Max Horkheimer /Theodor Adorno : Dialektik der Aufklärung – immer noch eine Herausforderung (1984/1997)

(Verfasst von Georg Boomgaarden, 1984 – überarbeitet 1997)

Unter dem Eindruck des Terrors der Naziherrschaft schrieben Theodor Adorno und Max Horkheimer 1944 gemeinsam den Essay „Dialektik der Aufklärung“. Selbst von der Barbarei aus Deutschland vertrieben, hatten sie erlebt, wie Menschen dem Mythos von Blut und Boden, dem Irrationalismus und dem Wahn der Gewaltherrschaft verfielen, die Kinder der Aufklärung waren. Warum dieser Rückschritt ? Warum blieb Aufklärung, die doch laut Kant der Ausgang der Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit sein sollte, so seltsam wirkungslos ?

Vorrede – die gestohlene Sprache

In der Vorrede heißt es: „Kein Ausdruck bietet sich mehr an, der nicht zum Einverständnis mit herrschenden Denkrichtungen hinstrebte, und was die abgegriffene Sprache nicht selbsttätig leistet, wird von den gesellschaftlichen Maschinerien präzis nachgeholt.“
Die Usurpation der Begriffe der Aufklärung durch diejenigen, die daraus ein Instrument der totalen Herrschaft gemacht haben, hat die Aufklärer sprachlos gemacht. Freiheit, Wahrheit, Demokratie sind gestohlene Begriffe, die wir uns erst wieder aus dem Wortschatz des Bösen zurückerobern müssen. Doch Resignation hilft nicht weiter. Aufklärung kann nur dann viele Menschen erreichen, wenn sie sich der einfachen Sprache des Alltags bedient.
Deshalb bleibt es auch unsere Aufgabe – um mit Konfuzius zu sprechen – die Worte richtig zu stellen und die Riten einzuhalten. Die Sprache nicht dem Bösen zu überlassen, es nicht hinzunehmen, wenn Faschisten von Würde, wenn Stalinisten von Befreiung reden, sondern die Begriffe immer wieder auf ihren aufklärerischen Ursprung zurückzuführen, das ist der Weg, mit der Dialektik der Sprache fertigzuwerden.

Dialektik der Aufklärung – Grund der Freiheit und Keim der Sklaverei

Horkheimer und Adorno verstehen sich als Repräsentanten des Denkens der Aufklärung. Als Intellektuelle stehen sie in der Tradition Kants und Hegels. Sie haben das Scheitern der Aufklärung erlebt und suchen nach den Ursachen dieses Scheiterns. Ihre Absicht ist es nicht, Aufklärung über Bord zu werfen. Vielmehr wollen sie auf die Dialektik der Aufklärung verweisen, die zugleich den Grund der Freiheit legt und doch den Keim der Sklaverei des Denkens in sich trägt.
„Wir hegen keinen Zweifel – und darin liegt unsere petitio principii -, daß die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärenden Denken unabtrennbar ist. Jedoch glauben wir, genauso deutlich erkannt zu haben, daß der Begriff eben dieses Denkens, nicht weniger als die konkreten historischen Formen, die Institutionen der Gesellschaft, in der es verflochten ist, schon den Keim zu jenem Rückschritt enthält, der heute überall sich ereignet.“
Verzweiflung droht dem Philosophen, wenn er erkennt, daß die Tatsachen, das Bestehende, nicht den Ideen folgen, sondern sich den Ideen aufzwingen. Das Denken will ausbrechen, über seine Grenzen hinausdenken. Es will die Schwelle des So-Seins transzendieren, die uns durch ihre engen Kategorien in die Welt, so wie sie ist, einzwängt. Eine neue Sprache und neue Denkkategorien sind Voraussetzung eines Wandels, der diesen Namen verdient. Doch es ist nicht richtig, so zu tun, als sei die Welt eine Ganzheit, die als solche zwanghaft dem dialektischen Prinzip unterliege. Viele Keime sind in der Gesellschaft heute angelegt und werden es auch in Zukunft sein. Im Menschen liegen Gut und Böse nahe beieinander. Wir haben die Wahl, auch wenn wir sie lieber bestehenden oder eingebildeten Autoritäten überließen.
Die Dialektik der Aufklärung ist eine historische Kategorie, die aus der Dialektik jeglicher Geschichte, ja jeglicher Begriffsbildung folgt. Doch die von Hegel und seinen Schülern entwickelte Auffassung von der Eigenmächtigkeit des objektivierten Geistes, die in der Eigenbewegung des absoluten Geistes gipfelt, läßt die individuelle Verantwortung für das Handeln zwergenhaft aussehen gegen den großen unwiderstehlichen Weltgeist. Das hat die Aufklärung gelähmt, das war Gegenaufklärung.
Die Dialektik der Aufklärung lag auch darin, daß ihr kritisches Potential schon früh den großen dogmatischen Systemen geopfert wurde. Nun könnte man behaupten, diese Systeme seien ja gerade die Kinder der Aufklärung, die ihre Väter auffressen. Das stimmt insoweit wie alle Denkbewegungen einer Zeit auf den Erfahrungen und Erkenntnissen der vorausgehenden Zeit aufbauen, immer auch Reaktion sind auf das Gegebene.
Falsch ist nur die Annahme, daß dialektische Bewegung geradezu gesetzmäßig immer das bisherige zerstören und erst in der Synthese „aufheben“ müsse – eine Annahme, die wohl auch in den Köpfen Adornos und Horkheimers noch herumspukte. Das neue kann revolutionär sein, kann mit dem alten brechen, aber es kann auch neue Traditionen bilden – und die Aufklärung verdient es, zu einer solchen Tradition beizutragen.

