Dialog des Koprophilos mit Philonous (1993-1997)

Den Dialog des Koprophilos mit Philonous habe ich zwischen 1993 und 1997 verfasst.
Georg Boomgaarden

Philonous: Der Geist, mein Freund, wird im neuen Jahrtausend siegen, die wahre Humanität wird den Menschen endgültig leiten und …

Koprophilos: Quatsch, die Barbarei dieses Jahrhunderts war doch nur der Vorgeschmack auf das, was uns bevorsteht. Es bleibt ja gar kein Ausweg: entweder die totale Herrschaft oder die ökologische Katastrophe.

Philonous: Der Mensch hat noch immer einen Ausweg gefunden, wenn er nur die Freiheit hatte, zu forschen und seiner Phantasie den Lauf zu lassen.

Koprophilos: Phantasie, daß ich nicht lache – die Phantasie gehört zum Tier im Menschen – ist nichts als schmutzige Phantasie. Im Dreck will er wühlen, der Mensch, wie die Schweine suhlt er sich im Kot und fühlt sich selig.

Philonous: Denke an die Werke der Musik, der Kunst, der Literatur. Das Tier im Menschen ist uns ja wohlbekannt, aber vergiß nicht, wie sich der Mensch zur Göttlichkeit hat aufschwingen können.

Koprophilos: mit wächsernen Schwingen kommt er der Sonne zu nah, siehe da und er stürzt ins Meer, in einen frischen Ölteppich. Besudelt kommt er noch einmal hoch, dann versinkt er mit verklebten Nüstern.

Philonous: Spotte nicht, du Kotwühler, hast du denn keine Ehrfurcht vor dem Erhabenen, Hohen, Genialischen.

Koprophilos: Es ist kein Spott in meinen Worten, vielmehr lenkt mich Trauer.

Philonous: Aber ist nicht auch die Trauer ein Zeichen der Kultur, sind nicht gerade die Tragödien die Stücke, wo sich der Mensch zum Höchsten erhebt ?

Koprophilos: Ja, im Theater – in Wirklichkeit ist doch alles nur Theater – da wird das Fell versoffen und das Hemd geteilt, die Erben geifern nach dem Besitz und es wird tränenreich geheuchelt. Das ist die Kulturtrauer. Meine Trauer ist anders, sie ist die mit Wut getränkte Trauer, Wut darüber, daß es all diesen Schmutz geben muß, Trauer darüber, daß auch ich ihm nicht entsagen kann und ihn brauche, ja sogar liebe.

Philonous: Wie kannst du aber das Niedrige, Entwürdigende aushalten, wenn du nicht selbst davon Abstand nimmst. Wie kannst du lieben, was deine Geißel ist ?

Koprophilos: Wer bis zum Hals in der Scheiße steckt, hat gut reden von Abstand gewinnen. Das beste, was ich erreichen kann ist, darin schwimmen zu lernen. Und nichts anderes tut ja die Menschheit um die Wette. Da gibt es diejenigen, die immer oben schwimmen, so weit oben, daß sie manchmal sogar des Gestanks gewahr werden und einen Widerwillen entwickeln wieder abzusinken, und da gibt es solche, die nicht tief genug wühlen können und die hohen Nasen verachten.

Philonous: Du redest in deinen Metaphern, die es nicht erlauben, aus dem Schmutz herauszukommen. Mein Blick aber richtet sich auf die Sterne, auf das Universum und seine unermeßliche Schönheit.

Koprophilos: Solange man den schönen heißen Gaswolken nicht zu nahe tritt. Wir Menschen haben die Zünder sogar hier auf Erden, um uns in nuklearer Sternenschönheit selbst zu vernichten.

Philonous: Wächst nicht der Mensch über sich und seinesgleichen hinaus, wenn er sich der Kunst ergibt ? – Der Geist ist göttlich, nur das Fleisch ist schwach.

Koprophilos: Ich fürchte, die meisten sind eher stark im Fleische und geistesschwach. Mit der Dummheit mußt du rechnen, und erhabene Dummheit ist ärger als simple, mit dem Wahnsinn mußt du gehen, und genialischer Wahnsinn ist böser als der verrückte, mit der Bosheit mußt du leben, und der hochherzigen Bosheit kann niemand standhalten.

