Anmerkungen zu Theodor W. Adorno: „Minima Moralia“ (1944-1947)

(Zitate nach der Ausgabe: „Theodor W.Adorno: Minima Moralia
– Reflexionen aus dem beschaedigten Leben“, Suhrkamp-Verlag, 1951)

Theodor W. Adorno (1903-1969) wurde in Frankfurt am Main geboren. Die Nationalsozialisten erteilten ihm Berufsverbot. 1938 emigrierte er in die USA und wurde Mitglied des nach New York erlegten und von Max Horkheimer geleiteten Instituts für Sozialforschung. Im Jahre 1949 kehrte Adorno ebenso wie Horkheimer nach Deutschland zurück, wo 1951 das Institut für Sozialforschung in Frankfurt wiedererrichtet wurde. Adorno ist einer der Begründer der ‚Kritischen Theorie‘. Er stand dem Kapitalismus sehr kritisch gegenüber, hielt aber den Marxismus nicht für eine Alternative dazu.

Adorno hat die ‚Minima Moralia‘ 1944 begonnen und 1947 abgeschlossen. Im Jahre 1944 war die gemeinsam mit Max Horkheimer verfasste ‚Dialektik der Aufklärung‘ in New York, 1947 dann im Amsterdamer Querido-Verlag erschienen – eine deutsche Neuauflage der ‚Dialektik der Aufklärung‘ gab es erst 1969 wieder. Beide Werke stehen in Zusammenhang miteinander, denn in beiden geht es um die Auseinandersetzung mit dem Versagen der Aufklärung, verstanden als Versagen der geistigen Eliten vor dem Faschismus. Die Minima Moralia sind in gewisser Weise als Kommentar zur Dialektik der Aufklärung zu lesen.

Anmerkung: Die hier kommentierten Zitate Adornos sind blau gekennzeichnet.

ERSTER TEIL

Adorno bedauert, dass es heute eine Arbeitsteilung des Geistes gibt anstelle eines universellen Denkens, Zweckrationalität verdränge auch in den Wissenschaften die schweifende geistige Kreativität – das führt nach Ansicht Adornos zur Verarmung und Abschaffung des Geistes. Der akademische Betrieb verkommt so zu einer Karriereschule, in der ‚political correctness‘ mehr zählt als menschliche Beziehungen:

Die Departmentalisierung des Geistes ist ein Mittel, diesen dort abzuschaffen, wo er nicht ex officio, im Auftrag betrieben wird. (MM S.20) – …und bald gibt es keine Beziehung mehr, die es nicht auf Beziehungen abgesehen hätte, keine Regung, die nicht einer Vorzensur unterstünde, ob man auch nicht vom Genehmen abweicht. (MM S.24)

Zur Wissenschaft gehört allerdings das disziplinierte Denken ebenso wie der ’schweifende Geist‘. Das Verhältnis von Kreativität zu pedantischer Genauigkeit, von Liebe zur Wahrheit zur Hingebung an die Phantasie bleibt eine Frage des Temperaments. Jede Einseitigkeit kann aus der Wissenschaft hinausführen. In den Geisteswissenschaften ist der Zweck der Rationalität ein gesellschaftlicher oder politischer – damit ist die Wissenschaft der Versuchung der Parteilichkeit zu Lasten der Wahrheit unterworfen. Der spätere Positivismusstreit entzündet sich im Grunde an dieser Frage. Der heutige Universitäts- und Wissenschaftsbetrieb muss allerdings die Frage aufwerfen, ob nicht Adornos Analyse zugleich auch eine zutreffende Prophetie war.

Ungezählte machen aus einem Zustand, welcher aus der Liquidation des Berufs folgt, ihren Beruf. Das sind die netten Leute, die Beliebten, die mit allen gut Freund sind, die Gerechten, die human jede Gemeinheit entschuldigen und unbestechlich jede nicht genormte Regung als sentimental verfemen. Sie sind unentbehrlich durch Kenntnis aller Kanäle und Abzugslöcher der Macht, erraten ihre geheimsten Urteilssprüche und leben von deren behender Kommunikation. (MM S.25)

Adorno ist angeekelt von diesen ’netten Leuten‘, die sich liberal geben, aber nach seinen Erfahrungen dem Totalitären nicht widerstehen. Der prinzipienlose Karrierist ist ihm oft genug begegnet. Schlimmer noch, manche der ’netten Leute‘ stellten sich in der Nachkriegszeit als frühere Nazi-Verbrecher heraus, die als Biedermänner getarnt in der Gesellschaft untergetaucht waren. Wer ist das, der ‚human jede Gemeinheit entschuldigt‘ ? – Adorno gibt hier ein Plädoyer für Empathie, für emotionale Intelligenz, ohne die der Rationalismus zur Eiseskälte erstarrt.

Der von Adorno geschilderten Typus müsste sich heute verstellen. Emotionale Intelligenz ist heute populär. Dafür gibt es dann neue Versuchungen: auf der einen Seite einen emotionalen Eskapismus, der die rationale Auseinandersetzung mit Fakten zu vermeiden sucht, auf der anderen eine einseitige Konzentration auf Aspekte der Sache, koste es auch Menschen und Arbeitsplätze. Adornos Mahnung ist weiter aktuell, eine Aufforderung genau hinzuschauen und auch uns selbst zu prüfen, ob nicht auch unser jeweiliger Beruf längst liquidiert ist. Die tägliche Praxis überfordert uns oft genug moralisch. Wenn uns das Mit-Leiden unerträglich wird, dann wird die Empathie abgeschaltet und eine sachlich-rationale Distanz als Schutzschild aufgebaut.

Umgänglichkeit selber ist Teilhabe am Unrecht, indem sie die erkaltete Welt als eine vorspiegelt, in der man noch miteinander reden kann, und das lose, gesellige Wort trägt bei, das Schweigen zu perpetuieren. (MM S.29)

Adorno hat einmal die Frage gestellt, ob man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben könne. Jedenfalls kann er nicht hinnehmen, dass es ‚unbeschwerte‘ Fröhlichkeit gibt, wenn Millionen gemordet worden sind. Adorno fordert tiefen Ernst statt Umgänglichkeit. Doch diesen Ernst glaubt er nur noch in der Einsamkeit finden zu können. Solidarität ohne Mitmachen – so heißt seine Forderung an die Intellektuellen. Das ist eine sehr rigide Forderung, die auf Reinheit achtet, die sich nicht durch Teilnahme am Alltag befleckt. Er verkennt dabei, dass die Umgänglichkeit nicht nur Attitude und Heuchelei ist, sondern zur Grundform jeglicher Kommunikation gehört. Genau deshalb sind die „Reinen“ (wie z.B. Robespierre und St.Just) oft nicht fähig zur Kommunikation, weil sie nicht gelernt haben, dass die so verfemte „Umgänglichkeit“ oft nichts anderes ist als die Ouvertüre zu jeglicher Kommunikation.

Umgänglichkeit und oberflächliches Geschwätz verdecken sicher vielfach nur den Mangel an Mitgefühl und Mitverantwortung. Dennoch scheint mir Adornos Verdammungsurteil zu hart, denn Adorno kann kein Kriterium angeben, mit dem er die ehrlich gemeinte, geradezu habituelle Umgänglichkeit, die ja gerade die amerikanische Gesellschaft seiner Exilzeit auszeichnete, also die authentische Geselligkeit, von der ausweichenden, unehrlichen ‚Nettigkeit‘ unterscheiden kann. In dieser absoluten Form führt das nur zur Misanthropie und in der Konsequenz zur Weltflucht. Die schroffe Haltung Adornos hätte milder ausfallen müssen, hätte er die Unterscheidung zwischen verschiedenen Sprachebenen und Sprachspielen akzeptiert, Sprachspiele, die je gleichzeitig gespielt werden können und müssen. Dann hätte er das ‚unschuldige‘ Geschwätz als Ausdruck des Willens zur Kommunikation besser unterschieden von dem keineswegs unschuldigen Geschwätz als Ausdruck bramarbisierender Gehässigkeit. Übrigens entspricht seine Auffassung des Geschwätzes ziemlich genau der von Heidegger in „Sein und Zeit“, der das nicht-authentische „Gerede“ als
Charakteristik des „Man“ herausstellt. Das Streben authentisch zu sein kann auch zur Verachtung des Nächsten führen, zu einer intellektuellen elitären Arroganz, die sich noch etwas darauf einbildet, nicht so beliebt zu sein.

Für den Intellektuellen ist unverbrüchliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarität etwa noch zu bewähren vermag. Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des Unmenschlichen.(MM S.30)

Diejenigen, die davongekommen sind, während Freunde und Verwandte ermordet wurden, schämen sich, noch da zu sein, trotz der überwundenen Hölle noch zu atmen – Adorno zieht sich ins Private zurück, denn er hat stets auch das tönende ‚Engagement‘ abgelehnt, das den Antifaschismus zum Pro-Stalinismus machte. Aber ist er nicht zugleich in eine andere Sackgasse geraten: sucht er die Abkehr von der schlechten Welt in einer Art modernen Mönchstum der Privatheit ? Adornos Ratschlag führt auf den falschen Weg. Nicht Rückzug aus dem Alltag, sondern hineingehen in das Risiko der Unsicherheit des Alltags, das ist der Weg, der zu Solidarität führt – ein Begriff, den Adorno selten verwendet.

Adorno will sich selbst treu bleiben und der Versuchung widerstehen, die eigene Existenz aus einer Ideologie heraus zu bestimmen. Dies war eine Gefahr, die manchen der später sehr populären „Existenzialisten“ erlegen sind, die auf die Feststellung, dass das Ich sich erst durch einen Akt existenzieller Entscheidungen definieren muss, anschließend Halt in totalitären Ideologien gesucht haben. Adorno selbst blieb am Ende allerdings intellektuell nicht so unbescheiden wie er es hier fordert, noch war seine Tendenz zur Weltflucht von Dauer. Aber er blieb konsquent in der Weigerung des Mitmachens, des Sich-vereinnahmen-lassen. Die Arbeiterbewegung – für viele ein Anker der Hoffnung nach den Schrecken des Nationalsozialismus – ist für Adorno keine positive Alternative. Er glaubt weder an gute Wilde noch an prächtige Proletarier.