Sprache und Kategorien verstärken die Macht des Bestehenden

„Es gehört zum heillosen Zustand, daß auch der ehrlichste Reformer, der in abgegriffener Sprache die Neuerung empfiehlt, durch Übernahme des eingeschliffenen Kategorienapparats und der dahinter stehenden schlechten Philosophie die Macht des Bestehenden verstärkt, die er brechen möchte.“
Auch das Denken hat seine Geschichte. Deshalb bleibt die Hoffnung, daß wir Menschen uns auch neue Denkkategorien erschließen können. Doch es wäre eine Illusion, wollte man glauben, daß zu Neuerungen immer auch neue Kategorien gehörten. Sind nicht die größten Revolutionen erfolgt im Namen der Rückkehr zum Wesenskern alter Kategorien ? Sind nicht vielmehr die Renaissancen die Zeiten, in denen das Denken zu neuen Ufern aufbricht?
In revolutionären Zeiten, wenn das Alte morsch geworden ist, wenn die Verhältnisse festgefahren sind und eines Durchbruchs bedürfen, dann kommen auch neue Kategorien des Denkens auf, die sich aus dem Gefängnis der gegebenen Kategorien befreien, die lieber der Phantasie freien Lauf lassen als das Bestehende zu befestigen.
Aber gerade die Erfahrung des zwanzigsten Jahrhunderts sollte uns gelehrt haben, daß es nicht die disziplinierte und an Kritik mehr als an Affirmation selbst des Neuen und Revolutionären orientierte Aufklärung war, die unser Denken barbarisiert hat, sondern die blühende Phantasie und das wilde Denken von Nietzsche bis Bakunin. Der Voluntarismus der rechten und linken Jünger neuer Heilslehren und Mythen hatte mit Aufklärung nichts zu tun. Diese Befreier befreiten sich nicht von den Ketten des alten Denkens, sondern vom Denken überhaupt – dieser Sieg der Dummheit entspringt nicht der Dialektik der Aufklärung sondern ihren nur sehr flachen Verwurzelung in Deutschland und anderen Gesellschaften.

Warum ist Barbarei statt Humanität trotz Aufklärung möglich

In der Vorrede heißt es: „Was wir uns vorgesetzt hatten, war tatsächlich nicht weniger als die Erkenntnis, warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“
Die Aufklärer, zu denen sich der deutsche Intellektuelle der zwanziger Jahre rechnen durfte, waren erfolglos geblieben. Sie hatten gehofft, durch die Erziehung des Menschengeschlechts den stetigen Fortschritt zur Vervollkommnung, zur Humanisierung des menschlichen Zusammenlebens in der Gesellschaft zu befördern. Sie erreichten nicht einmal die Erziehung ihrer eigenen Nation und Generation.
Nachdem die Aufklärung das hochgesteckte Ziel nicht erreichen konnte, muß sie nun herhalten als Grund für den Mißerfolg. Beides erscheint mir ein Mangel an Bescheidenheit. Die Bedeutung der Aufklärung wird nicht gemindert, wenn man eingesteht, daß sie an der Oberfläche blieb, die Menschen nicht in ihrem ganzen Wesen ergriffen hat. Aufklärung war von Anfang an eine Sache von Minderheiten und keine Massenbewegung. Sie konnte ihrem Erziehungsanspruch nicht genügen, weil sie dafür zu esoterisch blieb. Die Identifikation der großen – sozialistischen und faschistischen – Massenbewegungen dieses Jahrhunderts mit der Aufklärung hat nicht mehr Wahrheit wie die Legende vom „guten Wilden“. Sie kann die Rückkehr der Barbarei nicht erklären, weil die Aufklärung keine bestimmende Kraft für die Gesellschaften unserer Zeit war.

