Appeasement oder in den Krieg schlafwandeln – die Macht historischer Vergleiche

Der Frieden in Europa ist in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zweimal zerbrochen: in den Krisen vor dem Ersten Weltkrieg, insbesondere in der Julikrise von 1914 war das Krisenmanagement mangelhaft, Fehleinschätzungen waren an der Tagesordnung und die Versuche, den Frieden zu erhalten waren unzureichend – gleich ob dies nun als böse Absicht oder Unfähigkeit ausgelegt wird. Das Gefühl irgenwie in einen Krieg hineingeraten zu sein, den niemand in dieser katastrophalen Form erwartet hatte, führte nach 1918 zu großer Vorsicht und Zurückhaltung. So wurde vor dem Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Alliierten alles versucht, einen neuen Krieg zu vermeiden, auf Seiten der Sowjetunion galt der revolutionäre Krieg zwar als unvermeidlich, aber ein imperialistischer Krieg solle bitte schön zwischen den imperialistischen Mächten stattfinden. Nur die Nationalsozialisten in Deutschland und die Faschisten in Italien hielten den Krieg nicht nur für unvermeidlich, sondern für den heroischen Höhepunkt ihrer Politik. Die Antwort darauf war die Appeasement-Politik, die versuchte Hitlers „verständliche Forderungen“ weitgehend zu erfüllen um den Frieden zu erhalten. Wir wissen, dass diese Politik an den Realitäten scheiterte. Hitler betrachtete das Appeasement als lästige Verzögerung seiner Kriegspläne, aber seine Entschlossenheit zum Krieg war damit nicht vermindert worden.

Heute verfolgen uns die Gespenster der beiden Weltkriege, wir wollen die Fehler nicht wiederholen. Anders als vor dem Ersten Weltkrieg wollen wir verhindern, dass der Gesprächsfaden abreißt und wir in eine Eigendynamik der Eskalation geraten, die am Ende nicht mehr zu kontrollieren ist. Wir bemühen uns aktiv darum die Konfliktparteien zu verstehen und suchen Lösungen, die ihnen entgegenkommen. Da liegt aber der Vorwurf des Appeasement nicht fern. Reichen wir nicht dem Aggressor die Hand anstatt ihm mit aller Härte zu begegnen ?

Die historische Erfahrung prägt auch heute unsere Debatte. Die historischen Vergleiche sind sehr wirkungsmächtige Kräfte. Aber führt das zu den richtigen Schlüssen ? Was ist es denn, das uns die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts lehren könnte ? Eine Analyse der Fehler vor 1914 sollte helfen eine Wiederholung zu vermeiden. Aber sind die Umstände, die vor 1914 herrschten überhaupt vergleichbar mit der heutigen Situation wie es immer wieder behauptet wird ? War das Appeasement von 1938 eigentlich wirklich eine erfolglose Politik, oder war es vielleicht die richtige Politik im Jahre 1938, auch wenn sie im Jahre 1939 nicht mehr möglich war ? Die Appeasementpolitik war zu ihrer Zeit eine vermeintliche Konsequenz aus dem Ersten Weltkrieg gewesen. Keine Chance für den Frieden sollte vergeben werden, keine Eigendynamik akzeptiert werden, die den Krieg als unvermeidlich annahm. Und diese Politik war 1938 erfolgreich und wurde in England begeistert begrüßt.

Die Lehren aus dem falschen Krisenmanagement von 1914 sind auch heute richtig: Jeder Weg zu friedlichen Vereinbarungen muss ausgelotet werden, jede Möglichkeit einer Einigung muss versucht werden. Auf keinen Fall dürfen wir uns auf eine Logik der unaufhaltsamen Eskalation bis hin zum Krieg einlassen. Das ist aber nicht nur eine Lehre aus dem Weg in den Ersten Weltkrieg, es ist auch eine Lehre aus dem Kalten Krieg. Wir sollten nicht vergessen, dass sich bei einer Konfrontation zwischen Ost und West, vertreten durch Russland und die USA, hochgerüstete Atommächte gegenüberstehen. Auch wenn es die Parität vieleicht nicht mehr gibt und die USA eine weitaus dominantere Rolle spielen können als je zuvor, eines ist klar: eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen der NATO und Russland würde ein Maß an Zerstörung einschließlich nuklearer Schläge riskieren, das alles Vorstellbare übertrifft. Aus dem Ersten Weltkrieg sollten wir lernen, dass es ein Drahtseilakt ist in solchen Konfliktlagen hoch zu pokern und zu bluffen. Aus dem Kalten Krieg sollten wir wissen, dass jede Fehlkalkulation zu ungleich schwerwiegenderen Konsequenzen führen kann als der erste und zweite Weltkrieg zusammengenommen und dass es völlig unverantwortlich wäre, eine Auseinandersetzung als kalkuliertes Risiko in Kauf zu nehmen.