Sobald aber die einfachen Leute um ihren Anteil am Sozialprodukt sich raufen müssen, übertreffen sie an Neid und Gehässigkeit alles, was unter Literaten und Kapellmeistern beobachtet werden kann.(MM S.34)

Adorno hat dazu keine Illusionen. Aber wenn er so von den einfachen Leuten spricht, merkt man auch, dass sie ihm fremd sind. Er sieht nicht die ganze coditio humana, die alle Aspekte des Menschen umfasst, seine Gehässigkeit wie seine Umgänglichkeit, seine Liebe wie seinen Schmerz. Als Intellektueller versteht Adorno die einfachen Menschen nicht wirklich, weil er ihre Vielschichtigkeit und tiefe Ambivalenz verkennt. Seine Welt ist eben eher die der Kapellmeister. Gute Literaten verstehen die einfachen Menschen oft weit besser als Philosophen. Nach Adornos Ansicht sind vor allem die Intellektuellen ihrer Wurzeln beraubt worden, indem ihr ureigenstes Instruments, die Sprache enteignet wurde:

Enteignet ist seine Sprache und abgegraben die geschichtliche Dimension, aus der seine Erkenntnis die Kräfte zog.(MM S.44)

Die Nationalsozialisten haben in der Tat die Sprache vergiftet und uns mancher Worte und Ausdrücke enteignet, so dass wir diese nicht mehr verwenden können. Adorno muss sich allerdings auch fragen, warum sich die Sprache der Intellektuellen, die aus der geschichtlichen Dimension gewachsen war, so leicht enteignen ließ. War die Sprache Nietzsches nicht schon so zynisch, dass sie geradezu als Werkzeug für den Bösen da lag ? – Ist nicht auch das Ausufern in Beliebigkeit, die Hegel dann und wann pflegt, eine Einladung für den Irrationalismus ? Im Übrigen ist es auch die Sprache der einfachen Leute, die manipuliert wurde durch das Wörterbuch des Unmenschen.

Die Geschichte des Geistes in Deutschland – war sie nicht auch geistige Wurzel für die trahison des clercs – für den Verrat der Intellektuellen an der Humanität ? Der Verrat an der intellektuellen Redlichkeit reflektiert sich auch in der Sprache. Die Sprachkritik Mauthners und die linguistische Wende der Philosophie sind an Adorno weitgehend vorbeigegangen – so sind seine Feststellungen über die Enteignung der Sprache zwar richtig. Mangels Analyse der Ursachen kann Adorno wenig dazu sagen, wie man dies in Zukunft verhindern und die Sprache wiedergewinnen kann.

Adornos Ablehnung des später einmal ‚realer Sozialismus‘ genannten Systems bedeutet keine Zustimmung zum Kapitalismus, den er in seiner amerikanischen Ausprägung kulturkritisch beobachtet hat. Wenn er in den vierziger Jahren von der ‚obsoleten Wirtschaftsform‘ spricht, befindet er sich in der Gesellschaft der Mehrheit der damaligen Intellektuellen und vieler Politiker einschließlich der CDU des „Ahlener Programms“. Die Kritik am Kapitalismus macht Adorno vor allem an seinen Folgen fest, die bis in das Privatleben hineinreichen. Dagegen nimmt er die marxistische Kritik des Kapitalismus als höchstes Stadium des Imperialismus und Ursache von Kriegen nicht auf. Adorno weiß viel zu gut um die Abgründe in jedem Menschen, als dass ihn eine so mechanistische Erklärung befriedigen könnte.

Adorno hielt Familie und Eigentum eigentlich für überholt. Doch er hat schon erkannt, dass gerade auch diese Institutionen gegen die Dialektik der Aufklärung das Individuum sichern. Er kann sich nicht an hehre positive Begriffe wie Freiheit und Humanität halten, die in Auschwitz mit verbrannt wurden. Nur in der Negativität, in der Kritik, der Ablehnung, hält er an Freiheit fest.

Damit löst sich Adorno aber gerade nicht von dem widersprüchlichen Verhältnis der Intellektuellen seiner Generation zu den Grundwerten, die Freiheit überhaupt erst konstituieren. Adorno ist kein Liberaler, der Toleranz üben will, wo er nicht zustimmen kann. Eher ist er ein Eifernder für das Gute – ahnend jedoch, dass der Weg zum Guten dahin führen kann, das Böse mitzutun. Die „Dialektik der Aufklärung“ ist deshalb auch ein Akt der Verzweiflung des Aufklärers selbst, der sich sagen muss: „so habe ich das nicht gewollt!“ – Erst Habermas hat meines Erachtens verstanden, diese Dialektik konstruktiv zu wenden, indem er durch das Verfahren des rationalen Diskurses das einsame, verzweifelte Denken zurückführt in die Gemeinsamkeit der Überlegenden, die sich kritisch dem Ziel rationaler Entscheidungen nähern.

Die Sachlichkeit, das zweckrationale Denken, das an Max Weber anknüpft, ist aus Sicht Adornos in der Dialektik der Aufklärung als neuer Mythos entlarvt worden. Wenn erst Menschen als Sachen behandelt werden, dann schlägt Aufklärung gegen sich selbst zurück. Adorno hätte sich auf Kant berufen können, dessen kategorischer Imperativ auch besagt, dass niemand nur als Mittel sondern immer auch als Zweck seiner selbst gesehen werden muss. Das sollte aber auch einschließen, dass Sachen als Sachen behandelt werden und nicht wie Menschen oder totemistische Tabus. Deshalb überzeugt mich Adorno nicht, wenn er gleich jegliche Form von Sachlichkeit in seine Bedenklichkeiten einschließen will.

Die Sachlichkeit zwischen den Menschen, die mit dem ideologischen Zierat zwischen ihnen aufräumt, ist selber bereits zur Ideologie geworden dafür, die Menschen als Sachen zu behandeln.(MM S.63)

Nicht anders als zu der Zeit als Adorno die Minima Moralia schrieb werden menschlichen Beziehungen auch heute noch im Alltag entwertet. Sachdienlichkeit und Sachlichkeit sind deshalb nicht etwa unwichtig, aber sie haben in menschlichen Dingen nichts zu suchen. Wir müssen uns heute fragen, ob wir neben der notwendigen und von Adorno eher unterschätzten Sachlichkeit mit ihren Sachzwängen noch genug Freiraum für die Menschlichkeit lassen. Als Beispiel für negative Folgen der „Sachlichkeit“ wählt Adorno den Verfall des Schenkens:

Der Verfall des Schenkens spiegelt sich in der peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, daß man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will.(MM S.65)

Das will ich nicht weiter kommentieren, weil ich selbst keine wirkliche Beziehung zum Schenken habe, und auch nicht zum Beschenk-Werden – vielleicht ist das schon eine Reaktion auf den Verfall, den Adorno beschreibt. Das wertvollste Geschenk sehe ich in dem, was jeder nur persönlich schenken kann: seiner Zeit.

Die Menschen werden zu Schauspielern eines Monstre-Documentaire Films herabgesetzt, der keine Zuschauer mehr kennt, weil noch der letzte auf der Leinwand mittun muß.(MM S.90)

In dem Monstre-Film der Lebenswelt Adornos musste jeder mittun, weil totalitäre Ideologien keinen Freiraum für Privatheit vorsahen. Heute gibt es diese Freiräume sicher weit mehr als in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Aber auf andere Weise führt die globale Kommunikation, die Tatsache, dass alles und jedes auf der Welt zu uns dringt, zu einer anderen Form des Mittuns im Monstre-Film. Wir müssen ständig Stellung beziehen, immer wieder sind wir zum Tuin aufgefordert, und wenn wir dann nichts tun ist die einzige Entschuldigung das ultra posse nemo obligatur, dass nämlich jenseits des Vermögens niemand verpflichtet ist. Auch Adorno kann sich nicht auf den Berg, von dem aus er predigt, zurückziehen. Jeder, ob er unten in den Niederungen mittut, oder von der Eremitenklause aus Flaschenpost versendet, ist Teilnehmer und daher auch verantwortlich für sein jeweiliges Tun und Mittun – und das schließt auch das Nicht-Handeln ein. Und das Mittun trägt das Risiko allen Politischen – nämlich falsch zu sein – Nicht-Mittun rettet davor nicht, sondern kann genauso verfehlt sein. Diese Entscheidung fällt nicht auf dem hohen Abstraktionsniveau, das Adorno vorzieht, sondern konkret im Einzelfall. Adorno scheint sich selbst als Zuschauer zu sehen – doch auch er kann der Leinwand nicht entkommen.

Adorno redet manchmal von ‚den Menschen‘ ohne sich dabei mitzusetzen, so wie der Kulturkritiker die Kultur mit der kritischen Distanz beschreibt, die er als Teil dieser Kultur letztlich nicht haben kann. Wenn Adorno von ‚der Kultur‘ spricht, dann ist es in den ‚Minima Moralia‘ das Bild der Kultur der Weimarer Republik und der Kultur Amerikas in den vierziger Jahren , eine Kulturlandschaft, in der das kritische Potential zwar toleriert, aber in Nischen verbannt war, in der Kultur lebte und doch nicht wirkte. Das ist die Kultur, die nach Auschwitz nicht so weitermachen konnte – so Adorno. Aber Kultur richtet sich nicht nach ihren Kritikern, sie lebt einfach weiter, oft trivial und kitschig, oft sentimental oder gar grausam und provokant. Und so wurden und werden weiter Gedichte geschrieben, Comics verlegt und Musik komponiert.