Hoffnung und Erlösungsmythos

Vorrede: „Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun.“
Die Hoffnung auf Erlösung ist ein alter Mythos : über die Furcht siegen, den Tod und das Vergessen überwinden sind Wurzeln der Religion. Die moderne Wissenschaft und das aufgeklärte Denken haben einen neuen Mythos mit sich geführt: die Erlösung vom Aberglauben und von Unwissenheit, der Weg zum Baum der Erkenntnis und zum Baum des Lebens. Im Paradies ist die Herrschaft über die Natur mit der Harmonie von Mensch und Natur versöhnt.
In unseren Tagen wird die Frage drängender, wo dieses Paradies, in dem wir in Harmonie mit der Natur leben ohne die Herrschaft über die Natur zu verlieren, zu finden ist. Denn wenn wir das Paradies nicht gewinnen, errichten wir mit eigenen Händen die Hölle. Die Hoffnung bleibt, auch wenn die Wege nicht gerade sind und viele Sackgassen erst erkannt werden, wenn wir den Punkt der Umkehr erreicht haben.
So dürfen wir uns die Utopie des Paradieses nicht zerstören lassen. Aber Aufklärung führt nicht von selbst ins Paradies – sie ist der kritische Begleiter, der ständig vor Illusionen warnt, Vereinfachungen entlarvt und zu Geduld mahnt. Und entschweben die Gedanken in den Himmel, dann zieht wahre Aufklärung sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Nicht Thomas Morus sondern Machiavelli ist der erste große Vorläufer der Aufklärer.

Aufklärung ist Mythos

Vorrede: „Grob ließe die erste Abhandlung in ihrem kritischen Teil auf zwei Thesen sich bringen: schon der Mythos ist Aufklärung und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.“
Die Identifikation von Mythos und Aufklärung erscheint mir die Anwendung der von Adorno und Horkheimer selbst so kritisierten Methode der Suche nach Einheit, wo keine Einheit ist. Der Mythos hat Wurzeln, die mit den Motiven und Sehnsüchten, die auch der Aufklärung zugrundeliegen übereinstimmen. Aber aus gemeinsamem Ursprung leitet sich nicht die Identität der Folgen ab. Der Mythos ist nicht Aufklärung – aber wer Aufklärung zum Medium der Erlösung macht, bereitet den Weg zur Rückkehr des Mythos.

Das Programm der Aufklärung – die Entzauberung der Welt

„Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt .“
Die „verzauberte Welt“ des Aberglaubens war auch eine Welt der Herrschaft der Zauberer. Der Sturz der Autoritäten, die Entlarvung ihrer Anmaßung war es, der neue Kräfte befreite, neue Hoffnungen weckte. Das Programm der Aufklärung war Freiheit von den Zauberern und Hohepriestern hin zum mündigen Menschen. Der von der Romantik wiederentdeckte Zauber des Mittelalters reflektiert die Lage des Menschen im 19.Jahrhundert, der dank der vorhergegangenen Aufklärung ohne Furcht in die Zeiten zurückschreiten kann, in denen fauler Zauber Terror für die Zeitgenossen verbreitet hatte. Nicht ins Reich der Geister konnte die Romantik zurückkehren, nur in eine Jahrmarktsgeisterbahn.

Wissen ist Macht und kennt keine Schranken

„Das Wissen , das Macht ist, kennt keine Schranken, weder in der Versklavung der Kreatur, noch in der Willfährigkeit gegen die Herren der Welt.“
Auch heute ist nicht das Wissen schrankenlos, sondern die Ignoranz und die Unwissenheit. Lassen wir uns nicht durch die zweifellos beeindruckenden Fortschritte im Wissen blenden: es ist partikulares Wissen, das ständig an neue Grenzen -aber eben Grenzen- stößt und das sich so zersplittert hat, daß auch der Mensch, der an die Grenzen der Forschung auf seinem Fachgebiet vordringt, eingestehen muß, daß er von der Welt nur einen kleinen Bruchteil weiß.
Die Vermehrung des Wissens der Menschheit hat den Anteil des Einzelnen an diesem Wissen zu einer Marginalie schrumpfen lassen. Das wissende Gespräch verharrt in engen Zirkeln von Experten, auch der Geist wird arbeitsteilig geordnet. Nicht eine neue Sprache entsteht, sondern viele Sprachen, die eine Verständigung über ihre Grenzen hinweg fast unmöglich machen. Der Alltag ist übersetzbar, die Expertise bleibt unübersetzbar.

Wissenschaft durch Sinnverzicht erkauft ?

