausdrucksformen der Religiosität, die viele Menschen – wenn auch nicht alle – in sich verspüren. Die Religion gibt Halt und Orientierung, auch dann, wenn andere Begründungen versagen. Sie gibt Gewissheit, wo Vernunft keine Gewissheit versprechen kann. Diese Bedürfnis ist groß genug um sich auch gegen die Vernunft durchzusetzen.

Dabei sind aber keineswegs alle Religionen gleichwertig. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ – heißt es in der Bibel. Die Anhänger keiner großen Religion haben auch nur annähernd ihre eigenen Ansprüche eingelöst. Aber es macht einen Unterschied aus, ob eine Religion Nächstenliebe predigt oder den Hass auf alle anderen, die ihr nicht angehören. Es macht auch einen Unterschied, ob eine Religion Menschen opfert, auf dem Altar oder auf hohen Pyramiden wie bei den Azteken, oder ob sie alle Menschen als gleich vor Gott akzeptiert. Die ethischen Grundsätze der Religionen sind verschieden, die meisten intolerant, nur wenige akzeptieren, dass es andere Kulte geben darf.

Religionen pflegen ihre Mythen. Sie sind Symbole allgemein menschlicher Gefühle gegenüber Leben und Tod, Leid und Freude, Geschichtlichkeit und Ewigkeit. Manche Mythen verweisen auf vergangene Heroen, oder alte Formen des Kultus, andere ordnen den Menschen ein in Clans, Familien, oder aber als Teil der umgebenden Natur.

Religionen pflegen ihren Kultus. Durch ihren Ritus sprechen sie dabei alle Sinne an, erzeugen Halluzinationen um das Übersinnliche zu erreichen, sie räuchern, beweihräuchern, brennen Opfer, erzeugen ungewöhnliche Laute, tauchen die Welt in besonderes Licht oder Dunkel. Gesang, Musik, Tanz und am Ende auch das rituelle Wort werden verwendet um eine Aura des Heiligen zu gewinnen. Heilige Orte, Bäume, Quellen, heilige Tiere werden verehrt. Die Ehre wird Bildnissen der Götter in Tempeln erwiesen, Gebete werden eher gemurmelt als gesprochen, die kollektive Verehrung ist wichtiger als die individuelle.

Religionen fordern Glauben. Das Wissen der Priester garantiert den richtigen Glauben. Wo Laien den Glauben eigenständig interpretieren dürfen, sind Sektenbildungen nicht weit. Manche Religionen erklären die Inhalte des Glaubens zu Geheimnissen, die nur Priestern oder Eingeweihten zugänglich sind, andere fordern Unterwerfung unter die Formeln des Glaubens. Es gibt Religionen, die einen Pluralismus von Glauben zulassen, wenn nur die Riten beobachtet werden, andere legen auf Riten weniger Wert als auf Dogmen.

Religionen fordern Macht. Die Besitzer der Wahrheit, die Hüter des Ritus, die Bewahrer des Mythos, beanspruchen einen privilegierten Platz in ihrer Gesellschaft. Sie sitzen zur Rechten der Mächtigen oder sie streben selbst an die Spitze der Macht in der Gesellschaft. Thron und Altar sind verbunden, der Kaiser wird göttlich, der Sohn der Sonne herrscht über das Volk. Damit wird Religion auch zum Mittel des Machterhalts. An der Spitze der Gläubigen stand sicher schon manches Mal ein ungläubiger Zyniker der Macht. Der Papst braucht nicht zu glauben, er muss nur die Riten richtig ausführen, der Sohn der Sonne glaubte vermutlich an seine göttliche Herkunft, der römische Kaiser an seine göttliche Zukunft – aber beide kannten auch die intimen Geheimnisse der Mächtigen, wussten um das Allzumenschliche in ihren Familien und ihrer engsten Umgebung. Dieses wurde abgeschirmt, um die Aura des Göttlichen nicht zu stören.

An den Rändern der Religionen leben die Sekten aller Art. Manche sind Versuche, die Reinheit der Religion herzustellen – meist ausgegeben als Wieder-Herstellung des Ursprungs, andere sind Versuche, das Leben den harten Ansprüchen des Glaubens entsprechend einzurichten, wieder andere sind betrügerische Versuche, den naiven Glauben vieler Menschen für materielle und sexuelle Zwecke und zur Ausübung von Macht über eine Gruppe direkt auszuüben. Die Riten der Sekten sind oft abweichend und beanspruchen, den einzig wahren Zugang zum Gott zu gewährleisten, manche Riten sind den großen Religionen abgeschaut, werden aber pervertiert bis zur Umkehrung, so wie die schwarze Messe der Satanisten nichts anderes ist als das Negativ-Foto der katholische Messe.

Religionen haben oft ekstatische Züge, „Ver-rückte“ gelten oft als heilig, wer Halluzinationen hat, sieht Erscheinungen, die je nach Religion als Heilige oder die Jungfrau Maria auftreten oder als Isis, Bona Dea Kybele, Buddha oder Krishna oder Erzeengel und Dämonen. Die „Normalität“ des „gesunden Menschenverstandes“ ist in der Religion aufgehoben, das Absurde gehört zum Glauben. Nikolaus von Kues sagt „credo quia absurdum“ – ich glaube, gerade WEIL es absurd ist. Denn einem Glauben an das Profane, Alltägliche ohne das Übersinnliche, Überirdische, fehlte ein wichtiges Element des Heiligen.

Die Religionen bauen eine Brücke zwischen Lebenden und Toten ins Jenseits. Das „Jenseits“ beschreibt nur, dass es sich um einen u-topischen nicht topographischen Ort, ein „Nicht-Hier“ handelt, der ins Geheimnis gehüllt ist. Nur die göttliche Offenbarung des wahren Glaubens kann ihn eröffnen. Ob es eine lineare Eschatologie gibt, die von Schöpfung zum Untergang des Irdischen zeitgerichtet abläuft, ob es sich um ewige oder fast ewige Kreisläufe handelt, die den Menschen in anderen Inkarnationen durchlaufen. Ob Paradies oder Hölle, die Schattenwelt des Hades oder die astrologisch erschlossenen Sternenfunken, oder auch die ewige Ruhe des Nirwana, es sind alles Zustände, die dem Menschen nach dem Tode eine Zukunft geben, eine Hoffnung auf Besseres, das auf Erden nicht erreichbar ist.

Das Jenseits kann die Geister der Menschen so in den Bann ziehen, dass darüber das Diesseits entwertet wird. Das mittelalterliche Christentum, aber auch manche asiatische Religion haben die Suche nach Sinn in das Jenseits verlegt. Der Aufenthalt im gegenwärtigen Jammertal ist kaum der Rede wert, das Leben wird entwertet und damit auch die Menschenwürde. Der Umgang vieler Religionen mit menschlichem Leben und Leiden beruht auf einer doppelten Entwertung der menschlichen Würde: die Gegenwart ist nichts gegen die Zukunft im Jenseits, und die Menschlichkeit ist nichts gegenüber der Größe des Göttlichen.

Wenn in Europa dennoch der Begriff der Menschenwürde wachsen konnte, dann zuerst aus der Annahme der Teilhabe am Göttlichen, und später während der Aufklärung aus der Wendung der Macht der Vernunft gegen die Macht der Religion. Die Freiheit eine Religion im Rahmen der gemeinsamen Verfassung auszuüben ist Teil der Menschenwürde, irgendjemanden einer Religion zu unterwerfen, ist hingegen eine Verletzung der Menschenwürde – der Grat zwischen beidem ist schmal.