Was nach dem Ende der alten Kultur entstand, ist etwas Neues, die Weltkultur, geboren aus der amerikanischen Jugendkultur, Pop und Rock, Warhol und Roy Lichtenstein. Es ist eine Kultur, die auch elitäre Nischen kennt, die aber aus meiner Sicht viel weniger wichtig sind als sie sich wichtig tun. Adorno hat ebenso wie Günter Anders in der Antiquiertheit des Menschen diese neue Kultur gesehen, aber zugleich verabscheut. Aber Adorno hatte zutiefst recht, wenn er sagt, dass es nicht ’normal‘ weitergehen konnte. Das gilt auch heute noch. Jeder, der im Kulturbetrieb lebt und arbeitet, muss das Geschehene mit-denken. Auch nach Auschwitz gibt es Gedichte – aber wir können gar nicht anders als sie unter dem Schatten von Auschwitz zu lesen oder zu rezitieren. Zum Glück ist es dem Faschismus nicht gelungen, die letzten Winkel der ‚apokryphen Existenzen‘ auszufegen. Die Schönheit darf ihr Recht beanspruchen, aber sie wird immer auch der Fratze des Bösen begegnen.

Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen. (MM S.94)

Es ist ein guter Vorsatz, sich nicht dumm machen zu lassen – doch erfordert ist ja mehr: sich klug machen lassen, und das heißt eine neue Generation zu bilden, die aus dem Vorhergegangenen lernt. Adorno sieht die Aufgabe als fast unlösbar an. Eine Haltung, die für seine Generation verständlich ist, eine Generation, in der der Geist in der Minderheit blieb und wo selbst in der Minderheit noch die von Ideologien Korrumpierten die Mehrheit stellten. Heute ist die Frage, ob wir uns nicht schon weit früher als im Vorhof der Macht selbst verdummen lassen. Die an der Oberfläche entpolitisierten Medien und der wachsende Abstand vieler Menschen von der Politik verhindern, dass noch Zeit bleibt für das Sich-Klug-Machen. Also verstärkt sich die Ohnmacht.

Ein typisches Merkmal faschistischer ebenso wie stalinistischer Propaganda ist die Hervorhebung der prallen Lebensfreude. Muskulöse Proletarier oder deutsche Arbeiter, die blonde deutsche Frau oder die sozialistische Melkerin werden Prototypen des kernigen, guten Lebens und Antitypen gegen die intellektuelle Dekadenz.

Adorno wird nach der Katastrophe der Humanität jegliche ostentative Lebensfreude verdächtig – aus gutem Grunde. Ungestörte Genußfähigkeit bedeutet, dass man ‚abschaltet‘ – sich zurückzieht in den Hort der – damals staatlich organisierten – Freizeitgestaltung. Niemand ließ sich gerne stören oder gar verstören durch die Nachrichten vom Schrecken in Polen – in Coney Island wurde weitergefeiert, auf Kraft-durch-Freude-Schiffen wurde weitergetanzt, und im Kreise mancher Intellektuellen wurde weiter gelacht, obwohl doch der Abgrund des Humanum selbst, der Höllenschlund sich auftat. Der ‚Tanz auf dem Vulkan‘ war schon in den zwanziger Jahren eine Metapher dieser Zeit – der Tanz, nicht der Blick, der sich vom Rand des Kraters abwendete. Adorno ist verbittert über die Intellektuellen und erst recht über die oberflächlichen Menschen, die sich seichtem Vergnügen hingeben, während Schmerzensschreie um Hilfe rufen.

Sein moralischer Anspruch ist hart, denn er unterstellt allen, dass sie tanzen, um vom Bösen wegzuschauen. Doch der Tanz ist kein Akt der Intellektualität, er ist eher Abwehr und Totemtanz in einer Lage, in der das Individuum die Realität nicht mehr erträgt. Warum aber ist die Gesellschaft so hilflos angesichts des absolut Bösen ? Adorno sucht den Fehler weiter in der ‚Dialektik der Aufklärung‘, der auch die Ordinarien erlegen sind, die nur Denken, weil sie sich ihr Dasein verdienen müssen. Aber war das wirklich der Grund ? Die Charakterlosigkeit eines Heidegger gegenüber seinem Lehrer Husserl ist nicht eine Frage des Arbeitsplatzerhaltes gewesen – vielmehr liegt dem eine Verrohung des Denkens selbst zugrunde.

Übertragen wir Adornos Fragen auf heute: darf die heute bei amnesty international engagierte junge Frau keine Stunde der Lebensfreude mehr haben, wenn sie weiß, dass auch die von ihr selbst betreuten politischen Gefangenen leiden oder gar gefoltert werden ? Darf sie nie abschalten ? Nicht tanzen – nicht mal wegsehen ? – Ist in Zeiten der Not die Kunst ein obszöner Luxus – müssen wir alle in Sack und Asche gehen, solange noch Menschen leiden ? – Adorno zeigt mir zu wenig Trennschärfe in seinem Urteil zwischen den einen, die vorübergehend wegschauen, weil sie bei allem Engagement es nicht ertragen, nicht auch einmal abzuschalten, und den anderen die wegschauen um nie hinzuschauen. Von anderen kann ich nicht verlangen, ihr eigenes Leben im Dienst der guten Sache zu stellen, rein – ja heilig – zu sein. Solche Ansprüche kann jeder nur an sich selbst stellen. Adorno scheint den hohen Anspruch an Intellektuelle zu stellen – und verkennt wie Allzumenschlich auch die Intellektuellen sind.

Liberalität, die unterschiedslos den Menschen ihr Recht widerfahren läßt, läuft auf Vernichtung hinaus wie der Wille der Majorität, die der Minorität Böses zufügt und so der Demokratie Hohn spricht, nach deren Prinzip sie handelt. Aus der unterschiedslosen Güte gegen alles droht dann auch stets Kälte und Fremdheit gegen jedes,…(MM S.135)

Der auf die Spitze getriebene Liberalismus – Adorno meint hier die Demokratie allein aus dem Prinzip der Majorität – löst das Individuum im System auf. Adorno setzt auf das Individuum als Einzelfall, als etwas, das sich jeder Verallgemeinerung, Systematisierung und Einordnung widersetzt. Liest man diesen Satz genau, so lässt sich daraus eine Kritik an der liberalen Form der Demokratie und des Parlamentarismus herauslesen: die Minorität wird von der Majorität vergewaltigt. Wenn die Majoritätsentscheidung im Grunde nur einen abstrakten Gemeinwillen repräsentiert – und den gibt es nur bei hinreichend homogenen Gesellschaften, dann bräuchte es keinen Minderheitenschutz. Da aber jedes Individuum anders ist, kann im Grunde jeder Einzelne eine Art Minderheitenschutz gegen die Majorität beanspruchen.

Wer das Zerstörende haßt, muß das Leben mithassen…(MM S.137),… Die Aufforderung, man solle sich der intellektuellen Redlichkeit befleißigen, läuft meist auf die Sabotage der Gedanken heraus.(MM S.141)

Was später von Paul Feyerabend als methodischer Anarchismus gepredigt wird: anything goes, tolerante Indifferenz gegenüber allen Lebensformen und Weltanschauungen – das ist Adorno fremd, und doch führt sein Weg in letzter Konsequenz zu diesem Dadaismus des Unsystematischen. Adorno hätte es ferngelegen, ja es hätte ihn entsetzt, wenn die Ablehnung von Systematik und ‚intellektueller Redlichkeit‘ wie bei Paul Feyerabend zur Apologie des Irrationalen gerinnt – dennoch läuft dieses Argument auf die Art ‚Erkenntnis für freie Menschen‘ hinaus, die Feyerabend konsequent vor Augen führt. Adorno hat die Schwächen des Rationalismus erkannt. Der Wert eines Gedankens misst sich für ihn – ähnlich wie der des Kunstwerks – an der Originalität, am Neuen. Deshalb will er von den eingefahrenen Gleisen weg, deshalb will er Distanz zum Schon-Bekannten. Nur in der Differenz zur Gedankenlosigkeit des Immer-Schon-Da entsteht der Gedanke. Doch er kommt nicht um die Frage herum, ob das nicht auch das Spiel des Deutschland erwache!· war – das Neue zu verklären und das Alte über Bord zu werfen, auch wenn es die Demokratie und der Rechtsstaat waren. Konservativ bewahrend Rechtsstaat und Demokratie zu schützen, das widerspräche offenbar dem frei schweifenden Geist.

Die Forderung nach intellektueller Redlichkeit ist alles andere als Sabotage der Gedanken – es ist vielmehr ein Prinzip, ohne das Gedanken in eine tiefe Verstrickung mit Unredlichkeit und Bösartigkeit geraten können

Erkenntnis funktioniert laut Adorno nicht nach rationaler Rezeptur. Wie später Gadamer, sieht auch Adorno, wie sehr wir auf das vorgängige, rational nicht begründete Denken aufsetzen müssen. Damit öffnet er aber auch dem Irrationalismus Tür und Tor. Wie später Thomas Kuhn aufzeigte, können in Zeiten eines wissenschaftlichen Paradigmenwechseln neue, von der Kontinuität weit distanzierte Gedanken von hohem Wert sein – doch der Wert des Gedankens ist auch daran zu messen, ob er sich dem vorher Gedachten stellt und erfolgreich stellen kann. Damit ist er immer auch in der Kontinuität verankert. Das Minimum an Kontinuität besteht in der Sprache selbst: ohne Anknüpfen an das Alte kann das Neue nicht kommuniziert werden.

Die Diskurstheorie von Habermas zeigt den Ausweg einer neuen Rationalität durch Verfahrensgrundsätze. Adorno und Gadamer bleiben stehen bei der Erkenntnis, dass unser Ausgangspunkt in vorgängigen Urteilen besteht, aber er zeigt nicht an, wie Rationalität in der Gesellschaft wiedergewonnen werden kann. Beide denunzieren stattdessen die Rationalität als pure Zweckrationalität, die jedem verbrecherischen Technokraten zu Gebote steht.