„Auf dem Weg zur neuzeitlichen Wissenschaft leisten die Menschen auf Sinn Verzicht. Sie ersetzen den Begriff durch die Formel, Ursache durch Regel und Wahrscheinlichkeit.“
Das Wort Sinn hat ein ehrwürdiges Alter. Nichtsdestoweniger ist es einem Prozeß der Klärung immer wieder entgangen. Ist es nun ein Ziel, ein Zweck, soll es die innere Befriedigung ausdrücken oder alles das zusammenfassen, was über das Individuum hinaus das Dasein des Kollektivs begründet ?
Wenn mit der modernen Wissenschaft auf die Verwendung dieser Begriffs verzichtet wird, der durch die Fülle seiner Deutungsmöglichkeiten zu einem leeren Begriff wird, dann heißt dies nicht, daß die Wissenschaft ziellos und blind voranschreitet. Andere, vielleicht genauere Begriffe sind an die Stelle von „Sinn“ getreten. Es ist nicht richtig, daß Formeln die Begriffe ersetzt haben. Sie haben sie verkürzt, sie stehen für Begriffe und Klassen von Begriffen.
Der Vorwurf, die moderne Wissenschaft ersetze Ursache durch Regel und Wahrscheinlichkeit, rührt an Grundsätzliches: Die Ursache kann und muß singulär sein, sie ist eng an die Zeit der Ereignisse gebunden. Was nacheinander kam, mußte so kommen; was geschehen ist, konnte nicht anders geschehen: so lautet der trügerische Weg zur Lösung der Frage nach singulären Ursachen. Der Historismus ist diesen Weg gegangen. Das Ergebnis ist entweder große Kunst oder banal.
Wissenschaft muß Invarianten suchen, sonst wird es sinnlos, Aussagen zu machen, die über das Gestern hinaus gelten. Das, was in der Bewegung der Dinge gleich bleibt, was auch in Zukunft bestimmend bleibt, ist für die Gegenwart von Bedeutung. Deshalb die Suche nach dem Prinzip im mathematischen Formalismus statt im gescheiterten infiniten Regreß auf erste Ursachen.

Aufklärung ist totalitär

Hier gehen Horkheimer und Adorno in ihrer zornigen Enttäuschung über die Aufklärung zu weit. Sie wollen warnen, daß Aufklärung den Keim der Selbstzerstörung in sich trägt. Dies erlaubt aber nicht den Schluß, daß totalitärer Anspruch und Aufklärung identisch sind. Immer wieder ist es ein Fehler der Dialektiker, den Keim einer Entwicklung mit der Entwicklung selbst zu identifizieren. Vielleicht liegt es an der Allegorie des Keims, der biologisch gesehen nichts anderes hervorbringen kann als das Wesen, was in ihm schlummert. Die Dialektik sozialer Organisationen ist anders. Sie trägt Möglichkeiten, Potentiale in sich, die nicht zwangsläufig zur Entwicklung kommen müssen. Allein die Erkenntnis solcher Potentiale kann ihre Entwicklung bereits unsrem Willen zugänglich machen, der sie fördern oder bremsen kann.

Einheit der Wissenschaft im System

„Als Sein und Geschehen wird von der Aufklärung vorweg nur anerkannt, was durch Einheit sich erfassen läßt; ihr Ideal ist das System , aus dem alles und jedes folgt.“
Die Einheit der Wissenschaft ist auch ein Korsett für das Denken. Bis heute gibt es aber kein System, keine Methode, die zu unserem Denken paßt. In der Tat hat die Suche nach dem System, aus dem alles und jedes folgt, vor allem in der Zeit, als ein mechanistisches Weltbild unser Denken prägte, viel Mühe und Anstrengung auf sich gezogen. Die Welt selbst hat sich als so komplex erwiesen, daß der Stein des Weisen weiter verborgen bleibt.
Dennoch bleibt die Einheit ein Erfordernis der Vernunft. Nur über eine gemeinsame Sprache , gemeinsame Kategorien und einheitliche Begriffe könne wir eine Brücke der Verständigung zwischen den verschiedenen Wissenschaften bauen. Auch in Zukunft wird es eine große Aufgabe bleiben, Schritt für Schritt und vielleicht auch gelegentlich in revolutionären Sprüngen diese Brücken zu konstruieren. „Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie Macht ausüben.“
Die Macht der Menschen reicht inzwischen zur Selbstvernichtung aus, zugleich ist keine Macht mehr in der Lage Gegenmacht vollständig zu brechen.
„Die disqualifizierte Natur wird zum chaotischen Stoff bloßer Einteilung.“
Die Autoren haben Angst vor dem neuen Denken, daß sich hier schon anzeigt: die Ordnung ist nicht in der Natur selbst begründet, sondern in ihrer Einteilung, die prinzipiell willkürlich ist. Nun ist dieses zwar ein formales Denkprinzip, das ein Herangehen an sehr komplexe Fragen erlaubt, aber es ist -zumindest in den Naturwissenschaften- eingeschränkt durch den Rekurs auf die Empirie . Nur diejenigen Einteilungen bleiben akzeptabel, die zu erfahrbaren Unterschieden in den Resultaten von Experimenten führen.