Philonous: Aber die Kunst – von der du offenbar nicht sprechen willst -sie ist doch Auslöser und Anlaß der Katharsis, die ewigen geistigen Werte sind doch über Jahrtausende lebendig geblieben, nützlich und ergötzlich bleibt die Kunst, ja sie hat es verstanden, in unserem Jahrhundert überdies auch die Ästhetik der Schattenseite des Daseins zu entdecken. Nicht nur das Schöne, Wahre, Gute – auch das Böse, Falsche, Häßliche sind Gegenstand der Kunst geworden und damit eingehegt, gezähmt und auf menschliche Dimensionen reduziert worden.

Koprophilos: Ja, sicher, Auschwitz von Christo säuberlich verpackt, da kann man sogar Schulklassen hinführen, die wahre Kunst findet ohnehin im Fernsehen statt, in satten Farben kambodschanische Schädelpyramiden in der Umgebung reizvoller Tropenidylle.

Früher ging man zu Hinrichtungen und Autodafés hin, heute liefern uns die täglichen Nachrichten den ästhetischen Schauer des erlebten Bösen. Die Menschen haben sich doch nicht verändert – und wenn überhaupt, dann nicht zu ihrem Vorteil.

Ob nun im Alten Testament die Ausrottung ganzer Städte befohlen wird oder ob Aristoteles die Sklaverei für naturgegeben hält, ob nun Stalin die moderne Sklaverei fortentwickelt hat oder Hitler  den Mord zur Staatsdoktrin erklärte, wo ist denn da der vielbeschworene Fortschritt ?

Philonous: Ist Gott Dir fremd geworden, der uns allen die Hoffnung gibt, der den Tod besiegt hat und besiegen wird ? Sagt dir die ewige Wahrheit eines Hiob nichts, der auch in tiefster Not seinen Herrn nicht verlassen hat ?

Koprophilos: Was ist schon Gott mehr als ein Seelchen, das über den Pfühlen der Höllen schwebt, nur Hintergrund für die wahre Realität, ein seichtes Lüftchen gegen die brennende Wirklichkeit. Und Hiob, ja der hat doch Gott angeschrien – daß ich nicht lache: die Priester haben ihn verfälscht: Als liebte er, was ihm Böses und Schmerz bereitet, als sehe er als Prüfung an, was nur Zufall ist, und erhebe sich in seinem Größenwahn über sich selbst, indem er den Beweis seines irdischen Unglücks zum Vorzeichen eines jenseitigen Glückes erklärte. Das wäre eine Philosophie des Teufels. Was soll das für ein Gott sein, der so unbarmherzig ist. Hiob hat seinen Frieden mit ihm nicht gemacht.

Philonous: Wie kannst du von Barmherzigkeit reden, du schwarze Seele. Menschlichkeit bewährt sich in allen Wechselfällen des Lebens, die Gott nicht fremd sind. Die Sünde ist in der Welt, das kann niemand bezweifeln, aber sie regiert nicht, sondern sie kann überwunden werden im Namen Jesu Christi.

Koprophilos: Du erreichst mein Ohr nicht mit deinem christlichen Salbadern, ich glaube nicht, du aber kannst mit deinen süßen opiathaltigen Worten nur den Gläubigen verführen, nicht den Wissenden.

Philonous: Ein Wissender also willst du sein. Das aber heißt, daß du den Geist nicht leugnen kannst, der dein Wissen faßt. Lassen wir Gott im Himmel und Christus zu seiner Rechten und reden wir nur über den Geist, der auch dir hier auf Erden nicht fremd sein kann und dessen Macht du als Wissender erfahren haben mußt.

Koprophilos: Du hast recht, mir ist der Geist nicht fremd. Im Gegenteil, er sucht mich heim in meinen schlimmsten Träumen. Suche ich den Weltgeist, so finde ich Pesthauch, suche ich den Geist der Gesetze, so finde ich die Herrschaft der Verbrecher.

Philonous: Der Geist hat viele Facetten, doch das Wahre, Gute und Schöne überdauert die Zeiten in Ewigkeit, das Böse, das ich nicht leugne, ist gebunden in seiner Zeitlichkeit. Dadurch ist es nichts von Dauer, also nichts von Bedeutung.