ZWEITER TEIL

Adornos Ratschläge an den guten Schriftsteller sind weiterhin aktuell. Allerdings geht es Adorno nicht besser wie vielen anderen, die hervorragende Ratschläge geben ohne sie selbst immer zu beachten. Seine Sprache hat häufig Züge priesterlicher Feierlichkeit und professoraler Umständlichkeit.

Anständig gearbeitete Texte sind wie Spinnweben: dicht, konzentrisch, transparent, wohlgefügt und befestigt. Sie ziehen alles in sich hinein, was da kreucht und fleucht. Metaphern, die flüchtig sie durcheilen, werden ihnen zur nahrhaften Beute.(MM S.151) – Wer keine Heimat mehr hat, dem wird wohl gar das Schreiben zum Wohnen.(MM S.152)

Im Exil wird das bessere Deutsch geschrieben – eine Tatsache, die auch den Verlegern ins Stammbuch geschrieben gehört, die nur spät und zögernd die deutsche Exilliteratur wiederentdeckt haben. Wo das Schreiben zum Wohnen wurde, sollten wir mehr zu Besuch sein ! – In seiner Kritik an Schiller kommt das auch sonst überall durchschimmernde Zurückscheuen Adornos vor aller Roheit zum Ausdruck. Er sucht die Zartheit der menschlichen Beziehung und wird abgestoßen vom Groben.

Etwas von solcher sexuellen Roheit, der Unfähigkeit zu unterscheiden, lebt aber in den großen spekulativen Systemen des Idealismus, allen Imperativen zum Trotz, und kettet deutschen Geist und deutsche Barbarei aneinander.(MM S.156)

Ob im Kreise der Mitschüler, in der Gesellschaft oder in der Literatur: das ungehobelte Benehmen, die rohe Sprache sind der Stoff, aus dem auch die Barbarei entsteht. Adorno hat ein feines Gespür dafür, wie die Grobheit der Sprache Verachtung für den Mitmenschen ausdrückt. Die Zartheit ist fragil, immer gefährdet. So sucht Adorno im Leben wie im Schreiben die Distanz.

Nur Fremdheit ist das Gegengift gegen Entfremdung(MM S.166)

Fremd bleiben Adorno diejenigen, die sich nach einem kollektiven Wahn in das nächste Kollektiverlebnis stürzen. Nicht proletarische Revolution, sondern leiser, fast zarter und geradezu asketischer Widerstand gegen Profitökonomie ist sein Weg. Adorno nimmt hier manches vorweg, was später zu den Wurzeln der grünen Bewegungen wurde.

Die zwischenmenschliche Solidarität gibt Adorno entgegen allem Pessimismus nicht auf. Wo die menschliche Liebe und Solidarität fehlt, wie bei den Nazis, dort geht die Kultur zuerst zugrunde – alles andere folgt dann:

…die kämpferisch erneuerte Kultur sah schon am ersten Tag aus wie die Städte an ihrem letzten, ein Schutthaufen.(MM S.192)

Das Erschreckende ist, wie diese angebliche Erneuerung der Kultur von einem erheblichen Teil derjenigen Eliten ausging, die schon zuvor bestimmt hatten, was als Kultur zu gelten habe und was nicht: Professoren, Kulturschaffende und Kulturbürokraten, Lehrer und Kunstliebhaber.

Die neuen Ideologien sind die Ideologien der modernen Kulturindustrie. Sie sorgen dafür, dass die logische Evidenz selbst nicht mehr zum als Kriterium der Wahrheit gelernt wird. Wenn sich Wahrheit und Lüge verwischen, dann kann keiner Aussage mehr vertraut werden, jeder Gedanke ist manipuliert durch die Medien. Das Selbstvertrauen auf die eigene Vernunft wird erschüttert, der Verstand sturmreif geschossen für Ideologien, seien diese auch noch so tönern.

Die magnetische Gewalt, welche die Ideologien über die Menschen ausüben, während sie ihnen bereits ganz fadenscheinig geworden sind, erklärt sich jenseits der Psychologie aus dem objektiv bestimmten Verfall der logischen Evidenz als solcher. Es ist dahin gekommen , dass Lüge wie Wahrheit klingt, Wahrheit wie Lüge. Jede Aussage, jede Nachricht, jeder Gedanke ist präformiert durch die Zentren der Kulturindustrie.(MM S.195)

Adorno stellt hier ausdrücklich den Bezug zur ‚Dialektik der Aufklärung'(MM S.222) her. Die ’neue Sachlichkeit‘, die dafür sorgen sollte, die Emotionen einzuhegen und damit mehr ‚emotionslose Objektivität‘ herzustellen, führt zum Gegenteil. Es ist nicht genau festzumachen, was Adorno mit dem objektiv bestimmten erwähnte Verfall der logischen Evidenz meint. Wir würden heute vielleicht sagen: die alten Sicherheiten sind dahin. Manches, was als evident wahr galt, ist einem Relativismus der Werte anheim gefallen und zwar unvermeidlicherweise, weil die fortschreitende Erkenntnis selbst die früheren Sicherheiten erschüttert hat.

Anzunehmen, daß das Denken vom Verfall der Emotionen durch anwachsende Objektivität profitiere oder auch nur indifferent dagegen bleibe, ist selber Ausdruck des Verdummungsprozesses.(MM S.224) – Ist nicht das Gedächstnis unabtrennbar von der Liebe, die bewahren will, was doch vergeht ?(MM S.225)

Bergson, der Gedächtnis und Materie zur Grundlage seiner Lebensphilosophie machte, vergaß die Liebe, auf die Adorno großen Wert legt. Liebe ist auf ein Geliebtes gerichtet, es drückt Sehnen und Wünsche aus, und ist erst damit Bollwerk gegen die Dummheit. Denn Erkenntnis ist nur mit Hilfe der Phantasie möglich – phantasielos sind die Himmlers und Heydrichs, die in brutaler Sachlichkeit Konzentrationslager bauen lassen. Aber unterschätzt Adorno da nicht die höllischen Phantasien, die schon immer die Menschheit umgetrieben haben ? Dem ‚Paraiso‘ Dantes geht das ‚Inferno‘ voraus. Die Sachlichkeit der Nazis war doch nur Fassade ! Dahinter stand brutale Dummheit und uhrwerksartige Unselbständigkeit. In Wirklichkeit waren die Nazis doch ressentimentgeladene, rachsüchtige Psychopathen – die Tatsache, dass es so viele Psychopathen gab, ist natürlich erklärungsbedürftig. Der Wahn eines ganzen Volkes kannte nur wenig Ausnahmen. Vielleicht müssen wir davon ausgehen, dass ein bestimmter Anteil Böser ständig mit und unter uns lebt – Anlass für eine positive Anthropologie gibt es ja wenig. Damit wird dann deutlich wie wichtig Institutionen sind, die die Aggression hemmen und einhegen.

Phantasie, heute dem Ressort des Unbewußten zugeteilt und in der Erkenntnis als kindisch urteilsloses Rudiment verfemt, stiftet allein jene Beziehung zwischen Objekten, in der unabdingbar alles Urteil entspringt: wird sie ausgetrieben, so wird zugleich das Urteil, der eigentliche Erkenntnisakt, exorziert.(MM S.226)

Adorno hat ein sehr positives Bild von der Phantasie – aber ist es nicht gerade auch die übersteigerte, exaltierte Phantasie, die Menschen Ihren Nächsten als Feinde und nicht als Mitmenschen sehen lässt ? Mir scheint Adorno die Rolle der Phantasie zu verklären. Mit der Phantasie distanziert sich der Gedanke von der kruden Realität, entfernt sich von der Affirmation des Bösen. Jetzt zieht es ihn hin zu einem ‚Prinzip Hoffnung‘ gespeist aus dem historischen Bewusstsein, dass Realität veränderbar ist und in der Geschichte schon verändert wurde. Dabei sind auch Abweichungen von cartesischer Klarheit und Deutlichkeit nur Zeichen für die Tätigkeit des Geistes:

Die Übertreibungen der spekulativen Metaphysik sind Narben des reflektierenden Verstandes,…(MM S.237)

Aus manchen Narben können aber Geschwüre entstehen, auch bösartige. Die Übertreibungen der spekulativen Ideologien hatten im zwanzigsten Jahrhundert Millionen von Menschen auf ihrem Altar geopfert – und Intellektuelle haben dafür gehorsamst die Apologien abgeliefert. Der Intellektuelle, der sich aus dem Getriebe zurückzieht, um rein zu bleiben, kann sich auch nicht in das profane Vergnügen stürzen. Er kennt nicht die vom Wirtschaftssystem aufgezwungene Trennung von Arbeit und Freizeit – Denken hat keine Freizeit. Deshalb auch der

Rat an Intellektuelle: laß dich nicht vertreten.(MM S.238) .

Denn das Denken ist nicht vertretbar, sondern zutiefst individuell. Dem wäre aber auch hinzuzufügen: lass dich nicht zum Vertreter machen !

Umgekehrt ist dem, der von Freiheit weiß, alles von dieser Gesellschaft tolerierte Vergnügen unerträglich,…(MM S.241)

Das Vergnügen des Intellektuellen ist die Freude am Geist – wahres Epikuräertum, während er die alltäglichen Vergnügungen der Massen unerträglich findet. So sehr ich diese Erfahrung ständig selbst nachvollziehen kann – so gefährlich ist die Nähe zu einer elitären hochnäsigen Haltung, die im intellektuell weniger ausgezeichneten Menschen den Mitmenschen nicht mehr wiedererkennt. Adorno ist stets in der Gefahr, aus der Distanz zum Profanen sich in den Elfenbeiturm zurückzuziehen. Es ist bei ihm nicht Verachtung der Niederungen, sondern eher Abscheu vor den Verhaltensweisen der Allerweltsmenschen, die ihn aus der Welt fliehen lässt. Die Geistesgrößen sind elitär – hier ist Adorno Nietzsche geistesverwandt.