Aufklärung und Mythologie – eine Aporie

„Die Mythologie selbst hat den endlosen Prozeß der Aufklärung ins Spiel gesetzt, in dem mit unausweichlicher Notwendigkeit immer wieder jede bestimmte theoretische Ansicht der vernichtenden Kritik verfällt, nur ein Glaube zu sein, bis selbst noch die Begriffe des Geistes, der Wahrheit, ja der Aufklärung zum animistischen Zauber geworden sind.“
Es liegt viel Wahres in diesem Satz. Der Beginn der Reflexion , des Denkens über das Denken, verfängt sich in einem Zirkelschluß. Das Problem des infiniten Regresses des Denkens über den Gedanken über den Gedanken über den… bleibt ungelöst und wir springen vom Mythos in die Wissenschaft ohne uns mehr der brüchigen Fundamente des Gedankengebäudes bewußt zu sein.
Doch sollte man den Irrationalisten nicht so einfach in ihre Falle gehen. Wenn auch anzuerkennen ist, daß es eine Ebene des Denkens gibt, die sich der rationalen Durchdringung entzieht, heißt dies nicht, daß Rationalität unmöglich sei. Dem Denken bleiben viele offene Aufgaben gestellt, der Mythos ist eine erste Stufe der Erkenntnis und Selbsterkenntnis, Wissenschaft geht über dieses Stadium hinaus und setzt sich der Kritik aus. „Allen Stoff empfängt sie von den Mythen, um sie zu zerstören, und als Richtende gerät sie in den mythischen Bann.“
Es ist richtig, daß Aufklärung zunächst eine Reaktion ist auf Ignoranz und Aberglauben. Aber der Prozeß hat sich verselbständigt. Wissenschaft ist heute eine Form der Bewältigung von Problemen, die sich aus der Praxis der Aufklärung stellen. Sobald aber das Werturteil gefällt wird, dieses oder jenes sei Wissenschaft, dieses oder jenes sei gut oder böse, dann bewegen wir uns im Bannkreis des Mythos, weil eine gemeinsame Sprache, die Mythos und Wissenschaft verbindet nach wie vor fehlt.

Macht der Wiederholung über das Dasein

„Die Lehre der Gleichheit von Aktion und Reaktion behauptete die Macht der Wiederholung übers Dasein .“
Dieser Satz verbirgt viel Unsinn in sich. Da wird die physikalische Kategorie der Kraft und Gegenkraft, im Mittelalter noch als actio und reactio mißverständlich bezeichnet, ohne Grund zu einer universellen Kategorie gemacht. Soweit das Dasein in den Kategorien der Physik beschrieben wird, ist das „Gesetz“ eine Tautologie, die aus der Begrifflichkeit selbst sich ableitet.
Es kann aber nicht zulässig sein, allegorische Deutungen des gesellschaftlichen Seins mit übertragenen Begriffen aus der Physik so zu behandeln, als seien sie Experimente, die zur Falsifikation von Aussagen herangezogen werden könnten. Nicht die „Macht der Wiederholung über das Dasein“ steht zur Debatte, sondern die Suche nach Invarianten , die sowohl statisch – also dem Dasein entprechend- als auch dynamisch, in der ersten zeitlichen Ableitung sich wiederholend, in der zweiten Ableitung eine Stetigkeit im Wandel aufzeigend, auftreten können. Auch die Tatsache, daß geregelte Systeme normalerweise schwingen – jedenfalls solange die Regelung bestehen bleibt, ist nicht „Macht“ über das Dasein, sondern das Dasein selbst.

Abstraktion Werkzeug und Folterinstrument der Aufklärung

„Die Abstraktion , das Werkzeug der Aufklärung, verhält sich zu ihren Objekten wie das Schicksal, dessen Begriff sie ausmerzt als Liquidation.“
Abstraktion verkürzt, vereinfacht und kategorisiert die Dinge in Formen der Faßbarkeit. Die integrative Funktion unseres Gehirns, unseres Denkens ist für sich schon ein Instrument der Abstraktion par excellence. Wir können diesem Mittel nicht entgehen. Wichtig bleibt, sich der Folgen der Abstraktion bewußt zu sein und mit der Verkürzung der Welt zu Begriffen eben nicht die Welt gleich zu liquidieren. Die Fähigkeit zur Abstraktion muß einhergehen mit der Fähigkeit die Welt und die Menschen in ihr hinter dem Abstractum wiederzuerkennen.