Zugleich ist aber auch die Lehre aus dem Scheitern der Appeasementpolitik zu beachten: wenn – und nur wenn – eine Seite entschlossen ist, für die eigenen Ziele einen Krieg zu riskieren, dann ist es nicht vernünftig, so einem Gegner noch Geländegewinne durch Kompromisse zu gestatten bevor die Auseinandersetzung ihren Höhepunkt erreicht. Dann ist es an der Zeit ein klares Signal zu setzen: bis hierher und nicht weiter! Nur : was ist dann die Alternative zum angeblichen Appeasement ? Was wäre 1938 die Alternative gewesen ? Hätten die Westmächte Hitler sofort mit Krieg drohen müssen ? Hätten sie schon 1938 eine Kriegserklärung abgeben müssen ? Niemand konnte damals das Ergebnis einer bewaffneten Auseinandersetzung vorhersagen – und auch heute ist das nicht möglich. Wäre es wirklich vertretbar gewesen, den großen Krieg zu riskieren als nicht nur Deutschland, sondern vor allem auch England noch nicht dazu vorbereitet war ?

Wenn heute die Alternative zu den geradezu verzweifelten Friedensbemühungen ein Atomkrieg zwischen NATO und Russland wäre, wer könnte dann diese Bemühungen noch als Appeasement denunzieren ? Im Jahre 1939 hat England den Krieg gegen Hitler gewagt. Es war eine großes Wagnis und für mehrere Jahre war es nicht sicher, ob England den Krieg überhaupt gewinnen konnte. Wir können heute für dieses Wagnis nur dankbar sein, denn der Sieg über Hitler war ein Sieg für die Menschheit und die Menschlichkeit, aber wie wäre die heutige Einschätzung der Möglichkeiten zum Sieg ? Die Kritiker der Friedensbemühungen sollten sich wenigstens die Mühe machen zu sagen, was sie denn durch militärische Härte und Druck zu erreichen hoffen, was über zivile Sanktionen hinausgeht.

Die Folgerungen aus den historischen Erfahrungen sind also vielschichtig:
– jede Möglichkeit zu einer Einigung muss mit Geduld und Beharrlichkeit ausgeschöpft werden, es darf keine Eigendynamik entstehe, die ein Schlafwandeln in einen größeren Krieg wahrscheinlicher macht (Lehre aus dem Ersten Weltkrieg)
– einer Aggression muss mit Härte und Stärke, vor allem aber mit Einigkeit im Westen begegnet werden. Ein Pokerspiel gegen uns dürfen wir nicht zulassen. Der Aggressor muss wissen, dass er nicht gewinnen wird (Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg)
– die Mittel der Auseinandersetzung müssen erlauben, dass wir die Stärkeren sind. Militärisch sind wir es nicht, wirtschaftlich sind wir es, auch wenn mit erheblichem Schaden für uns selbst zu rechnen ist. Alle Mittel dürfen nicht in einer Eskalation bis zur nuklearen Selbsttzerstörung beider Seiten führen (Lehre aus dem Kalten Krieg).
– da Kompromisse notwendig sind, wenn es keinen klaren Sieger und Besiegte gibt, muss bei jeder Maßnahme auch ein möglicher Kompromiss immer schon mit gedacht werden. Das ist die mühsamste Form des Umgangs mit modernen Aggressoren, aber in der Regel die einzig vertretbare.

1 Antwort

  1. Gebhardt Weiss sagt:

    Gut gemacht, Georg !!!! Herzliche Grüße, Gebhardt