Man könnte aber Nietzsche so wenig in einem Büro, in dessen Vorraum die Sekretärin das Telefon betreut, bis fünf Uhr am Schreibtisch sich vorstellen, wie nach vollbrachtem Tagewerk Golf spielend.(MM S.242)

Kurz gesagt: Adorno auch nicht ! – Im zweiten Teil rechnet Adorno mit den Lauen ab, denen die zwar die Inquisition unappetitlich finden, aber doch katholisch bleiben wollen: Er empfielt ihnen aus der Kirche auszutreten und entweder Protestanten oder Atheisten zu werden, anstatt über den Katholizismus zu jammern. Adornos philologisch wenig überzeugende Gleichsetzung von allumfassender Kirche und Totalitarismus allerdings ist wohl weniger als Kirchenkritik, denn als Muster für alle Glaubensformen, insbesondere aber für die Stalinisten und Nationalisten zu lesen, die immanente Kritik üben ohne aus der kommunistischen oder nationalistischen Kirche auszutreten und damit Unrecht rechtfertigen anstatt es klar zu verurteilen. Aber auch für den katholische ‚Dissidenten‘ bleibt Adornos Ratschlag aktuell, denn man fragt sich wirklich warum Hans Küng oder Uta Ranke-Heinemann nicht längst einer Kirche den Rücken gekehrt haben, die sie so kritisiert haben.

Der Kulturbetrieb verführt zu leerer Wichtigtuerei. Adorno, den es einerseits in den Elfenbeinturm zieht, sieht doch mit Sorge, dass die Isolierung vom Alltag der Wirtschaft den Intellektuellen zur bequemen Ideologie verführt.

Die Selbstgerechtigkeit derjenigen, die aus einer bequemen, sicheren Situation heraus den begrenzten Konflikt suchen und dann kneifen, wenn’s darauf ankommt, erzürnt Adorno:

Pfaffen und Oberlehrer, deren Gewissen ihnen weltanschauliche Konfessionen abnötigte, die sie mit ihren Behörden in Schwierigkeiten brachten, sympathisieren stets mit Verfolgung und Gegenrevolution. Wie dem sich selbst bestätigenden Konflikt ein wahnhaftes Element beigesellt ist, so liegt in der angedrehten Dynamik der Selbstquälerei die Repression auf dem Sprunge.(MM S.250)

Bis heute spielt der Typus des politischen Protestanten eine wichtige Rolle in der deutschen (und nordamerikanischen) Politik. Auch der Sprung aus der Zerknirschtheit eines selbstquälerischen Ego zum repressiven Egoismus bleibt aktuell. ‚Sola fide‘ ist Irrationalismus und damit anfällig für Feindbilder. Im Grunde ist ja auch die Geschichte des frühen Christentums vor allem durch Ketzerriecherei und gegenseitige Verdammungen und Verfolgungen gekennzeichnet. Die Akten der Konzilien sind Lehrbücher der Intoleranz. Und wer unterdrückt war, wurde oft bei erster Gelegenheit selbst zum Unterdrücker. Warum sich allerdings diese unangenehme Spezies auf Pfaffen und Oberlehrer beschränken soll, ist nicht ersichtlich. Auch die Missionare der Kulturwelt, auch die Professoren sehen sich oft genötigt ihre Weltanschauung zum Besten zu geben in der Erwartung andere zu bekehren.

Ihr Prototyp ist Luther, der Erfinder der Innerlichkeit, der sein Tintenfaß dem leibhaftigen Teufel, den es nicht gibt, an den Kopf warf und schon die Bauern und Juden meinte. Nur der verkrüppelte Geist braucht den Selbsthaß, um sein geistiges Wesen, das die Unwahrheit ist, mit Brachialgewalt zu demonstrieren.(MM S.251)

Adorno ist Luther gegenüber sehr kritisch – Luthers Haltung im Bauernkrieg und sein Antisemitismus lassen ihn als aus Selbsthass ‚verkrüppelten Geist‘ erscheinen. In den USA zur Zeit von Adornos Exil machen sich Personen, die ihre Tintenfässer dem vermeintlichen Teufel nachwerfen, eher lächerlich – aber sie wurden als Clowns integriert: Inzwischen kann man über diese Clowns nicht mehr lachen, denn sie sind der Macht zu nahe gekommen. Die deutschen Emigranten mögen sich als ‚Graeculi‘ im neuen Imperium gefühlt haben. Doch das Phänomen ist wohl doch ein anderes: Die amerikanische Gesellschaft hat aus sich heraus und aus einem Wertpluralismus heraus solche colorful personalities gezüchtet. Anders als die graeculi sind sie nicht Sklaven sondern Idole. Und manche dieser Idole werfen öffentlich Tintenfässer auf alle, die sich ihrem fundamentalistischen Wahn entziehen wollen. Aus diesen Worten spricht auch Adornos durchgehende Abscheu vor Grobianen – und sei es nur, dass sie mit Tintenfässern werfen. Luther glaubte übrigens an den leibhaftigen Teufel – daher gab es ihn für Luther durchaus.

Unbefangenheit und Sachlichkeit in der Erörterung von Gegenständen verschwinden noch im engsten Kreis, so wie in der Politik längst die Diskussion vom Machtwort abgelöst ward. Das Sprechen nimmt einen bösen Gestus an. Es wird sportifiziert. Man will möglichst viele Punkte machen.(MM S.257)

Wie prophetisch: Machtworte, der Traum vom starken Mann, das Aufkommen des Dezisionismus, der Ersatz des rationalen Diskurses durch auf Sieg angelegte Gesprächsstrategien – alles das zerstört auch heute wieder die Politik. Adorno hat gut beobachtet. Alle sind hektisch um Aktivitätsnachweise bemüht. Das Punkte-Machen anstelle einer unbefangenen Diskussion nimmt auch heute im Zeitalter der Talkshow wieder überhand: Dabei kommt niemand zur Ruhe:

Alle müssen immerzu etwas vorhaben. Freizeit verlangt ausgeschöpft zu werden. (MM S.258)…In der fanatischen Liebe zu den Autos schwingt das Gefühl physischer Obdachlosigkeit mit.(MM S.261)

Heute ist das Auto für die meisten Menschen kein Fetisch mehr, sondern ein Gebrauchsgegenstand. Doch die Unrast des Reisens, das Gefühl Tapeten wechseln zu müssen, das ist geblieben – ob mit oder ohne Auto. Ein horror vacui beherrscht uns alle. Freizeit nicht auszuschöpfen gilt geradezu als Mangel an Phantasie und Tatkraft. Dabei ist geistige Tätigkeit nicht vorgesehen. Sie kann nicht Freizeit sein, obwohl sie eigentlich nur in freier Zeit möglich ist.

Was einmal Geist hieß, wird von Illustration abgelöst.(MM S.264)

Unser Denken wird mehr vom Bild – heute vom Fernsehbild – bestimmt als von der Information durch das Wort. Die Bildsprache ist aber zu arm um Geist zu behausen. Günter Anders hat die Folgen der Herrschaft des Bildes in Die Antiquiertheit des Menschen eindringlich dargestellt. Seine Visionen waren geradezu prophetisch.

Weitsichtig erkennt Adorno die Gefahren, die durch Deklamationspolitik ohne Inhalte entstehen. Die Kunst wird inhaltsleer, weil sie das Unmenschliche nicht wirklich darstellen kann.

Der Gang der Geschichte wird Adorno unheimlich. Um Jahrzehnte nimmt seine Kulturkritik das vorweg, was später mit dem Club of Rome oder der grünen Partei an Wertkonservativismus auftritt. Die blinde Wut des Machens – das hatte Adorno genau erkannt – war zerstörerisch, sie hat am Ende auch die Sowjetunion zerstört und nicht nur in Tschernobyl eine Umweltkatastrophe hinterlassen. Adorno hofft auf ein Zur-Ruhe-Kommen zum Sein, gewisse Züge ähneln der Idylle Heideggers, dessen ‚Jargon der Eigentlichkeit‘ Adorno so gekonnt entlarvt hatte.

Das einzige Objekt der Kunst wäre eigentlich das Un-Menschliche – genau das entzieht sich aber in der Monstrosität dem Ausdruck der Kunst. Auch in der heutigen Kunst stelle ich immer wieder fest, dass der legitime Drang, das Böse darzustellen, stark ist und bleibt – das aber das Scheitern an diesem Thema die Regel und nicht die Ausnahme ist. Dies mag daran liegen, dass das Böse so konkret Teil des Alltags ist, dass jede Verfremdung durch künstlerischen Ausdruck zurückschlägt in die Realität selbst – und damit den Charakter des Werkes als Kunst in Frage stellt.

Dann wird es fast heideggerianisch:

…’sein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung‘ könnte an Stelle von Prozeß, Tun , Erfüllen treten und so wahrhaft das Versprechen der diaektischen Logik einlösen, in ihren Ursprung zu münden.(MM S.298)

Das alles klingt fast schon nach Postmoderne, doch bleibt diese Kulturkritik seltsam fern vom Alltag. Der Prometheus, der die Götter durch sein Machen-wollen zum Zorn treibt, das ist nicht der Typus des Alltagsmenschen. Von Erschlaffung im Wohlleben können sowieso nur die reden, die die tägliche Erschlaffung durch Arbeitsintensität und die geistige Erschlaffung durch Medienberieselung nicht kennen und deshalb die kleinen Freuden der Gemütlichkeit und des Kitsches verachten, die dem Alltagsmenschen oft als einzige sichere Zuflucht bleiben. Mir steht hinter Adornos Gedanken hier zu viel heroische Pose – fast spiegelbildlich zur heroischen Pose des Faschismus, den Adorno bekämpft. Vielleicht kann man Möglichkeiten auf fremde Sterne einzustürmen, ungenützt lassen – aber soll man die Chance Krankheit und Elend zu besiegen, ungenützt lassen ? Die Naturwissenschaft, Technik und Medizin, sie bleiben auf Prozess, Tun und Erfüllen angewiesen und können nicht im kontemplativen Sein leben.