Selbstbewußtsein und die Distanz zum Objekt

„Die Distanz des Subjekts zum Objekt, Voraussetzung der Abstraktion , gründet in der Distanz zur Sache, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt.“
Ausgangspunkt des Denkens ist das Selbstbewußtsein , dem gerade die Distanz des Subjekts zum Objekt fehlt. Durch Abstraktion wird diese Distanz erst hergestellt. Herrschaft ist eine Form der Distanzierung, aber nicht die einzige. Auch kontemplative Versenkung, zielstrebige Vereinfachung oder kollektive Kontrolle können diese Distanz sichern.

Aufklärung als radikale mythische Angst ?

„Der Ruf des Schreckens, mit dem das Ungewohnte erfahren wird, wird zu seinem Namen. Er fixiert die Transzendenz des Unbekannten gegenüber dem Bekannten und damit den Schauder als Heiligkeit.“
Namen bannen die Angst – eine alte Kunst der Magier. Unbekanntes ist in unserer Welt nicht erwünscht. So bekommt es einen Namen und wird damit beherrschbar. Nur: ohne die psychologische Wirkung dieser Magie zu bestreiten, Wissenschaft als Kritik kann nicht bei der Benennung der Dinge stehenbleiben. Sprache ist nicht nur Instrument, daß Unbekannte zu bannen, sondern es auch zu zergliedern, zu ordnen und mitzuteilen.
„Aufklärung ist die radikal gewordene mythische Angst .“
Nein – und noch einmal Nein! Aufklärung ist der erste Schritt zur Überwindung der mythischen Angst. Sie ist radikal, weil sie keine Tabus respektiert, weil sie alles infragestellt. Aber sie ist nicht mit der Angst zu identifizieren.
„Die Aufklärung hat nicht bloß die Symbole , sondern auch ihre Nachfolger, die Allgemeinbegriffe aufgezehrt und von der Metaphysik nichts übriggelassen als die abstrakte Angst vor dem Kollektiv, aus der sie entsprang.“
Das ist nicht richtig! Die Symbole sind eher mehr geworden, seit die Aufklärung den mystischen Schleier zerrissen hat. Heute können wir die Symbole als Elemente der Sprache einsetzen, weil es keine Priesterkaste gibt, die die Symbole vor der profanen Verwendung schützen. Auch die Allgemeinbegriffe haben weiterhin ihr Recht behalten. Die Sprache braucht sie. Nur als eigene Wesenheiten haben sie ausgedient.
Die Welt ist konkreter geworden und das ist nicht schlecht: wir wollen nicht mehr wissen, ob Liebe, Haß, Wahrheit, Gutes oder Böses in der Welt ist, wir wollen wissen, wer liebt, haßt oder Gutes und Böses tut, wir wollen selbst lieben, hassen und Wahres wissen. Die Allgemeinbegriffe sind nicht aufgezehrt, aber wir geben uns heute nicht mehr damit zufrieden, sie nur als Verpackung zu sehen. Wir wollen den konkreten Inhalt erkennen.

Identifikation von Denken und Mathematik

„In der vorwegnehmenden Idnentifikation der zu Ende gedachten mathematisierten Welt mit der Wahrheit meint Aufklärung vor der Rückkehr des Mythischen sicher zu sein. Sie setzt Denken und Mathematik in eins .“
Diese Phase der Geistesgeschichte scheint mir überwunden. Die Neuheit und Schwierigkeit der modernen Mathematik hatte in der Tat nahegelegt, Denken und Mathematik gleichzusetzen, das nicht Berechenbare als irreal abzutun. Heute wird immer mehr offenbar, daß auch Quantifizierbarkeit ihre Grenzen hat. Die Identifikation der Mathematik mit der formalen Logik lag nahe, weil sich beide eines ähnlichen Formalismus bedienen. Doch es ist längst erkannt, daß die Logik selbst hier in einen Zirkel geriete, der mit dem Problem von der Henne und dem Ei vergleichbar ist.
„Der mathematische Formalismus aber, dessen Medium, die Zahl, die abstrakteste Gestalt des Unmittelbaren ist, hält statt dessen den Gedanken bei der bloßen Unmittelbarkeit fest. Das Tatsächliche behält recht, die Erkenntnis beschränkt sich auf seine Wiederholung, der Gedanke macht sich zur bloßen Tautologie.“
Diese Aussage verrät ein geringes Verständnis von der Mathematik. Diese Wissenschaft ist weniger unmittelbar als viele andere. Auch ist die Zahl nicht der eigentliche Gegenstand der Mathematik. Die Phantasie ist in hohem Maße Teil der Mathematik. Formalismen, die heute entwickelt werden, können morgen neue Kategorien anbieten, die uns neue -vielleicht ungewöhnliche- Wege des Denkens erlauben. Man denke nur an die Konstrukte abstrakter Räume, die erst den Gedanken an eine allgemeine Relativitätstheorie möglich machten. Damit waren diese Gedanken aber noch nicht allen faßlich. Die Mathematik überfordert die Phantasie des Alltags und ruft damit das Vorurteil hervor, sie sei eine phantasielose Wissenschaft.

Die Welt als analytisches Urteil – Einheit des Wissens ?

„Die Welt als gigantisches analytisches Urteil, der einzige, der von allen Träumen der Wissenschaft übrig blieb, ist vom gleichen Schlage wie der kosmische Mythos, der den Wechsel von Frühling und Herbst an den Raub Persephones knüpfte.“
Führt die Einheit der Wissenschaft , die eine Sprache, mit der die Welt begriffen sein will, zu einem „gigantischen analytischen Urteil“, einem Koloß von auseinander herleitbaren, miteinander verknüpften Aussagen auf der Spitze des Mythos der einen großen Wissenschaft stehend ? Ich meine, daß ist nicht so. Vielmehr werden die einzelnen Formen des Herangehens an die Welt erhalten bleiben und gleichberechtigt sein. Nur wird es wichtig sein, Schnittstellen zu definieren, an denen Wissen aus einem Blickwinkel mit Wissen aus einem anderen Blickwinkel ausgetauscht werden kann.
Jede Wissenschaft kann sich selbst in dem Maße im Mittelpunkt der Erkenntnis wähnen wie sie andere Formen des Wissens einbeziehen kann. Jedes Urteil muß -soll es ein wissenschaftliches Urteil bleiben- revidierbar sein. Ein Geflecht analytischer Urteile setzte aber endgültige Urteile voraus. Revision eines Urteils würde das ganze „gigantische“ Werk in sich zusammenstürzen lassen. Deshalb brauchen wir Inseln stabilen Wissens, Wissenschaften also, deren Grundlagen trotz aller immanenten Kritik über eine gewisse Zeit anerkannt bleiben. Die Offenheit zum Dialog zwischen den Disziplinen erfordert eine Sprache der Kritik, die ein Gespräch auch über die Fundamente der jeweiligen Wissenschaften erlaubt.

Der Mensch allein gegenüber dem Ganzen

„Die Menschen, die erwarten, daß die Welt, die ohne Ausgang ist, von einer Allheit in Brand gesetzt wird, die sie selber sind und über die sie nichts vermögen.“
Der einzelne Mensch vermag nicht für die Gesamtheit zu handeln, obwohl jede seiner Taten Teil der Gesamtheit ist. Gerade heute wird uns dies schmerzlich bewußt, wenn es darum geht, gemeinsam eine lebenswerte Umwelt zu erhalten. Ein einzelner, der für sich allein umweltbewußt handelt, ändert nichts – handeln alle in dieser Weise – ändert sich alles. Soziale Organisation ist in der Lage das gemeinsame Bewußtsein zu bilden, daß für gemeinsames oder auch nur koordiniertes individuelles Verhalten notwendig ist. Nur gibt es heute keine soziale Organisation, die weltumspannend wäre oder auch nur Aussicht hätte, es zu werden.

Die Wahl zwischen Rückschritt und entfesseltem Fortschritt

„Zwischen der Szylla des Rückfalls in einfache Reproduktion und der Charybdis der fessellosen Erfüllung will der herrschende Geist von Homer bis zur Moderne hindurchsteuern; jedem anderen Leitstern als dem des kleineren Übels hat er von je mißtraut.“
Hier ist ausgedrückt, was den modernen Fundamentalismus von der politischen Tradition im Westen unterscheidet. Wenn erst die Erkenntnis besteht, daß Übel nicht wegzuerklären sind, daß die reine Lehre das größere Übel bedeuten kann, dann ist das Mißtrauen in Leitsterne begründet. Erst wenn Steinzeitökonomie wirklich das kleinere Übel ist, wird sie sich zum Leitstern eignen. Damit ist aber nicht das Problem zwischen den Generationen geklärt. Die Wahl zwischen dem kleineren Übel heute zugunsten des größeren Übels für die übernächste Generation fällt gar zu leicht zu Lasten der Künftigen aus.