DRITTER TEIL

Am 11.September 2001 erschütterte der Terroranschlag auf New York und Washington die Welt. Am 11.März 2004 töteten Terroristen in Madrid fast 200 Menschen, überwiegend Schüler und Arbeiter auf dem Weg zu ihren Schulen und Arbeitsplätzen. Adorno hatte bei aller Singularität der Nazi-Verbrechen erkannt, dass es ein Substrat an Narrheit, an sektiererischer Verbohrtheit in der modernen Welt gibt, dass seinen Wahn gegen die Zivilisation wendet. Wie sonst ist der Satz der Madrider Terroristen: Ihr liebt das Leben -wir aber lieben den Tod zu deuten ?

Der Terror habe nichts mit der islamischen Religion zu tun – heißt es oft. Aber alle Religionen unterliegen der Gefahr, Gewalt durch den Anspruch auf Absolutheit zu rechtfertigen. Jeder religiöse Alleinvertretungsanspruch hat auch den Keim des Terrors in sich. Intoleranz gegenüber Andersgläubigen ist eine Form der Vergewaltigung des Geistes. Das gilt für den Islam nicht anders als für das Christentum. Beide Religionen sehen es keineswegs als Privatsache an, was jemand glaubt. Das Christentum und das Judentum haben in historischer Zeit bereits bewiesen, dass sie für Fanatismus offen sind. Wenn das Christentum heute toleranter ist als je zuvor in seiner Geschichte, dann nicht zuletzt, weil es seine hegemoniale Stellung in unseren europäischen Gesellschaften verloren hat und sich weniger überzeugt als resignierend mit dem Pluralismus moderner Gesellschaften abgefunden hat. In den USA ist das anders – und der protestantische Fundamentalismus dort macht besorgt, weil er Züge kollektiver Wahnvorstellungen annimmt. Religion als reine Privatsache ist auch dem modernen Islam fremd.

‚Ein Narr macht viele‘ – die abgründige Einsamkeit des Wahns hat eine Tendenz zur Kollektivierung, die das Wahnbild ins Leben zitiert.(MM S.306) –

So wird Narrheit epidemisch: die irren Sekten wachsen nach dem gleichen Rhythmus wie die großen Organsiationen. Es ist der der totalen Zerstörung. Die Erfüllung der Verfolgungsphantasien rührt her von ihrer Affinität zum blutigen Wesen. Gewalt, auf der Zivilisation basiert, meint Verfolgung aller durch alle und der Verfolgungswahnsinnige bringt sich in Nachteil bloß, indem er dem Nächsten zuschiebt, was vom Ganzen angerichtet wird,…(MM S.306)

So wird aus der Angst der Zu-kurz-gekommenen die Gewalt gegen die Anderen: so wie der Faschismus als Diktatur Verfolgungswahnsinniger alle Verfolgungsängste der Opfer verwirklicht.(MM S.307)

Der kollektive Wahn erscheint uns fern, zeitlich fern wie der Hexenwahn des Mittelalters, oder räumlich fern wie das Wüten der Mordbanden im Irak und Syrien im Jahre 2014. Doch wir alle bleiben empfänglich für kollektive Hysterie. Ein Narr macht viele – das ist pure empirische Erkenntnis. Und die Geburt des Verfolgers aus dem Wahn des Verfolgt-Seins (im spanischen victimismo genannt und vielfach unter radikalen Nationalisten verortet) verdient sorgfältiges Studium. Angst ist kein guter Ratgeber – sie führt zu Realitätsverlust durch Realitätsverengung. Sie mag zu den ursprünglichsten und kaum beherrschbaren Emotionen des Menschen gehören, aber sie ist eine gefährliche Emotion, die der Hegung ebenso bedarf, wie die daraus folgende Aggression.

Die Lebensphilosophie, vor allem die von Bergson, hatte befreiende Wirkungen. Aber sie förderte auch den Irrationalismus. Nietzsche begeisterte die Jugend, die im Korsett der Philister-Philosophie erstickte. Doch Adorno erkannte die Schattenseite der Menschenverachtung in Nietzsches Werk. Diese Dialektik findet Adorno schon bei Schopenhauer vorgezeichnet, der das Streben nach Leben und das gleichzeitige Streben, aus Langeweile die Zeit totzuschlagen, als zwei Seiten einer Medaille erkannte. So zitiert Adorno Schopenhauer:

Was alle Lebenden beschäftigt und in Bewegung hält, ist das Streben nach Daseyn. Mit dem Daseyn aber, wenn es ihnen gesichert ist, wissen sie nichts anzufangen: daher ist das Zweite, was sie in Bewegung setzt, das Streben, die Last des Daseyns los zu werden, es unfühlbar zu machen, ‚die Zeit zu tödten‘, d.h. der Langeweile zu entgehen (Schopenhauer: die Welt als Wille und Vorstellung, S.415) – (MM S.329)

Das Empörende ist für Adorno …,

dass die Gesellschaft gegen Unmenschlichkeit gar nichts, gegen falsches Benehmen um so mehr einzuwenden hat,…(MM S.340)

Bei diesem Satz denke ich gleich daran wie Gary Hart seine Präsidentschaftskandidatur aufgeben musste und Bill Clinton fertiggemacht wurde, weil sie sich daneben benommen hatten. Sexuelle Klatschgeschichten sind für gewisse Kreise offenbar schlimmer als im Jahre 2004 einen Krieg im Irak auf Lug und Trug zu stützen. Das Gespräch verflacht, weil der Dümmste den Standard setzt.

Wer in der Konversation etwa über den Kopf auch nur eines einzigen hinwegredet, wird taktlos. Der Humanität zuliebe beschränkt das Gespräch sich aufs Nächste, Stumpfste und Banalste, wenn nur ein Inhumaner anwesend ist.(MM
S.347)

Der stumpfeste unter den Anwesenden bestimmt die Gesprächsatmosphäre. Für Adorno unerträglich, und

Der Differenziertere, der nicht untergehen will, bleibt zur Rücksicht auf alle Rücksichtlosen strikt verhalten.(MM S.348)

Wie schwer fällt es auch heute noch, in Gesellschaft klar dem Rücksichtlosesten entgegenzutreten, wenn er grob und dumm Inhumanität predigt. Wer klar dagegenhält gilt als Streithammel, wer subtiler mit Ironie und Argumenten reagiert als Zerstörer der guten Atmosphäre. Frechheit siegt und Dreistigkeit wird belohnt – beides ist leider nur zu oft wahr.

Adorno leidet förmlich unter dem Gerede, dem konventionellen small talk. Dabei fühlt er sich nicht wohl in Gesellschaft der Begüterten, die den Umgang mit den Intellektuellen pflegen. Und während der Schriftsteller am Ende den Whisky nicht ablehnt, weiß er doch, dass seine Kultiviertheit auch nur eine Form des Marktwertes ist, während seine Inhalte nicht nur nicht verstanden werden, sondern gar nicht gefragt sind.

Kultur wird dem großen Bürgertum ein Element der Repräsentation. Daß einer klug oder gebildet sei, rangiert unter den Qualitäten, die ihn einladens- oder heiratswert machen, wie gutes Reiten, Naturliebe, Charme oder ein tadellos sitzender Frack. Auf Erkenntnis sind sie nicht neugierig(MM S.356)

Die social correctness ging der political correctness noch voraus. In den USA nannte man es damals den Konformismus, der alle auf Linie hielt. Schon Toqueville hat den Konformismus als den Kitt erkannt, der die USA zusammenhielt – das war sicher besser, als der fanatische Nationalismus oder gar Rassismus, der in Europa jahrelang diesen Kitt bildete. Doch auch der Konformismus kann in eine zwanghafte Situation ausarten:

Die unablässige Forderung, das genau dem Status und der Situation Angemessene zu tun und zu sagen, verlangt eine Art von moralischem Effort. Man macht es sich schwer, der zu sein, der man ist, und glaubt so dem patriarchalischen Noblesse oblige zu genügen(MM S.359)

Der Druck zur Konformität war beständig und lässt keine individuellen Freiräume, die kollektive Identität wurde zum Obligo. Adorno bringt offenbar noch aus seiner Schulzeit traumatische Erfahrungen mit. Wie er sagt:

Im Faschismus ist der Alp der Kindheit zu sich selber gekommen.(1935)(MM S.368).