Der odysseische Mythos

„Der zwölfte Gesang der Odyssee berichtet von der Vorbeifahrt an den Sirenen. Ihre Lockung ist die des sich Verlierens im Vergangenen.“
Der Rückgriff auf den odysseischen Mythos zeigt exemplarisch, daß philosophische Aussagen nicht nur durch Abstraktion – die nur wenigen zugänglich ist – sondern auch durch künstlerische Mittel für viele begreiflich gemacht werden können.
„Maßnahmen, wie sie auf dem Schiff des Odysseus im Angesicht der Sirenen durchgeführt werden, sind die ahnungsvolle Allegorie der Dialektik der Aufklärung.“
Zu ahnungsvoll! Das Bild des Dichters wird hier und heute zum Mittel der Verständigung, das Symbolische,“ahnungsvolle“ heute hineingelegt. Es wäre etwas gewagt, heutige Begriffe und auch nur das heutige Denken so einfach zurückzuprojizieren.

Vergangenheit als Museum oder als Stoff des Fortschritts

„Der Drang, Vergangenes als Lebendiges zu erretten, anstatt als Stoff des Fortschritts zu benützen, stillte sich allein in der Kunst, der selbst Geschichte als Darstellung vergangenen Lebens zugehört.“
Dieser Drang drückte sich zuerst im Mythos des ewigen Lebens oder der Wiederkehr aus. Die mumifizierten Pharaonen geben davon Zeugnis. Unser Problem ist es auch, das Bewußtsein unserer Geschichte nicht in ein museales Selbstverständnis zu pervertieren. Das Bestehende wird unter Denkmalschutz gestellt, was als nicht mehr zeitgemäß erkannt ist, bleibt dennoch bestehen zur Befriedigung nostalgischer Sirenentöne. Hüten wir uns davor, auf das Abreißen morscher Strukturen zu verzichten. Dem Museum, was des Museums ist, aber den Menschen die Zukunft!

Denken ohne Reflexion ?

„Auf dem Weg von der Mythologie zur Logistik hat Denken das Element der Reflexion auf sich verloren.“
Jedes Denken beginnt und endet bei der Reflexion auf sich. Dies ist auch dann unvermeidlich, wenn die Unlösbarkeit der mit dieser Reflexion verbundenen Fragen resignieren läßt und deshalb andere Fragen zunächst im Vordergrund stehen.
„Zwar ist die Vorstellung nur ein Instrument. Die Menschen distanzieren denkend sich von Natur , um sie so vor sich hinzustellen, wie sie zu beherrschen ist.“
Die Wissenschaft ist ganz der Welt der Vorstellung zugehörig. Begriffe und Kategorien sind Werkzeuge dieser Vorstellung, und zwar willkürliche Werkzeuge. In unserer Welt kehrt die Natur zu uns zurück: wir können sie denkend so vor uns hinstellen, wie sie uns beherrschen und sogar vernichten kann. „Denken wird denn auch illusionär, wann immer es die trennende Funktion, Distanzierung und Vergegenständlichung, verleugnen will.“
Denken ist allerdings mehr als das analytische Denken, auch das Fühlen, Lachen, Weinen, Herrschen und Gehorchen, die Empfindung und die Musik sind Teil der Welt des Geistes und des Denkens. In vielen Bereichen ist eine Trennung nicht möglich, nicht Distanzierung sondern Teilnahme, Mittun und Mitfühlen sind dann Mittel des Erkennens und Verstehens.

Aufklärung als Betrug der Massen ?

„In ihre (der Herrschaft) Auflösung vermag das Wissen, in dem nach Bacon die ‚Überlegenheit des Menschen‘ ohne Zweifel bestand, nun überzugehen. Angesichts solcher Möglichkeit aber wandelt im Dienst der Gegenwart Aufklärung sich zum totalen Betrug der Massen um.“
Ein hartes Urteil, das aus der Enttäuschung des Aufklärers sich erklärt. Die Irrationalisten, deren Spiel Adorno und Horkheimer nicht spielen wollen, werden sich die Hände reiben. Denn die Folgen sind identisch: die Aufklärung, die die Last der Erziehung des Menschengeschlechts nicht tragen konnte, wird nun zum Verderber hochstilisiert. Der Paulus der Aufklärung hat als Saulus der Dialektik seine Hybris nicht abgelegt. Wir müssen das Dokument in seiner Zeit verstehen. Die Fragen, die die „Dialektik der Aufklärung“ aufwirft sind ungebrochen aktuell. Bei den Antworten sollten wir bescheidener sein als die Meister der Kritik, die selbst in der Kritik wieder zur Überschätzung ihres Objekts neigen.