Die in Filmen der Nazizeit so frischen, zu Streichen aufgelegten Buben (Mädchen als ewig fröhliche Objekte kameradschaftlich-pubertärer Begehrlichkeit einbezogen) erinnern ihn an die ‚Patrioten‘, die ihre überbordende Kraft vor allem an schwächeren Mitschülern ausließen. Damals wie heute gab es Lehrer, die solche ‚Dummen-Jungen-Streiche‘ mit nachsichtigem Lächeln verfolgten, Richter, die die kleinen blonden Bestien mit Milde behandelten und Erwachsene, die ihre ganze Mühe darauf wendeten, die etwas fehlgeleiteten Kräfte nur ein wenig auf ihre Mühlen des Ressentiments umzuleiten. Aber lesen wir, was Adorno sagt:

Die fünf Patrioten, die über einen einzelnen Klassenkameraden herfielen, ihn verprügelten und ihn, als er beim Lehrer sich beklagte, als Klassenverräter diffamierten – sind es nicht die gleichen, die Gefangene folterten, um die Ausländer Lügen zu strafen, die sagten, daß jene gefoltert würden ? Deren Hallo kein Ende nahm, wenn der Primus versagte – haben sie nicht grinsend und verlegen den jüdischen Schutzhäftling umstanden und sich mokiert, wenn er allzu ungeschickt sich aufzuhängen versuchte ? Die keine richtigen Satz zustande brachten, aber jeden von mir zu lang fanden – schafften sie nicht die deutsche Literatur ab und ersetzten sie durch ihr Schrifttum ? (MM S.366)

Ich habe genau diesen Typus, den Adorno beschreibt auch von meiner Schulzeit an bis heute immer wieder kennengelernt. Und auch die so ‚mutigen‘ Führer der Klassen-Cliquen, die den Lehrern den Krieg erklärt hatten, sind später die ersten, die auch anderen den Krieg erklärten:

Jene aber, die immerzu trotzig gegen die Lehrer aufmuckten und, wie man es wohl nannte, den Unterricht störten, vom Tag , ja der Stunde des Abiturs an jedoch mit den gleichen Lehrern am gleichen Tisch beim gleichen Bier zum Männerbund sich zusammensetzten, waren zur Gefolgschaft berufen, Rebellen, in deren ungeduldigem Faustschlag auf den Tisch die Anbetung der Herren schon dröhnte. (MM S.367)

Die Gefahren, die in der Nachsicht mit den Ellenbogen-Menschen bestehen, denen, die gerne dreinschlagen statt zu argumentieren, sind nicht zu unterschätzen. Adorno wendet sich nicht nur gegen den brutalen frisch- fröhlichen Schläger, sondern vor allem auch gegen diejenigen, die so liberal sind, sie gewähren zu lassen. Wir sollten uns das heute hinter die Ohren schreiben, wenn manche Richter Neonazis gegenüber die Liberalität walten lassen, oder wenn Terroristen sich über unsere angeblich doch wehrhafte Demokratie lustig machen können. Rechtsstaatlichkeit ist ein hohes Gut – sie kennt eine Unschuldsvermutung jedes Angeklagten bis zur Verurteilung. Doch die rechtsextremen Schläger und die religiösen Fanatiker lassen ihre Schuld nicht nur vermuten, sondern sie sind noch stolz darauf. Nicht Nachsicht, sondern Vorsicht vor dem Gewähren-lassen ist hier angezeigt.

Dann wendet sich Adorno erneut dem Gespräch zu, dem small-talk, der ihn anwidert, denn

Jeder Gedanke wird ihnen zum Quiz entweder der Informiertheit oder der Eignung.(MM S.375)

Jedes Gespräch steht ihm unter dem Generalverdacht, nur zweckgerichtete Show zu sein. Der Selbstdarsteller hat hier seine Chance, er redet stets als wäre er in einem Bewerbungsgespräch und müsste brillieren. Dem steht auf der anderen Seite ein blasiertes Publikum gegenüber, das an den Inhalten nicht interessiert ist und nur die Punkte zusammenzählt, die der Kandidat erreicht hat.

Man spiegelt eine Art Volksfront aller recht und billig Denkenden vor.(MM S.387)

Unter dem Druck der Konformität verflachen die Gespräche. Jeder hat vielleicht schon solche Gesellschaftsspiele erlebt, in denen in einer Art Vanity Show die Gecken rhetorisch brillieren, mit Witz und Charme, oft auch mit viel Wissen, glänzen und dennoch keine Debatte aufkommen kann, weil jedes Gespräch davon geprägt ist, jegliche Ecken und Kanten zu vermeiden. Adorno zieht das substanzielle, inhaltsschwere Gespräch vor. Er wird ungerecht, wenn er das zum Maßstab des small-talk macht. Wie schon oben bemerkt, hat er die Funktion der Sprachspiele verkannt. Klima schaffen, Sympathie gewinnen oder Atmosphäre auflockern als Voraussetzung jedes Gesprächs unterschätzt er. Allerdings zeigt Adorno zu Recht die Gefahr auf, die durch diesen Konformitätsdruck entsteht. Selbst in der internationalen Gemeinschaft wird durch den Aufbau eines solchen zum Selbstzweck gewordenen Meinungsklimas erheblicher Druck erzeugt, der zur rationalen Entscheidungsfindung nicht beiträgt.

Adorno verteidigt den Fim gegen den Vorwurf der Lüge und der Stereotypie: Doch die heutige Kunst – und dazu gehört auch der trivialste Film – hat die Stereotypie vervollkommnet, sie vielfach gebrochen und reflektiert, parodiert und zitiert und doch immer wieder aufgenommen. Insoweit hat die Kunst die Rolle der Mythen übernommen. Heute kennt kaum noch jemand den Mythos von Jason, den Argonauten und dem goldenen Vlies – ein Mythos, der über 2000 Jahre lang lebendig war – dafür sind Star Wars und die Simpsons allen ein Begriff. Der Ruhm Andy Warhols hat sicher auch damit zu tun, dass er Stereotypen aufgriff, sie nicht nur umformte sondern überdehnte und zerlegte und vielfach multipliziert auswarf – sei es als Serien von Marylin Monroe Bildern, sei es in Filmen, die endlose Schlafsequenzen als eine Art potenzierte Hollywood- Bettszene wiedergeben. Warhol hat unser Bewusstsein dafür geschärft, in welchem Maße wir ständig stereotyp sehen und handeln.

Die Intellektuellen selber sind schon so sehr auf das in ihrer isolierten Sphäre Bestätigte festgelegt, daß sie nichts mehr begehren, als was ihnen unter der Marke highbrow serviert wird. Der Ehrgeiz geht allein darauf, im akzeptierten Vorrat sich auszukennen, die korrekte Parole zu treffen (MM S.397) …Die subjektive Vorbedingung zur Opposition, ungenormtes Urteil, stirbt ab, während ihr Gehabe als Gruppenritual weiter vollführt wird. Stalin braucht sich nur zu räuspern, und sie werfen Kafka und van Gogh auf den Müllhaufen.(MM S.397)

Der konformistische Intellektuelle hat keinen Zugang zum Neuen, welches wesentlich für die Kunst ist, weil er sich isoliert in seinem eigenen Saft brät. Auch er ist nur auf correctness aus, nicht auf Originalität im Urteil. Dieser Konformismus wird zuvor – und auch heute noch – auf dem Gebiet der reinen Kunst vorgeübt: sich als Mensch von Geschmack zu zeigen verlangt Konformismus, mitreden heißt sich anpassen an die Gurus der Kunstszene an die Kenner. Wenn der Richtwert dann nicht mehr von innen – aus der Kunst-Szene – vorgegeben wird, sondern von ideologischen, religiösen oder anderen Autoritäten, dann schlägt die Bereitschaft zum Konformismus in ideologische Blindheit um. Adorno nimmt die damaligen Salonbolschewisten aufs Korn, die Stalin folgen als sei er ihr Oberpriester, die die Kultur und die Kunst verraten, weil sie das konformistische Ritual dem eigenen Denken vorziehen. Intellektuelle haben ausgefeilte Wege gefunden, um ihr Banausentum zu verschleiern.

Manch ein angeblich Moderner hat sich in der Zeit verirrt, wer die Maßstäbe der Qualität nicht erfüllt, gehört nicht dazu. Adorno hat mit dem petrifizierten Zeitgeist eher diejenigen im Sinne, die kokettierend mit ihrem Unverständnis den röhrenden Hirsch ins Wohnzimmer hängen, die angeblich altmodisch sich jedem neuen Sehen verweigern. Allerdings verkennt Adorno, dass es ebenso die richtende Gewalt des Hohepriesters und Kunstrichters der Moderne gab und gibt. Das Gruppenritual, von dem Adorno sprach, ist auf der Seite der Banausen nicht anders als auf der Seite der highbrow-Kunstexperten, die in ihren Verdammungsurteilen ex cathedra über Kunst oder Kitsch entscheiden.

Sprache ist der eigenen objektiven Substanz nach gesellschaftlicher Ausdruck, auch wo sie als individueller [Ausdruck] schroff von der Gesellschaft sich sonderte.(MM S.421) – Geschichte tangiert die Sprache nicht nur, sondern ereignet sich mitten in ihr.(MM S.422)

Auch durch esoterische oder elitäre Sprache entkommt keiner seiner Gesellschaft, deren Ausdruck seine Sprache ist. Das Verhältnis von Sprache zur Geschichte will ich hier nicht weiter ansprechen. Wo sich Geschichte als zeitliche ereignet – das Wo als eine Ortsbestimmung verstanden – sei dahingestellt, in der Sprache ist ein metaphorischer Ausdruck, der im Kern nichtssagend ist. Solche Interpretationen sind sicher anregend, aber folgenlos und letztlich uninteressant.

So zieht Adorno das Fazit:

In nuce. – Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen. (MM S.428)

Wenn ein moderner Künstler ein Auto auf eine Kunstmesse stellt, wird vielleicht der Verdacht aufkommen, das Fahrzeug sei eigentlich für den Autosalon nebenan gedacht gewesen. Steht das Auto allerdings auf dem Kopf – legt man es also mit dem Dach nach unten und den Rädern nach oben hin, ist der Charakter als Kunstwerk nicht mehr zu bestreiten. Zur Kunst gehört heute offenbar die Unbrauchbarkeit. Brauchbarkeit im täglichen Leben steht zur Kunst in Widerspruch weil es sich in den Alltag ein-ordnet. Erst das Chaos, das die gewohnte Ordnung aufbricht, stößt neues Sehen an. Der Zuschauer muss erst sein Sehen ver-lernen, um es neu zu lernen, seinen Geist und oft genug (z.B. bei Video-Installationen) auch seinen Körper ver-renken, bevor er Kunst wahrnehmen kann. Paradigmatisch beginnt moderne Kunst mit dem Kubismus, der die Ordnung der Formen zerbrach und die Formen neu anordnete, und mit dem Impressionismus, der die Farben zerlegte und neu zusammen-stellte.

Als am 9.Februar 2005 in Madrid die Kunstmesse ARCO eröffnet wurde, ging kurz zuvor eine nahe bei von der Terrororganisation ETA gelegte Bombe hoch. Viele Aussteller auf der Messe glaubten tatsächlich, dass es sich vieleicht um ein Happening, um Aktionskunst handelte. Auch der Terrorismus will Chaos in die Ordnung bringen, nicht ohne Grund waren die ersten europäischen Terroristen Anarchisten, die jegliche Herrschaft durch Bomben ins Chaos treiben wollten. Ob das Ziel ein irdisches oder ein himmlisches Paradies ist, bleibt gleichgültig: die Aktion selbst wird zelebriert wie Kunst – und wie Kunst ist sie auf die mediale Aufmerksamkeit angewiesen. Die Chaoten haben übrigens sehr gut erkannt, dass es nur wenig bedarf um Chaos hervorzurufen. Wenn man bedenkt, wie eine Handvoll RAF-Terroristen die Bundesrepublik Deutschland inden siebziger Jahren erschüttert haben, dann erkennt man, welche unheimliche Macht einige wenige dsurch Terror ausüben können.

Adorno kannte den weiteren Weg der Kunst ebensowenig wie den des Terrorismus. Aber die Traditionen Bakunins und die Gewaltanbetung Sorels kannte er. Deshalb war der Satz auch damals nicht mehr unschuldig. Die Balance von Chaos und Ordnung einseitig zugunsten des Chaos aufzulösen hat weder der Kunst noch der Politik gut getan. Vielleicht hat Adorno an diesen Satz gedacht, als die Studentenrevolution von 1968 ihn zum Objekt eines künstlerisch anarchistischen Happening werden ließ, als Studentinnen Chaos in die Ordnung seiner Vorlesung brachten – und Adorno die Ordnungs-Hüter rief.

Geschmack ist die Fähigkeit, den Widerspruch zwischen dem Gemachten und dem Schein des Ungewordenen in der Kunst zu balancieren(MM S.437)

Die Helden im Film, die Stereotypen – die Adorno ja schon im Märchen vorfand – sind nur direkter, brutaler als das, was schon immer in der Kunst steckte. Auch älteste Kunst ist schon Synthese. Die Höhlenmalerei bannt das jagdbare Wild. Die moderne Kunst bildet nicht mehr nur ab, sie bildet auch ein. Der Widerspruch zwischen Gemachtem als Synthese und dem Schein des Ungewordenen, der zu Originalität des Künstlers und Einzigartigkeit des Werkes führt, muss nicht zur Geschmacklosigkeit verkommen. Aber mit der Einsetzbarkeit der Eigenschaften, wie sie der Film vorzeigt, wird auch das Leben zur Komödie, zur Schauspielerei. Der einzelne, der im Grunde schon auf der Leinwand mitspielt, bekommt und spielt seine Rolle – eine jederzeit ersetzbare Rolle, auf die andere schon warten.

Als quantité négligeable aber wird der Tod ganz eingegliedert. Die Gesellschaft hält für jeden Menschen, mit all seinen Funktionen, den wartenden Hintermann bereit, dem jener sowieso von Anbeginn als störender Inhaber der Arbeitsstelle, als Todesanwärter gilt. Danach wandelt sich die Erfahrung des Todes in die des Austausches von Funktionären.(MM S.448) – Nur eine Menschheit, der der Tod so gleichgültig geworden ist wie ihre Mitglieder: eine [Menschheit] die sich selber starb, kann ihn [den Tod] administrativ über Ungezählte verhängen.(MM S.450)

Die Ersetzbarkeit des Menschen macht gleichgültig gegen den Tod. Das ist die Krankheit des Kollektivismus, das ist die Gefahr jeglicher Versachlichung menschlicher Dinge auch in der Wirtschaft, dem Staat usw.. Das Grauen des Nationalsozialismus hat eine neue Stufe der menschlichen Nichtigkeit herbeigeführt, wo Menschen nur wie Vieh behandelt wurden – wobei der Vergleich außer Acht lässt, dass das Vieh immerhin noch einen Marktwert hat. In unserer Gesellschaft tritt der gesellschaftliche Tod schon vor dem physischen ein. Mit der Verrentung, Pensionierung oder Entlassung in die Arbeitslosigkeit als verdecktem Vorruhestand wird die Person ausgeschieden, sie ist nicht mehr da – außer vielleicht als Foto früherer Zeiten. Minister und Künstler sind schneller vergessen als sie etwas geworden sind ganz zu schweigen vom „normalen Menschen“, von dem schon zuvor kaum Notiz genommen wird. Es ist im sozialen Leben gar nicht so viel anders wie auf der Station im Krankenhaus, wo nach viel belächeltem Medizinerjargon nicht Menschen liegen sondern Lebern, Lungen, Knöchel und Mandeln.

Auch in der früheren Geschichte gab es schon grauenhafte Ereignisse. Der Mensch war schon lange dem Menschen ein Wolf. Doch:

Man kann nicht Auschwitz auf eine Analogie mit der Zernichtung der griechischen Stadtstaaten bringen als bloß graduelle Zunahme des Grauens, der gegenüber man den eigenen Seelenfrieden bewahrt. Wohl aber fällt von der nie zuvor erfahrenen Marter und Erniedrigung der in Viehwagen Verschleppten das tödlich-grelle Licht noch auf die fernste Vergangeneheit, in deren stumpfer und planloser Gewalt die wissenschaftlich ausgeheckte teleologisch bereits mitgesetzt war.(MM S.454)

Auschwitz ist mehr, auch wenn es die menschlichen Schwächen aller Zeiten nutzt, auch wenn Grausamkeit schon im Menschen angelegt ist. Die Industrie des Todes, die kollektive Vernichtung, das ist auch historisch ohne Beispiel. Das soll uns aber nicht stumpf machen für das Leid vor und nach Auschwitz. Die Monstrosität darf das leisere Grauen nicht verdecken, zumal wenn es gegenwärtig ist. Antike Sklaverei oder die Schädelpyramiden Timurs werden nicht appetitlicher dadurch, dass sie inzwischen um ein Vielfaches übertroffen wurden. Und wenn das Schlimmste noch auf das verweist, was in Früherem schon latent angelegt war, dann bedeutet das für uns nur eines: wir müssen auch heute wachsam sein – gegenüber uns selbst und anderen – und frühzeitig erkennen, was in heutiger dumpfer Gewalt schon für eine Zukunft mitgesetzt sein könnte, damit wir dort nicht unversehens hineintaumeln.

Im Kultus des Neuen und damit in der Idee der Moderne wird dagegen rebelliert, daß es nichts Neues mehr gebe. Die Immergleichheit der maschinenproduzierten Güter, das Netzt der Vergesellschaftung, das die Objekte und den Blick auf diese gleichermaßen einfängt und assimiliert, verwandelt alles Begegnende zum je Dagewesenen, zum zufälligen Exemplar einer Gattung, zum Doppelgänger des Modells.(MM S.455f.) – Der Inhalt des Schocks wird gegenüber seinem Reizwert real gleichgültig.(MM S.460)

Die Moderne hatte zur Zeit Adornos das Antlitz der Maschine. Das Modell und das Wiederholbare sind ihr Kennzeichen. Serielle Kunst ist ein Ausdruck dieser Moderne. Dabei wird auch Provokation und Schock zum wiederholbaren Mittel des Effekts. Es ist bezeichnend, dass nicht mehr nur der Name, den sich ein Künstler gemacht hat – oder der ihm gemacht wurde, den Wert des Werkes bestimmt, sondern auch die Masche, die Serie, die erst Erkennbarkeit sichert. Nicht die Freude am Werk einschließlich des Handwerks im Werk motiviert den Sammler, sondern die öffentliche Erkennbarkeit des der hat einen Goya, Beuys, Baselitz oder Kiefer dort hängen. Die Erkennbarkeit im Zeitalter der Signalfarben ist aber stets durch Überschreien gefährdet. So greift man zum Schock, um die Erkennbarkeit zu sichern. Heute in unserer postmodernen Kultur ist nicht mehr die Maschine, sondern das Netz das Paradigma der Zeit. Die Vielfalt ist zurück, Kreativität erlebt neue Möglichkeiten. Zugleich aber müssen wir das Auge schärfen für das ewig-Gleiche, die menschliche Größe und die menschlichen Abgründe, die sich im Netz spiegeln.

Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft sich in der Nachkonstruktion und bleibt ein Stück Technik.(MM S.480)

So kommt Adorno am Ende zu dem verzweifelten Schritt, alles unter dem Gesichtspunkt der Erlösung zu sehen. Der Messias kommt und wird uns retten, alle unsere Erkenntnis ist durch Erlösung erst etwas wert. Adornos „Minima Moralia“ sind ein Werk der Verzweiflung, geboren aus der Erfahrung mit dem, was schlimmer war, als es jegliche Vorstellung erlaubte: Auschwitz. Die guten, liberalen, toleranten Bürger waren zu Zuschauern und damit zu Mittätern geworden, den Schlägern und Mördern wurde nachsichtig das Feld überlassen. Wie kann da noch Kultur, Kunst, Liebe, Vergnügen existieren. Es ist eine Erlösung ohne Erlöser, eine Selbsterlösung durch eine neue Art der unio mystica des meditierenden Intellektuellen mit dem Geist.

Diese Begriffe aber sind schal geworden. Der Ruf nach ‚Erlösung‘ rückt Adorno in die Nähe Kierkegaards – aber es ist eine Erlösung ohne Glauben, von der Theodizee zur Eschatologie ist es nur ein Schritt. Allerdings liegt der gefährliche Schritt von der Hoffnung auf Erlösung zur Hoffnung auf den menschlichen, ideologischen, religiösen oder sonst ausgezeichneten Erlöser nur zu nahe. Heute trennen uns mehr als 60 Jahre von den ‚Minima Moralia‘ – sie sind zu einem Zeitdokument geworden, von dem manches uns heute fremd und zu negativ erscheint, vieles bleibt ein Anstoß zum Weiterdenken, manches sollte uns erschrecken durch seine andauernde Aktualität.